Liebe Leserin, lieber Leser,
»Neuwerk …? Okay. Schräg.« Das war Svea
Weihmanns erster Gedanke, als sie Anfang des Jahres die Stellenausschreibung
des Archäologischen Museums Hamburg entdeckte: Gesucht wurden Menschen, die bei
einer Grabung auf Neuwerk mit anpacken. Die Nordseeinsel liegt rund 14
Kilometer vor Cuxhaven, gehört aber zu Hamburg (warum, erfahren Sie hier (Z+)).
Monatelang auf einer Insel mit nur 21
Bewohnern leben? Darüber musste Weihmann erst mal nachdenken. Doch dann fand
sie gerade die Aussicht auf Ruhe verlockend. Sie bewarb sich – und bekam den
Job. Seit Juni läuft die Grabung, seither lebt die 29-Jährige auf der Insel.
Als ich Weihmann Anfang Juli interviewte, wirkte sie ziemlich zufrieden mit
ihrer Entscheidung. Was sie auf Neuwerk schon so ausgebuddelt hat, können Sie weiter unten in diesem Newsletter oder hier lesen (Z+).
Während des Gesprächs wurde
ich direkt ein bisschen nostalgisch. Vor vier Jahren habe ich selbst eine Woche
auf Neuwerk verbracht, von dort diesen Newsletter geschrieben und für ein
Inselporträt recherchiert. Auch ich fand die Ruhe toll. Und danach war ich
überrascht, wie viele Neuwerk-Fans hier offenbar mitlesen – selten bekamen wir
so viele begeisterte Mails.
Umso schöner, dass Hamburg Neuwerk inzwischen
stärker im Blick hat. Auf der Insel wird gerade nicht nur gegraben, sondern
auch gebaut: Der alte Leuchtturm wird für 22 Millionen Euro saniert, die Stadt
plant neuen Wohnraum und hat zwei traditionsreiche Hotels gekauft, gerade
werden neue Pächter ausgewählt. All das soll dafür sorgen, dass die Insel nicht
ausstirbt.
Wer nun Lust auf Neuwerk bekommen hat, muss nicht
gleich durchs Watt laufen. Noch bis zum 15. Oktober gibt es auf dem Heuberg in
der Neustadt eine Open-Air-Ausstellung über die Insel. Dort
stehen drei echte Wattwagen, Infotafeln erzählen vom Leben auf Neuwerk, außerdem
gibt’s Kaffee und Matcha, das, ähm, norddeutsche Traditionsgetränk. Ein
bisschen schräg ist das schon, aber einen Abstecher allemal wert.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag!
Ihre Annika Lasarzik
Wollen
Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten
sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de.
WAS HEUTE WICHTIG IST
Seit heute früh fahren Züge über die neue
Sternbrücke. Die mehr als 100 Meter lange und 21 Meter breite
Eisenbahnbrücke war Ende Juli durch Altona gerollt und anschließend eingebaut worden (Z+). Die alte Brücke musste
ersetzt werden, weil ihr Stahl nach rund 100 Jahren ermüdet war. Die neue
Sternbrücke soll nun täglich von fast 1.000 Zügen und S-Bahnen überquert werden.
6.000 Menschen haben laut Polizei am
Wochenende in der Innenstadt für mehr Akzeptanz und Solidarität
demonstriert. Der Demo-Rave wurde von Reclaim Hamburg
organisiert, einem Bündnis aus der elektronischen Musikkultur, und verlief ohne
besondere Vorkommnisse.
In Bergedorf ist am Sonntag ein Linienbus von der Straße abgekommen und gegen zwei Laternenmasten geprallt. An Bord
waren vier Fahrgäste, sie blieben unverletzt. Der Fahrer wurde von der
Feuerwehr aus dem Bus geborgen und in ein Krankenhaus gebracht, er verließ die
Klinik aber später wieder. Die Polizei ermittelt zur Ursache des Unfalls.
Heute beginnt der Umbau der Hamburger
Steinstraße zur »grünen Allee«. Bis Juli 2028 sollen hier unter anderem 58
Bäume gepflanzt werden, damit mehr schattige Orte und Platz für Fußgänger,
Fahrradfahrer und Außengastronomie entsteht. Das Konzept für den
Umbau ist nach Beratungen des Runden Tischs Innenstadt entstanden, einem
Gremium aus Vertretern von Verbänden, Unternehmen und Verwaltung unter der
Leitung des Ersten Bürgermeisters
Peter Tschentscher (SPD).
In einer Unterkunft für
Geflüchtete in Harburg ist am Wochenende ein Mann verletzt worden. Nach
bisherigen Erkenntnissen der Ermittler waren mehrere Personen in der Unterkunft
in Streit geraten. Der 27-Jährige wurde danach mit Stichverletzungen am Rücken
ins Krankenhaus gebracht. In Lebensgefahr schwebe er nicht. Die Ermittlungen
zur Tat dauern aber an.
Nachricht des Tages
Nicht nur an
Schulen, auch an den Hochschulen wird gespart. Das gab Wissenschaftssenatorin
Maryam Blumenthal am Freitag bei der Sitzung des Wissenschaftsausschusses der
Hamburgischen Bürgerschaft bekannt. Besonders hart treffen ihre Pläne die
HafenCity Universität (HCU), deren jährliches Budget von 34,87 Millionen Euro im Jahr 2028 einmalig um 12
Millionen gekürzt werden soll. So will die Grünen-Politikerin die Hochschule zwingen, ihre
Rücklagen aufzubrauchen, die sich auf 37 Millionen belaufen sollen.
HCU-Präsident Jörg Müller-Lietzkow widersprach dieser Darstellung, ohne Details zu
nennen. Während sich andere
Hochschulpräsidenten in Zwangsoptimismus übten – die Lage sei hart, da müsse
man jetzt gemeinsam durch – ging Müller-Lietzkow auf Konfrontationskurs
mit dem Senat. Er verweigerte seine Unterschrift unter den Ziel- und
Leistungsvereinbarungen und kündigte an, den Bachelor in Technischer
Gebäudeausstattung einstellen zu müssen. Dieser Studiengang bildet Fachkräfte
aus, die Immobilien für den Klimawandel ertüchtigen.
Weitere Kürzungen treffen die Hochschule für
Angewandte Wissenschaften, die einen Master für Pflegeberufe aussetzt, die JazzHall an der Hochschule für
Musik und Theater sowie die Förderung ausländischer Studierender. Zur Begründung ihrer Sparpolitik
verwies Blumenthal auf die schlechte Wirtschaftslage, auf steigende
Kosten bei den sozialen Leistungen sowie auf eine Bundespolitik zuungunsten der
Länderfinanzen.
Von Oskar Piegsa
AUS HAMBURG
»Ich sage Ihnen, da werden auch harte Feuerwehrmänner emotional«
Drei Stunden lang saßen
Menschen auf dem Dom in einem Kettenkarussell fest, 25 Meter über dem Boden.
Dann kamen Höhenretter Andreas Röder und seine Kollegen. Wie meistert man so
was? Im Interview mit ZEIT-Autor Tom Kroll erzählt Röder, wie sie die Menschen
befreit haben – und von manch weit belastenderen Einsätzen. Lesen Sie hier
einen Auszug aus dem Gespräch:
DIE ZEIT: Herr Röder, Sie sind Höhenretter und wurden am Dienstag alarmiert, um zum
Hamburger Sommerdom zu fahren.
Andreas Röder: Ja, als gegen 22 Uhr der Anruf kam, waren meine vier Kollegen und ich an
der Kandinskyallee, beim Heizwerk Mümmelmannsberg, an einem riesigen Kühlturm.
Dort hatten wir kurz zuvor Spider-Man von einem 80 Meter hohen Kühlturm geholt.
ZEIT: Sie haben was?
Röder: Ein junger Mann, der aus der Ferne aussah, als hätte er sich ein
Spider-Man-Kostüm angezogen, war ungesichert über eine fest installierte Leiter
auf einen Kühlturm geklettert. Er wollte dort oben Alkohol trinken und stand
bereits an der Spitze. Wir haben uns unsere Gurte angezogen und sind zu ihm
hoch. Auf halbem Weg kam er uns dann entgegen. Wir haben ihn mit unserem
Material gesichert und hinunterbegleitet.
ZEIT: Ein guter Zeitpunkt, um eine Pause zu machen.
Röder: Ja, aber gerade als wir unsere Gurte ausziehen wollten, klingelte das
Telefon. Die Einsatzzentrale der Feuerwehr war dran. »Hier braut sich
was zusammen«, sagte mir der Mitarbeiter. Die für den Dom zuständige
Wirtschaftsbehörde habe angerufen, auf dem Gelände gebe es ein Problem: Es
hieß, der Betreiber des Riesen-Kettenkarussells bekäme die Leute nicht mehr auf
den Erdboden. Er tüdele noch herum, aber das werde wohl nichts. Wir fünf
Höhenretter sind dann mit unserem Gerätewagen los Richtung Kiez. Als wir
ankamen, sahen wir schon von Weitem: Oh ja, die stecken noch fest. Dann
trudelte schon der Einsatz über unsere Empfangsgeräte ein.
ZEIT: Wie ging es weiter?
Röder: Wir sind dann unter Blaulicht und Polizeigeleit aufs Gelände gelotst
worden und parkten dicht am Karussell. Wir waren die Ersten am Einsatzort. Nach
und nach kam die halbe Feuerwehr Hamburg. Es war ein bisschen
chaotisch. Sie müssen sich das so vorstellen: Der Dom ist noch in vollem Gange
und am Fahrgeschäft wuselt die Schaustellerfamilie – der Schwager, der Vater,
der Sohn und die Mitarbeiter – herum. Die haben bei so einem Vorfall natürlich
Angst, auch um ihre Existenz. Ich habe zunächst mit dem technischen
Verantwortlichen über das Problem am Fahrgeschäft gesprochen. Dann haben wir
geprüft, ob es den Menschen oben gut geht. Wir sind alle ausgebildete Notfall-
und Rettungssanitäter.
Wie es schließlich gelang, die Menschen herunterzubekommen
und wie es Röder und seinen Kollegen in dem Moment ging, lesen Sie weiter in der
ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+)
SCHON GELESEN?
»Mich
reizt die Abgeschiedenheit«
Nur 21 Menschen leben dauerhaft auf der Insel Neuwerk.
Die Archäologin Svea Weihmann kündigte ihren Job, um bei ihnen zwischen
Leuchtturm und Watt die Inselgeschichte auszubuddeln. In unserer Serie »1 von
1,9 Millionen« erzählt sie davon.→ Zum Protokoll (Z+)
DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN
Die Schriftstellerin Jarka Kubsova stellt
Mittwochabend im Centralkomitee ihren neuen Roman Im Licht des neuen Tages vor,
in dem Mythologie und Realität im böhmischen Wald aufeinandertreffen. Moderation und Gespräch macht Natascha Geier.
Im Licht des neuen Tages, 2. 9., 20 Uhr,
Centralkomitee, Steindamm 45, Tickets gibt es hier
MEINE STADT
HAMBURGER SCHNACK
In einem Gelenkbus der Linie 26 von Rahlstedt nach
Farmsen ist der Fahrer flott unterwegs. Nach einer auch scharf gefahrenen Kurve
sagt eine ältere Dame: »Der glaubt wohl, er hat einen Porsche unter dem
Hintern«.
Gehört von Jochen Plock
Das war die Elbvertiefung, der tägliche
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