Liebe Leserin, lieber Leser,
am
Freitag hat in Hamburg die Freiluftsaison begonnen: Nachbarn
schleppten Gasgrills auf den Balkon, überall wurden Sonnenschirme
aufgeklappt, und am Elbstrand war die Hölle los. Doch ich zog es
vor, den Tag drinnen zu verbringen.
Denn
in der Elbphilharmonie startete der Miles-100-Marathon. Anders als
beim Hamburg-Marathon läuft hier niemand nach 2:04:24 Stunden ins
Ziel. Es handelt sich um einen Marathon im Sitzen, der mehr als 50
Stunden dauert, verteilt auf sechs Tage: Es ist der Versuch, zum 100.
Geburtstag der Jazz-Legende Miles Davis 64 seiner Platten
hintereinander durchzuhören.
»Ich
bin ein riesen Miles-Davis-Fan!«, sagt Christoph Lieben-Seutter, der
Intendant der Elbphilharmonie. Doch Davis stellt das Konzerthaus vor
ein Dilemma. Klassische Komponisten wie Bach, Mozart und Beethoven
hinterließen ihre Werke in Schriftform. Unter den Lebenden findet
sich niemand, der die Meister noch selbst musizieren hörte. Es gibt
also keinen Originalklang ihrer Musik, bloß unterschiedliche
Interpretationen von Nachgeborenen. Bei Miles Davis ist es anders: Er
hat uns seinen Sound auf Schallplatten hinterlassen. Mit der Folge,
dass Neuinterpretationen im schlechtesten Fall wie ein Abklatsch oder
falsch klingen.
Daher
der Miles-100-Marathon, der in den leer
stehenden
Räumen des Störtebeker-Restaurants stattfindet. Gespielt wird
Vinyl, überwiegend Originalpressungen, auf einer Klangfilm Bionor
KL-L433 Lautsprecherkombination, die ursprünglich in Kinos
eingesetzt wurde. Betrieben
wird diese Anlage vom Team der Riaa-Bar in Altona. Es gibt auch eine
Auswahl an Drinks aus der Bar Pacific im Schanzenviertel.
Musik
kann einen Raum verändern, das war am Freitag zu erleben: Am
Nachmittag, als sich die Nadel erstmals in die Rille senkte,
lauschten ein paar Dutzend Audiophile mit großem Ernst Birth
of the Cool. Wenn
jemand tuschelte, kam sofort die Ermahnung des Sitznachbarn: »Muss
das sein?«
Abends,
als zu
Walkin’ draußen
die Hafenlichter glitzerten, drängten sich zahllose Menschen um die
Bar, doch die Trompete von Miles Davis schnitt sich mühelos durch
das aufgekratzte Geschnatter dieser Sommernacht.
Nachts
um kurz vor 1 Uhr hatte sich der Raum geleert. Ich hing zusammen mit
einigen Versprengten in den Seilen, während als Zugabe Miles Davis’
hinreißender Soundtrack zu Fahrstuhl
zum Schafott lief.
Man
braucht also Durchhaltevermögen für diesen Marathon – aber dafür
kann man auch hier so etwas wie ein Runner’s High erleben.
Heute,
morgen und übermorgen läuft der Miles-100-Marathon noch jeweils von
17 Uhr bis kurz vor Mitternacht. Der Eintritt ist frei, aber Sie
benötigen ein Plaza-Ticket, um in die Elbphilharmonie zu gelangen.
Kommen
Sie gut in die Woche!
Ihr
Oskar Piegsa
Was heute wichtig ist
Am Flughafen konnten gestern Nachmittag für etwa zweieinhalb Stunden keine Flugzeuge starten und landen. Grund war ein Kleinflugzeug, das beim Aufsetzen zu Schaden gekommen war. Es musste geborgen und die Bahn von Trümmerteilen befreit werden. Die zwei Passagiere sollen unverletzt geblieben sein.
71
Prozent der Menschen in Hamburg, Schleswig-Holstein und Bremen
bewerten das soziale Miteinander als schlecht.
Das zeigt eine repräsentative Forsa-Umfrage im Auftrag der
DAK-Gesundheit. Befragte beklagten etwa zunehmende Respektlosigkeit
und Aggressivität.
In
Hamburg sind 2025 100 Menschen an Drogen gestorben: 84
Männer, 16 Frauen. Das Durchschnittsalter lag bei 40,5 Jahren. Ein
Opfer war unter 16, fünf waren über 60. Die
Zahl war ähnlich hoch wie 2024,
als 102 Menschen in der Stadt durch den Konsum von Kokain, Heroin,
Ersatzdrogen wie Methadon oder anderen
Rauschgiften
starben.
Ein
Siebenjähriger
ist am Samstag auf dem Steindamm verschwunden
und eine groß angelegte Suchaktion gestartet worden. Vier Stunden
später tauchte der Junge wohlbehalten wieder auf, er war laut
Medienberichten allein 60 Kilometer mit der Bahn nach Hause
gefahren.
Justizsenatorin
Anna Gallina (Grüne) setzt sich für eine längere
Verfolgbarkeit von schweren Sexualstraftaten
ein. Sie will den Paragrafen 177 im Strafgesetzbuch ändern, der die
Bestrafung bei sexuellen Übergriffen, sexueller Nötigung und
Vergewaltigung regelt.
Aus Hamburg
»Ich habe keine Angst vor linken Gedanken«
Erneut wurde einer
linken Buchhandlung die Kulturförderung des Bundes verwehrt.
Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda findet das falsch – und ging
demonstrativ einkaufen. ZEIT-Autor Christoph Twickel hat ihn
zu seinem Besuch interviewt. Lesen Sie hier einen Ausschnitt.
DIE
ZEIT: Herr Brosda, nachdem bekannt
wurde, dass die Buchhandlung im Schanzenviertel keine Kulturförderung
mehr aus Bundesmitteln bekommen soll, haben Sie diese Buchhandlung
besucht. Warum?
Carsten
Brosda: Ich war – höflich formuliert
– verdutzt darüber, dass das Bundesinnenministerium jetzt
mitteilt, wer künftig noch in der Kultur förderfähig ist und wer
nicht. Ich wollte dann mal deutlich machen, dass Buchhandlungen
geistige Tankstellen sind, und dass es dem einen oder anderen, der
gerade Angst vor Buchhandlungen hat, auch guttun würde, sich mal
dort auftanken zu lassen. Außerdem brauchte ich ohnehin noch Bücher
fürs Wochenende …
ZEIT:
Ach ja, was haben Sie gekauft?
Brosda:
Gelb, auch ein schöner Gedanke
von Nefeli Kavouras und Mit dir, da
möchte ich im Himmel Kaffee trinken
von Sarah Lorenz, sie ist auch eine ehemalige Mitarbeiterin der
Buchhandlung im Schanzenviertel.
ZEIT:
Die Buchhandlung bekennt sich dazu,
Teil der linken Szene zu sein. Das finden Sie aber unproblematisch?
Brosda:
Ganz platt gesagt: Alles, was nicht verboten ist, ist erst mal
erlaubt. Wir leben in einer offenen Gesellschaft und zu der gehört
auch, dass Buchhändler oft auch noch etwas anderes machen als Bücher
verkaufen. Ich habe keine Angst vor linken Gedanken. Das mag anderen
anders gehen. Ich suche auch nach Büchern, die mich aufregen, nicht
nur nach solchen, die mir recht geben. Weil es mich schlauer macht –
entweder ich lerne etwas, oder ich schärfe meine eigenen Argumente.
Ob
Carsten Brosda auch in einer rechten Buchhandlung shoppen gehen würde
und was er zu den Ansichten von Wolfram Weimer (CDU), dem
Kulturbeauftragten der Bundesregierung, sagt, lesen Sie in der
ungekürzten Fassung. →
Zum Interview (Z+)
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und sie dokumentieren den Alltag von Menschen mit und ohne
Migrationsgeschichte aus migrantischer Perspektive. In der
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»Früher
hießen wir Gastarbeiter«, bis 17. Mai 26, Di. bis So. 10–18 Uhr,
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Meine Stadt
© Stine Agthe
Hamburger Schnack
Neulich
stand ich bei strahlendem Sonnenschein an einer Bushaltestelle in der
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Gehört
von Sonja Brinschwitz
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