Mitte Juli betrat DJ Barbara Butch vor fünftausend Zuschauern in Grenoble eine Freiluftbühne. Sogleich begannen gut hundert Demonstranten, die fünfundvierzigjährige französische Musikerin auszubuhen. Trillerpfeifen, Mittelfinger, bald flogen Wurfgeschosse in Richtung Mischpult. Nach etwa zwanzig Minuten musste der Auftritt abgebrochen und die Künstlerin unter Polizeischutz weggeführt werden.
Die Protestierenden, angeführt durch den Präsidenten der lokalen Gruppe der linksextremen Partei La France insoumise (LFI), warfen Butch das „Pinkwashing“ Israels vor: Als Lesbe werbe sie in queeren und liberalen Kreisen um Sympathie für den Judenstaat. Konkret ging es um ihre Unterstützung für einen umstrittenen Gesetzesvorschlag sowie um einen Auftritt bei der Tel Aviv Pride 2025.
Auch ihr Mea culpa besänftigte die Kritiker nicht
Tatsächlich hatte Butch im März dieses Jahres einen Aufruf zugunsten der sogenannten „Loi Yadan“ unterzeichnet, deren Entwurf einen Monat später von den Initiatoren in Frankreichs Nationalversammlung zurückgezogen wurde. Dieser Text sollte neue Formen des Antisemitismus bekämpfen, war allerdings umstritten. Laut Kritikern – unter ihnen Etienne Balibar, Didier Fassin und weitere renommierte Wissenschaftler, die in „Le Monde“ einen offenen Brief zum Thema veröffentlicht hatten – habe der Gesetzentwurf gezielt Antizionismus mit Antisemitismus gleichgesetzt und versucht, die öffentliche Debatte sowie die akademische Forschung zu beschneiden, „insbesondere da, wo es um die Situation in Palästina, um Verstöße gegen das Völkerrecht und um die kritische Analyse der Politik eines Drittstaats geht“.
Butch war sich bald selbst des heiklen Charakters dieses Textes bewusst geworden. Sie hätte den betreffenden Aufruf nicht unterzeichnen sollen, sagte die Künstlerin im Frühjahr mehrfach. Ursprünglich habe sie nicht die „Loi Yadan“ als solche unterstützen wollen, deren Wortlaut sie gar nicht gelesen habe, sondern den Kampf gegen Antisemitismus. Als Jüdin habe sie ihr Leben lang unter Judenhass gelitten.

Butchs Kritiker in Grenoble erkannten indes weder dieses öffentliche Mea culpa an noch die Tatsache, dass die Musikerin bei der Tel Aviv Pride gar nicht aufgetreten war, sondern in der Residenz des französischen Botschafters im Rahmen einer Privatveranstaltung vor dreißig Gästen. Butch wegen dieser beiden „Anklagepunkte“ als „Komplizin der Völkermörder“ zu brandmarken, ist nicht einfach überzogen, sondern handfest strafwürdig.
Die Musikerin hat Anzeige wegen „öffentlicher Anstachelung zu Hass und Gewalt, Beeinträchtigung der künstlerischen Schaffensfreiheit, Gewalt, Cybermobbing, Diffamierung und öffentlicher Beleidigung“ erstattet. Schon nach der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele 2024, wo sie in einem an Leonardo da Vincis „Abendmahl“ erinnerndem Tableau aufgetreten war, und erneut Ende 2025 nach ihrer Ernennung zur künstlerischen Leiterin der Pariser Nuit blanche war sie widerwärtigen Anfeindungen ausgesetzt.
Ein Flugblatt zeigt Butch vor Regenbogenfahne mit Davidstern
In Grenoble wurde Butch allerdings nicht nur kritisiert und boykottiert, sondern bedroht. Die Freiheit, Dissens mit jemandes tatsächlicher oder unterstellter Meinung auszudrücken, endet dort, wo Glasflaschen zu fliegen beginnen. „Eine jüdische Künstlerin anzugreifen, wird Palästina nicht befreien“, schrieben daher mehr als dreihundert Unterzeichner einer Solidaritätserklärung in „Libération“. Sie verwahrten sich darin auch gegen das Vorurteil, Juden – alle Juden – „wären einem fremden Staat untertan, dessen Interessen sie insgeheim verteidigten“. Mehr noch als Gewalt und Gemeinheit schockierten am Grenobler Angriff die kaum verhohlenen antisemitischen Anspielungen. Ein vor Ort verteiltes Flugblatt zeigte Butch blutverschmiert vor einer Regenbogenfahne mit Davidstern; während ihres Auftritts ertönte der Schmähruf „dreckige Zionistin!“.
Spätestens seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 spielt LFI mit dem Feuer des Judenhasses. Die Partei hat sich monatelang geweigert, das barbarische Gemetzel als einen Terroranschlag zu bezeichnen. Stattdessen bemühten sich ihre Vertreter, „die bewaffnete Offensive palästinensischer Kräfte unter Führung der Hamas“ in den „Kontext der Intensivierung von Israels Besetzungspolitik in Gaza, im Westjordanland und Ostjerusalem“ zu stellen. Kontextualisieren lässt sich vieles, und oft mit gutem Grund. Aber manche Dinge muss man beim Namen nennen, sonst macht man sich der einseitigen Parteinahme schuldig. Wie Ende 2023 die Verbrechen der Hamas schweigt LFI heute jene der Hizbullah tot – und konzentriert sich stattdessen ganz und gar auf jene der israelischen Regierung.
Mélenchon sucht den Nahostkonflikt nach Frankreich zu importieren
Dafür banalisiert der Vorsitzende der Partei, Jean-Luc Mélenchon, den Holocaust, indem er den Präsidenten der Universität von Lille mit Adolf Eichmann vergleicht, witzelt über die Aussprache von Namen wie „Glucksmann“ oder „Epstein“ und befindet, Jesus sei „durch die eigenen Landsleute ans Kreuz“ genagelt worden. So er nicht französische Spitzenpolitiker jüdischer Abstammung dafür an den Pranger stellt, „einen ausländischen Standpunkt“ einzunehmen, „internationale Finanz“ zu denken oder „in Tel Aviv zu campieren“ („camp“ heißt „Lager“, mit den entsprechenden Konnotationen). Diese und andere „Ausrutscher“ aktivieren Chiffren wie „Geld“, „Partei des Auslands“ und „Volk der Gottesmörder“ – was Mélenchon, ein historisch beschlagener alter Hase, sehr wohl weiß.
Lange Zeit völlig gleichgültig gegenüber der Problematik, setzt der LFI-Vorsitzende heute gezielt auf den „Import“ des Nahostkonflikts nach Frankreich, dem EU-Mitgliedstaat, der nicht nur die größte jüdische, sondern auch und vor allem die (neben Deutschland) größte muslimische Gemeinschaft besitzt. So hofft LFI, Wähler mit entsprechendem Hintergrund namentlich in unterprivilegierten Banlieues zu ködern.
Die Rechnung ging bis jetzt auf: Bei den EU-Wahlen 2024 konnte die Partei ihren Stimmenanteil um mehr als die Hälfte auf knapp 10 Prozent steigern. Und im Hinblick auf die nächstjährige Präsidentenwahl arbeitet Mélenchon darauf hin, sich mit einem radikalen, konfliktträchtigen Kurs und einem laut eigener Charakterisierung „unverblümten und unfrisierten“ Redestil einen festen Wählersockel zu sichern. Dieser soll ihn vor dem Hintergrund der starken Zersplitterung links, rechts und in der Mitte in die zweite Wahlrunde hieven – wo er womöglich Marine Le Pen gegenüberstünde, der Führerin des rechtsextremen Rassemblement National (RN). In der Stichwahl zwischen zwei „Extremisten“ könnte der Gemäßigtere siegen – und Mélenchon ist sich sicher, dass die Mehrheit der Wählerschaft ihn als diesen ansehen wird. Ein gewagtes Kalkül: Schon 2024 wurde LFI in einer Umfrage als eine größere Gefahr für die Demokratie eingestuft als der RN.
Noch steht in den Sternen, wer 2027 in Frankreich Präsident wird. Sicher ist dagegen dies: Judenfeindlichkeit hat unter LFI-Anhängern seit 2023 um 10 Prozentpunkte zugenommen, derweil sie in der RN-Gefolgschaft um 7 Punkte gesunken ist. Die beiden Parteien liegen laut dem jüngsten Jahresbericht der Nationalen Beratenden Kommission für Menschenrechte in Sachen Durchseuchungsgrad mit antisemitischen Vorurteilen Kopf an Kopf: 47 Prozent für LFI, 48 Prozent für den RN. Indem er der von Neonazis und ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS mitgegründeten Partei von Marine Le Pen hilft, sich vom Vorwurf des Antisemitismus reinzuwaschen, ist Jean-Luc Mélenchon, so „Le Monde“, „zum nützlichen Idioten der Rechtsextremen geworden“.
