Professor Zhang, wie genau kam es zur Eislawine im Himalaja, und wie brach sie sich Bahn?
Der Gletscher auf der nepalesischen Seite brach auf 5200 Metern zusammen, wo sich eine große Menge Eis vom Hauptkörper des Gletschers löste. Das Eis stürzte hinab, traf auf den Grenzfluss, riss viel Geröll mit sich und verwandelte sich in eine Flutwelle. Diese Flutwelle breitete sich bis zu 100 Kilometer aus und erreichte sogar die Grenzgebiete zwischen Nepal und Indien. Ob dahinter das Auftauen des Permafrosts oder andere Faktoren stecken, wissen wir nicht.

Wie schätzen Sie die Größe und das Volumen der Eis- und Schlammwelle ein?
Satellitenbilder deuten darauf, dass der Eiskörper etwa 600 Meter lang ist; das genaue Volumen ist noch unbekannt. Es wird geschätzt, dass die Gesamtmasse, die in den Fluss geflossen ist, einige Millionen Kubikmeter beträgt. Das ist ziemlich gewaltig. Eine Eislawine ist, als würde eine Bombe aus großer Höhe auf tiefer gelegenes Gelände fallen.
Haben Sie in Ihrer Karriere schon einmal eine so große Lawine erlebt?
Sie ähnelt der Chamoli-Katastrophe in der indischen Provinz Uttarakhand im Jahr 2021. Auch sie wurde durch eine Eislawine verursacht, die Infrastruktur und Wohnhäuser in einer Entfernung von Dutzenden Kilometern vom Ausgangspunkt der Lawine traf.
Satellitenbilder vor und nach der Sturzflut
Wie groß ist die Gefahr einer weiteren Flutwelle, jetzt wo Trümmer den Fluss Donglin Zangbo beziehungsweise Lende Khola an einer Stelle blockieren und einen Schuttdamm bilden, der zusammenbrechen könnte?
Die Eislawine hat ihn blockiert und einen Stausee entstehen lassen. Dieser Stausee enthält rund zwei Millionen Kubikmeter Wasser. Wir haben Informationen, dass in den nächsten zwei bis drei Tagen aufgrund des Zuflusses aus dem Oberlauf weitere drei Millionen Kubikmeter Wasser in diesen Stausee fließen. Ob der Stausee bricht, hängt vom Wasservolumen und der Stabilität des natürlich entstandenen Staudamms ab. Aber dieser Stausee liegt in tieferer Lage, und das Wasservolumen ist im Vergleich zu der Masse, die sich hoch oben vom Gletscher gelöst hat, nicht besonders groß. Das wird also wahrscheinlich keine zweite Flutwelle auslösen, die mit der vorherigen vergleichbar wäre.
Vor vier Jahren identifizierten chinesische Wissenschaftler mehr als 550 der rund 24.000 Gletscherseen im Himalaja als „Hochrisikogletscher“. Was ist seitdem geschehen, und gehörte der nun betroffene Gletscher zu diesen Hochrisikogletschern?
Da ging es um Gletscher und Gletscherbettseen. 2025 etwa gab es eine ähnliche Katastrophe, die durch einen Gletschersee-Ausbruch im Norden ausgelöst wurde. Der massive Abfluss von Wasser aus dem Gletscher verursachte eine Überschwemmung. Wir schenken auch den Gletschersee-Ausbrüchen große Aufmerksamkeit. Doch bei der aktuellen Katastrophe handelt es sich um eine Eislawine. Das sind zwei verschiedene Phänomene, aber beide hängen mit dem Gletscher zusammen.
Inwieweit hat der Klimawandel Anteil an der Eislawine?
Diese Katastrophe ist größtenteils auf den Klimawandel zurückzuführen. Auch wenn der Klimawandel nicht für alle Veränderungen hier verantwortlich ist. In der Himalaja-Region sind die Gletscher in den letzten vier Jahrzehnten um 30 Prozent zurückgegangen. Wir beobachten einen massiven Wandel, weil die Gletscher instabiler werden. Auch das darunterliegende Permafrostsystem könnte auftauen, was die Dynamik des Gletscherwachstums und seiner Bewegung verändern kann.
Wie wahrscheinlich ist es, dass Katastrophen wie diese häufiger auftreten?
Für Gletscherseeausbrüche gibt es Prognosen, dass deren Wahrscheinlichkeit in diesem Jahrhundert zunimmt. Über Eislawinen liegen dagegen weniger Informationen vor. Bei Eislawinen muss man ermitteln, wie viel Gletschermasse sich im instabilen Zustand befindet und wo sie sich geographisch etwa in Bezug auf ihre Neigung befindet.
Wie viel Prozent der Gletscher halten Sie für instabil?
Wie viele Menschen sind angesichts der Instabilität der Region gefährdet?
270 Millionen Menschen stehen in direktem Kontakt mit dem Wasser aus dem Himalaja-Plateau und den Gletscherflüssen. Hinzu kommen fast zwei Milliarden Menschen, die Wasser aus der Region beziehen. Wenn wir jedoch wirklich überprüfen wollen, wie viele Menschen von den Gletschern und potentiellen Gletscherseeausbrüchen oder Eislawinen betroffen sein können, brauchen wir Simulationen zu Eislawinen und dazu, wie nah die Menschen an den jeweiligen Gletschergebieten leben.
Wie bewerten Sie die Kritik an unzureichenden Frühwarnsystemen?
Technisch gesehen hat ein seismischer Sensor das Signal der Erschütterung erfasst. Zunächst wurde es als Erdbeben und nicht als Eislawine interpretiert. Und im Unterlauf auf nepalesischer Seite hat ein Wasserstand-Sensor ein Signal über einen massiven Anstieg des Wasserstands registriert. Dieser wurde jedoch durch die Flut beschädigt. Daher wurde das Frühwarnsignal nicht korrekt an die Regierung weitergeleitet. Derzeit verfügen wir über keine wirksamen Frühwarnsysteme. Alles geschah viel zu schnell. Wenn die Vorlaufzeit zu kurz ist, bleibt keine Zeit, Frühwarnsignale wirksam auszusenden. Zudem haben wir keine flächendeckenden Frühwarnsysteme in den Gletschern. Diese liegen zu hoch und sind in der Regel schwer erreichbar. Nach dieser Katastrophe werden die Menschen wohl Satellitenbilder nutzen, um festzustellen, welche Gletscher instabil sind. Die Überwachung am Ort ist aber schwierig und kostspielig.
Hätte die grenzüberschreitende Kommunikation besser sein können?
Unser ICIMOD-Zentrum ist eine regionale Organisation, die forscht und Wissen verbreitet. Fortschritte kommen manchmal nur langsam voran – nicht nur aufgrund von Wissenslücken, sondern auch wegen geopolitischer Faktoren und Kommunikationsherausforderungen über Länder-, Kultur- und Sprachgrenzen hinweg.
Worauf konzentriert sich Ihr Institut in diesem Zusammenhang?
ICIMOD sensibilisiert für das Schmelzen des Permafrosts, also des unterirdischen Teils des Eises. Er hält den Gletscher zusammen. Veränderungen dort sind noch schwerer zu erkennen, da es in dieser Höhenlage für Permafrost kein flächendeckendes Überwachungsnetz gibt. Wenn das unterirdische Eis zu schmelzen beginnt, fließen Boden und Gestein ins Tal. Man stelle sich vor, wie das Eis vom Gletscher abbricht, schmilzt und dann bis hinunter ins Tal fließt. Gleichzeitig schmilzt unterirdisch Wasser. Das kann ebenfalls die Bewegungen verstärken. Es ist nur eine Hypothese, aber wir brauchen Überwachung und mehr Forschung, inwiefern auch tauender Permafrost zu dieser Katastrophe beigetragen hat.
Auf chinesischer Seite hat die Eislawine mehrstöckige Gebäude weggerissen. Was muss getan werden, um besser zu bauen?
Diese Katastrophe lehrt uns eine große Lektion. Wenn wir in Zukunft Infrastruktur bauen, müssen wir nicht nur darüber nachdenken, wie wir die Widerstandsfähigkeit erhöhen können. Wir müssen auch über den Standort der Infrastruktur nachdenken.
