Die Dampflokomotive mit der Nummer 23.042 hat schon viel gesehen. Bei Henschel in Kassel produziert, nahm sie die Bundesbahn kurz vor Weihnachten 1954 in Betrieb und stationierte sie im Bahnbetriebswerk Mönchengladbach, wo sie mit ihrer Kraft von 1785 PS vor Personen- und Eilzüge gespannt wurde. Als sie am Niederrhein jeden Bahnhof kannte, verschlug es sie 1965 nach Bestwig im Sauerland. Schließlich versetzte man sie noch nach Crailsheim, von wo aus sie bis 1975 mit bis zu 110 Kilometern in der Stunde wiederum Personenzüge schnaufend durch die Lande zog.
Nach einer Laufleistung von 1,6 Millionen Kilometern genießt die 23.042 heute ihren Ruhestand im Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein. 21 Meter lang, der Kessel tiefschwarz, die Räder knallrot, glänzt sie in der Abendsonne, bereit zu gelegentlichen Ausflügen. Wohlwollende Helfer haben sie nach Jahrzehnten des Stillstands in unzähligen Arbeitsstunden wieder fahrfähig gemacht. Schon ein halbes Jahrhundert bietet die Anlage am Rande der Wissenschaftsstadt der Lokomotive einen Altersruhesitz, sie zählt damit zu den frühesten Exponaten in der Geschichte des Museums, das in dieser Woche den 50. Jahrestag seiner Gründung feiert.

Zufall ist es nicht, dass die Außerdienststellung der beeindruckenden Lokomotive und die Gründung des Museums zeitlich nahe beieinander lagen. Es war ja eben die Abschaffung der letzten Dampfloks durch die Bundesbahn in den Siebzigerjahren, die an mehreren Orten der Bundesrepublik Enthusiasten dazu bewegte, nach Aufbewahrungsmöglichkeiten für wenigstens einige der Ungetüme zu sorgen, die mehr als ein Jahrhundert die Welt der Eisenbahn geprägt hatten.
Der konkrete Anlass war ein bisschen skurril. Ein Student hatte eine Dampflok bei einem Preisausschreiben der Bundesbahn gewonnen und musste sie unterbringen; er und vier weitere Studenten, die meisten angehende Maschinenbau-Ingenieure, legten schließlich den Grundstein auf dem Gelände des früheren Bahnbetriebswerks von 1898. Es steht seit 2017 unter Denkmalschutz. Dessen Mittelpunkt ist die funktionsfähige Drehscheibe aus dem Jahr 1920 mit dem angeschlossenen Ringlokschuppen.
150 Lokomotiven, Waggons und Spezialfahrzeuge
Heute zählt das Museum in Kranichstein zu den wichtigsten in Deutschland mit 150 Fahrzeugen aller Art, von weiteren Dampflokomotiven über Diesel- und Elektroloks bis zu Waggons und Spezialfahrzeugen aller Art. Ein Spaziergang über das weitläufige Gelände ist ein Gang durch die Geschichte der Eisenbahn. Dahinten parkt ein dunkelroter Schienenbus, jahrzehntelang das Standardangebot der Bundesbahn auf Nebenbahnen. Dort hat es sich eine Reihe von Personenwagen bequem gemacht, wie man sie nur noch aus alten Filmen kennt. Und auf einmal taucht sogar eine Elektrolok der Baureihe 103 auf, eines der jüngsten Exponate, im Baujahr 1970 und danach der Stolz der Bundesbahn und vielleicht die schönste Lokomotive, die je auf deutschen Schienen unterwegs war.
Von 1991 an wurde die 103.101-2, wie ihr offizieller Name lautet, vor den Lufthansa-Airport-Express gespannt, der zwischen Frankfurt und Stuttgart pendelte, eine innovative Idee, um Kurzstreckenflüge zu ersetzen – man brauchte ein Flugticket, um mitzufahren statt einer Bahnfahrkarte. Die weiß-gelbe Lackierung jener Epoche hat die E-Lok jedoch später verloren. Dass sie die Züge mit 10.115 PS zog, also dem nahezu Sechsfachen dessen, was die nur 16 Jahre ältere Dampflok zu leisten vermochte, zeigt den technischen Fortschritt in jenen Jahren.

Der großzügige Wagenpark ist ebenso wie das 3,5 Hektar große Gelände eine Dauerbaustelle. Sieben Lokomotiven sind derzeit fahrfähig, von ihnen wiederum sind drei so perfekt instand gesetzt, dass sie auch außerhalb des Museums auf dem Gleisnetz der Deutschen Bahn für Sonderfahrten eingesetzt werden können, neben der 23.042 noch eine weitere Dampf- und eine Elektrolok. An zahlreichen Fahrzeugen wird gearbeitet, an vielen auch nicht, nicht ganz wenige rotten ohne Hoffnung auf bessere Zeiten vor sich hin. Wie in vielen Museen wurde in den Anfangsjahren offenbar mit einem gewissen Überschwang gesammelt. Allerdings hat der Vorstand damit begonnen, Fahrzeuge an andere Vereine abzugeben, wo sie vielleicht besser in die Sammlung passen oder jedenfalls eine vielversprechendere Zukunft vor sich haben.
Lokschuppen soll erweitert werden
Das größte Bauprojekt ist die Erweiterung des Ringlokschuppens, sodass mehr Lokomotiven als bisher unter einem Dach abgestellt werden können. Ein Projekt, das schon viele Jahre dauert, während gleichzeitig Gleise erneuert und Weichen aus- oder eingebaut werden; ein langgestreckter Schuppen, in dem sich unter anderem die Gastronomie befindet, hat ein neues Dach bekommen. Das Areal ist betagt, immer fällt etwas an.
Besucher können das Museum auf unterschiedliche Weise erleben. Kenner des Eisenbahnwesens, und davon gibt es nicht wenige, finden auf der vorbildlich gepflegten Homepage einen Steckbrief jeder Lokomotive. Für sie steht zum Beispiel nicht irgendeine Dampflok der Baureihe 44 dort hinten, sondern die 44.404. Sie half 1975 im Bundesbahn-Zentralamt in Minden bei neuartigen Bremstests und schließlich noch bis zum 18. März 1977 vom Bahnbetriebswerk Gelsenkirchen-Bismarck aus. Sie wurde vor schwere Kohlezügen gespannt, womit sie zu den letzten Dampfloks überhaupt in Diensten der Bundesbahn zählte.

Wer sich eher allgemein für die Geschichte der Industrie interessiert, der wird sich in solchen Details vielleicht nicht verlieren, er kann aber die Entwicklung der Eisenbahntechnik und den Alltag früherer Epochen nachvollziehen, einschließlich des Wandels der Uniformen. Und zum Beispiel über den Beruf des Heizers staunen, der auf den Dampfloks dafür sorgen musste, dass das Feuer im Kessel niemals ausging. Ein Knochenjob angesichts der Notwendigkeit, ständig Kohle zu schaufeln. Familien mit Kindern schließlich mögen einen kurzweiligen Nachmittag verleben zwischen den Originalen und den Modellen der Eisenbahn in verschiedenen Größen, unter anderem auf einer Anlage, die den einstigen Darmstädter Centralbahnhof zeigt, wie er bis 1912 bestand.
Möglich ist das alles dank ehrenamtlicher Kräfte, die sich in einem Verein namens Museumsbahn e.V. organisiert haben. 120 Frauen und Männer sind es, wie der zweite Vorsitzende Stephan Heldmann berichtet. Ungefähr 40 davon seien aktiv. Die Unterhaltung des Museums ermöglichen Fördermitglieder, natürlich Eintrittsgelder, der Verkauf von Fahrkarten bei den gelegentlichen Sonderfahrten etwa zur Frankfurter Hafenbahn oder zum Weihnachtsmarkt nach Dieburg und die Vermietung von Räumen für Betriebsfeiern und Ähnliches.
Zudem ein Zuschuss der Stadt Darmstadt, die offenbar den Wert des ungewöhnlichen Technikmuseums erkannt hat. Geld kommt aber auch dadurch herein, dass ein Unternehmen auf den Gleisen des Museums Rangierer und Bremser ausbildet. Das Gelände selbst ist von der Deutschen Bahn, genauer von ihrer Infrastruktur-Tochtergesellschaft DB Infrago, gepachtet.
So können die Beteiligten selbstbewusst das fünfzigjährige Bestehen feiern, und das sogar in der Hoffnung, dass noch bessere Zeiten bevorstehen. Denn die Deutsche Bahn möchte unmittelbar neben dem Museum eine Anlage zur Wartung von ICE-Zügen errichten. Dabei wurde ein Einvernehmen mit dem Museum erzielt, dass dieses einerseits Gleise abtritt, andererseits aber eine nahezu zwei Kilometer lange Strecke neben den Abstellanlagen erhält, auf der die eigenen Züge dereinst pendeln können. Ein kleines Glück, schließlich wollen Besucher die historischen Lokomotiven auch im Einsatz sehen. Kommt alles wie geplant, würde die Präsentation des Eisenbahnmuseums in Darmstadt-Kranichstein sozusagen in die Gegenwart und Zukunft verlängert, ließen sich doch neben uralten Dampfloks auch die neuesten ICE-Baureihen bestaunen.
Wichtiger noch ist, dass das Museum auch in Zukunft stets Engagierte findet, die ihre Abende und vor allem Wochenenden dort verbringen, um den Fahrzeugpark und das Gelände zu pflegen. Heldmann macht sich darum keine Sorgen, er freut sich über die vielen jungen Mitglieder des Vereins. An diesem Wochenende aber wird einmal nicht geschraubt und poliert, gefeilt und Kohle geschaufelt, denn an diesem Wochenende feiert das Eisenbahnmuseum Darmstadt-Kranichstein, das immer einen Besuch wert ist, den 50. Jahrestag seiner Gründung im Jahr 1976 mit einem großen Fest.
Die Bahnwelt Darmstadt-Kranichstein lädt für Donnerstag, 14. Mai, sowie Samstag und Sonntag, also 16. und 17. Mai, jeweils von 10 bis 18 Uhr zu den „Bahnwelttagen“ ein. Stilvoll ist die Anreise mit einem historischen Sonderzug vom Darmstädter Hauptbahnhof aus. Der Fahrplan dieser Züge und die weiteren Details zum Programm der drei Tage finden sich im Internet unter bahnwelt.de.
