Auftakt im DFB-Pokal :
Eintracht auf der Suche nach Stabilität

Huebner
Das Ziel, zum Saisonstart einen eingespielten Kader zu haben, hat Eintracht Frankfurt krachend verfehlt. Sportvorstand Markus Krösche gerät immer mehr unter Druck.
Selten hat ein erstes Pflichtspiel der neuen Saison so wenig interessiert wie das Pokalspiel der Frankfurter Eintracht an diesem Freitag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und bei Sky) in Krefeld gegen die Oberligamannschaft von St. Tönis. Der Frankfurter Trainer Adi Hütter blieb über die gesamten 20 Minuten der Spieltagspressekonferenz freundlich und geduldig.
Aber nachdem er seine Ausführungen mit dem Satz begonnen hatte: „Ich freue mich auf eure Fragen“, wies er im Verlauf des Termins die Medien immer wieder darauf hin, dass sein Fokus und der der Mannschaft ganz auf die Auseinandersetzung mit den Amateuren gerichtet sei und er deshalb lieber über das Spiel reden würde.
Doch dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt. Dass sich die Eintracht der Pflichtaufgabe irgendwie entledigt, davon wird ausgegangen. Dass die Eintracht ihre Probleme bei der Kaderzusammenstellung bis zum Ende der Transferphase am 1. September löst, nicht. Noch ist etwas Zeit, kein Grund also, in Panikstimmung zu verfallen. Aber im Moment erscheint es zweifelhaft, ob die Frankfurter ihrem eigenen Anspruch gerecht werden können, wieder ins europäische Fußballgeschäft zurückzukehren.
Hütter vermied konkrete Antworten zu den Zukunftsperspektiven und jede Formulierung, die nur ansatzweise als Kritik an Sportvorstand Markus Krösche zu interpretieren gewesen wäre. Zur tagesaktuellen Lage äußerte er sich klar: „Kaua Santos steht in Krefeld im Tor.“ Und dann? „Sehen wir weiter.“
Krösche scheint sich bei den Prioritäten vertan zu haben
Die Torhüterfrage ist eine von mehreren, die Krösche unter Druck setzen. Der 45 Jahre alte Fußballmanager gilt als einer der besten seines Fachs, weil er in der Vergangenheit auf jede Situation vorbereitet war und weitsichtige und nachhaltige Entscheidungen traf. Dafür erhielt er Auszeichnungen. In diesem Sommer scheint Krösche sich bei den Prioritäten vertan zu haben.
Zugegeben: Der Sportvorstand ist auch abhängig von Marktentwicklungen und hat die Abfolge von Transfers längst nicht immer in der eigenen Hand. Aber die Bestandsaufnahme fällt nicht schmeichelhaft für ihn aus. Mit Noël Aséko und Raphael Onyedika sind zwei zentrale Mittelfeldspieler früh verpflichtet worden, was aktuell zu einem Überangebot führt, da in Hugo Larsson und Oscar Højlund schon zwei Profis mit Stammplatzniveau im Kader sind. Zudem kann auch Mario Götze auf dieser Position spielen, und Farès Chaïbi ist noch nicht verkauft.

Sich bei der dringend erforderlichen Verstärkung der Innenverteidigung als Erstes für ein Talent ohne Bundesligaerfahrung entschieden zu haben, erweist sich als unglücklich. Angesichts der Vergangenheit von Otavio überrascht es allerdings nicht, dass der 20 Jahre alte Brasilianer nach der Sommervorbereitung kaum als bundesligareif angesehen werden kann. Die Grundlagen sind vielversprechend: Seine Schnelligkeit, sein Kopfballspiel und seine Ballbeherrschung genügen allen Anforderungen.
Aber sein Stellungsspiel, seine Spielauffassung und seine Zweikampfführung weisen die Mängel auf, die man erwarten kann, wenn ein Jungprofi aus Südamerika mit der Erfahrung von 22 Meisterschaftsspielen in der ersten portugiesischen Liga nach Deutschland kommt. Zuvor hatte Otavio lediglich Einsätze in Juniorenteams. Der Brasilianer benötigt offensichtlich noch Zeit, sich mental und körperlich an das Bundesliga-Niveau anzupassen und der Eintracht weiterzuhelfen.
Die Situation im Abwehrzentrum ist dramatisch
Natürlich ist es auch Pech für die Frankfurter, dass Nnamdi Collins wegen anhaltender Rückenbeschwerden derzeit als Innenverteidiger nicht zur Verfügung steht und Robin Koch immer noch nicht zu alter Sicherheit zurückgefunden hat. So stellt sich die Situation im Abwehrzentrum im Moment dramatisch dar. Bis auf Arthur Theate, von dem sich die Eintracht trennen möchte, stehen nur noch Alternativen aus der Regionalligamannschaft zur Verfügung.
Auch um die Torhüter-Thematik zu klären, ist die Eintracht unter Zeitdruck und damit in eine schlechte Verhandlungsposition geraten. Dass Kaua Santos von ihm nicht vorbehaltlos als Nummer eins erachtet wird, hat Trainer Hütter schon bei seiner Ankunft in Frankfurt deutlich gemacht. Er und auch die Nummer zwei, Michael Zetterer, standen in der Vorbereitung auf dem Prüfstand, ohne dass eine Entscheidung gefallen wäre. Was angesichts der Unterbeschäftigung der Torhüter in den Testspielen vielleicht auch schwierig war.

Nach dem dicken Patzer von Kaua Santos im Test gegen Brentford sieht die Eintracht nun Handlungsbedarf und beschäftigt sich mit einer Verpflichtung des Freiburgers Noah Atubolu. Dass eine Transferaktivität aus einer verpatzten Torwartaktion entsteht, lässt Zweifel an der Entscheidungsgrundlage entstehen. Entweder besteht Vertrauen in einen Spieler oder nicht. Bei einem Torwart, der seit drei Jahren im Verein ist, sollte ein Grundsatzurteil und ein vorausschauendes Handeln auf dem Transfermarkt möglich sein. Falls nicht, kann es eben teuer zu stehen kommen.
Auch im Sturm sind noch viele Fragen offen. Die Hoffnungen, Younes Ebnoutalib wäre schon zum Saisonstart so weit, sich als zweiter Stürmer hinter oder sogar in der Startelf neben Jonathan Burkardt zu etablieren, haben sich nicht erfüllt. Bei allem Leistungswillen und Tatendrang hat der Modellathlet noch zu große Defizite in Ballbehandlung und Spielverständnis.
So ist es weiterhin eine Option, Arnaud Kalimuendo ein zweites Mal von Nottingham Forest auszuleihen. Es gibt aber noch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten. Die Anzahl der Neuverpflichtungen und die Höhe des Investitionsniveaus hängt davon ab, ob und zu welchem Preis die Verkaufskandidaten Ellyes Skhiri, Elye Wahi, Arthur Theate, Jean-Mattéo Bahoya und Farès Chaïbi Frankfurt verlassen.
Es wird sich noch eine Menge ändern bei der Eintracht bis zum Ende der Transferperiode am 1. September. Das Ziel, den Kader möglichst früh beisammen zu haben, um einigermaßen eingespielt den Saisonstart zu bestreiten, wurde krachend verfehlt. Trainer Hütter weigert sich dennoch, für die kommende Spielzeit schwarzzumalen.
