Neuzugang Onyedika :
Ein Problemlöser für die Eintracht

Huebner
Raphael Onyedika hat mit 25 Jahren schon viel erlebt, als Fußballprofi und als Mensch. Nach Frankfurt kommt der Nigerianer erst im dritten Anlauf – und soll gleich zur Stütze werden.
Weißt Du noch? Wenn der Fußballprofi Raphael Onyedika diese Frage Adi Hütter beim Wiedersehen in Frankfurt gestellt hat, vielleicht mit einem dezenten Lächeln im Gesicht, wird sich der Eintracht-Trainer nur ungern an den 18. September 2025 erinnert haben. An jenem Donnerstag unterlag der Österreicher als Coach von AS Monaco dem FC Brügge in der Champions League 1:4.
Der Torschütze zum 2:0 nach 39 Minuten im Jan-Breydel-Stadion hieß: Raphael Onyedika. Es war eines – ein besonders erfolgreiches – von 24 Königsklassenspielen, die der Nigerianer bisher bestritten hat. Hütter hingegen würde die flüchtige Bekanntschaft von damals am liebsten aus seinem Gedächtnis streichen; für ihn ist sie mit einem großen Ärgernis verbunden.
Ein knappes Jahr später sind Adi Hütter und der Mittelfeldspieler keine Gegner mehr, nun machen sie gemeinsame Sache. Onyedikas Arbeits-Outfit ist neuerdings das Eintracht-Trikot. Am Mittwochmittag kommt er pünktlich durch die Tür zum Pressekonferenzraum im Frankfurter Profi-Camp. Der 25-Jährige schaut interessiert in die Runde. Dann nimmt er auf dem Podium Platz. Zeit für seine Vorstellung beim Bundesligaverein. „Schön, euch alle zu sehen“, sagt Onyedika in englischer Sprache.
Zur Begrüßung hebt er die Hand. Onyedika spricht nicht allzu laut. Er erzählt, dass die Eintracht einer seiner „Traumvereine“ sei und er dabei helfen wolle, „den Klub nach Europa zu bringen“. Angesprochen auf seinen Landsmann Jay-Jay Okocha, eine Berühmtheit in Fußball-Frankfurt, sagt Onyedika: „Er ist eine große Legende in Nigeria. Jedes Kind kennt ihn. Jeder kennt seine Geschichte, die er bei der Eintracht oder auch in England geschrieben hat.“
Raphel Onyedika: „Manchmal ging es einfach ums Überleben“
Zum ersten Mal wird Raphael Onyedika, den die Eintracht für rund zehn Millionen Euro aus Belgien verpflichtete, nun in einer der Top-5-Ligen in Europa vorspielen. Für ihn das höchste der Gefühle. „Jedes Kind, das in Nigeria Fußball spielt, träumt davon, irgendwann in Europa zu spielen“, sagt der 26-malige Nationalspieler.
Mit Fleiß, starkem Willen und viel Talent arbeitete sich Onyedika, dessen Vater starb, als er zwei war, von Kindesbeinen an nach oben. Geschenkt wurde ihm nichts. Er komme „aus einer armen Familie. Manchmal ging es einfach ums Überleben. Wir verbrachten viel Zeit auf der Straße“, erzählte er einer Tageszeitung in Belgien.
In seiner südnigerianischen Heimat Imo hatte er als kleiner Junge großen Spaß an seiner Sportart, oft jagte er barfuß dem Ball hinterher. Seine Begabung fiel auf. Sie ermöglichte ihm den Aufstieg. Im Alter von 15 schloss er sich der Jugendakademie des FC Ebedei, die wohl beste im Land, in der Stadt Shagamu an. Sie war sein Sprungbrett nach Europa.
Unterstützt wird die Einrichtung nämlich vom dänischen Erstligaklub FC Midtjylland. Als Onyedika 18 ist, wechselt er zum dortigen Nachwuchs und macht 25 Spiele, sieben davon in der UEFA Youth League. Sein Profidebüt gibt er mit 19 beim dänischen Zweitligaverein FC Fredericia. Zurück eine Klasse höher beim FC Midtjylland, wird der Mittelfeldabräumer in der Saison 2021/22 Pokalsieger.
Er ist in nur einer Spielzeit in allen drei großen europäischen Klubwettbewerben aktiv: zunächst in der Qualifikationsrunde der Champions League im Celtic Park in Glasgow, dann bei seiner Premiere in der Europa League gegen Ludogorets und schließlich in der Rückrunde der Conference League im Duell mit dem PAOK FC. Im Schnelldurchgang hat er einiges erlebt.
Onyedikas Vorbild ist Ronaldo
Brügge ist dann seine erfolgreichste Zeit. Zweimal wird er Meister, einmal Pokal- sowie Superpokalsieger. In der Champions League schießt Onyedika, der Cristiano Ronaldo sein Vorbild nennt, sein erstes Tor – beim 1:3 auswärts gegen Manchester City. Als den bisher größten Moment in seiner Laufbahn bezeichnet er das Champions-League-Qualifikationsspiel bei Atlético Madrid. Nach 183 Pflichtspielen für die Belgier erklimmt er nun in Frankfurt die nächste Karrierestufe. Von ihm wird am Main einiges erwartet. „Ich komme nach Frankfurt, um weitere Titel zu gewinnen“, sagt er selbst.
Onyedika, dem der Fußball die Tür zu einer anderen Welt öffnete, könne mit seiner Erfahrung „auf dem Platz vorneweg gehen“, sagt Sportdirektor Timmo Hardung. „Er hat die eine oder andere knifflige Situation durchlebt und kann unser Ankerspieler auf der Position werden.“ Der Problemlöser aus Nigeria kommt der Eintracht wie gerufen. Denn im defensiven Mittelfeld waren die Hessen für ihre Ansprüche nicht ideal besetzt. Wunschkandidat Onyedika soll als Stützpfeiler in der Zentrale jetzt die Lücke schließen.
Potential bringt er reichlich mit: Der 1,84 Meter große Profi, dessen Disziplin allerorten gelobt wird, ist zweikampfstark, flink und ausdauernd. „Raphael überzeugt uns nicht nur mit seiner Robustheit und seinem strategischen Spielverständnis, sondern vor allem durch seine außergewöhnliche Konstanz“, sagt Sportvorstand Markus Krösche. Bisher war Onyedika immer Stammspieler. Von Verletzungen blieb er weitgehend verschont.
Zweimal hatten die Frankfurter vergeblich versucht, Onyedika, der mit insgesamt 59 Europapokaleinsätzen über ordentlich internationale Erfahrung verfügt, an sich zu binden. Die Ablöseforderungen waren der Eintracht jeweils zu hoch. Nun bekam sie den Profi mit der großen Physis unter Marktwert – er beträgt aktuell geschätzte 23 Millionen Euro –, weil sein Vertrag in Brügge im Sommer 2027 ausgelaufen wäre.
Mit seiner Entwicklung ist Onyedika noch nicht am Ende. Auch das ist ein Grund, warum Adi Hütter die Zusammenarbeit mit ihm wertschätzt. Er habe Hütter gesagt, „dass ich eine sehr hohe Eigenmotivation mitbringe“, berichtet Onyedika. „Ich bin der Überzeugung, dass Adi Hütter mit diesem Verein und dieser Mannschaft viel erreichen kann.“ In Zukunft wird Adi Hütter Tore seines Schützlings auf jeden Fall mit Freude begleiten.
