Der Umbruch bei der Frankfurter Eintracht in diesem Sommer könnte noch dramatischer ausfallen als ohnehin schon prognostiziert. Neben etwa 30 Zu- und Abgängen im Spielerkader, neben der Verpflichtung des neuen Cheftrainers Adi Hütter zeichnet es sich ab, dass die Zusammenarbeit mit dem Sportvorstand in absehbarer Zeit enden könnte.
Das Ansehen von Markus Krösche hat in den vergangenen Monaten gelitten. Der ehemalige Bundesliga-Manager des Jahres, der allseits gelobte Architekt des Aufstiegs der Eintracht in den vergangenen Jahren, hat sich zuletzt mit einigen schwerwiegenden Fehlentscheidungen angreifbar gemacht, die dazu führten, dass die Frankfurter nach acht Jahren wieder die Teilnahme am europäischen Geschäft verpassten. Seine Reaktion: Auf seiner Saisonabschlusspressekonferenz übernahm er die volle Verantwortung, übte Selbstkritik in extenso und versprach, alles dafür zu tun, die Eintracht wieder in die richtige Spur zu bringen. Er sei nicht der Typ, der weglaufe, wenn es schwierig werde. Die Eintracht versicherte Krösche, ihr Vertrauen in ihn sei ungebrochen.
Die Vorstandskollegen forderten Krösche auf, Stellung zu beziehen
So weit, so gut, die Situation schien aufgearbeitet. Während der Sommerpause sind jedoch zwei Dinge geschehen, die Krösches Reputation weiter schadeten – ohne dass sie etwas mit Personalentscheidungen zu tun gehabt hätten. Zuerst ging es um das Verhalten Krösches gegenüber den Avancen, die ihm die AC Mailand machte. Wochenlang erstreckten sich die Medienberichte über das Werben des italienischen Spitzenklubs um den Frankfurter Manager, ohne dass ein klärendes Wort Krösches erfolgte. Am Ende waren Verhandlungen so weit gediehen, dass nach F.A.Z.-Informationen ein unterschriftsreifer Vertrag vorgelegen hat. Dotiert über 40 Millionen Euro für vier Jahre. Nach einigen Tagen der Ungewissheit wurde Krösche in einer Vorstandssitzung von den Kollegen aufgefordert, endlich Stellung zu beziehen. Gehen oder bleiben? Schließlich entschied sich Krösche pro Eintracht, also dafür, wie versprochen seine Fehler zu korrigieren.
Wenige Tage später wurde Krösches Integrität durch einen Artikel in der „Bild“-Zeitung in ein schlechtes Licht gerückt. Das Boulevardblatt hatte recherchiert, dass der Sportvorstand ein Grundstück an der kroatischen Küste von der Ehefrau des Spielerberaters Andy Bara gekauft hatte. Jener Andy Bara, der der Eintracht zuvor die Fußballprofis Kristijan Jakic, Hrvoje Smolcic und Jérôme Onguéné vermittelt hatte. Die „Bild“-Zeitung verschickte an Krösche sowie an ehemalige und aktuelle Aufsichtsratsmitglieder einen umfangreichen Fragenkatalog, der für einige Unruhe sorgte. Krösche ließ über seine Anwälte mitteilen, dass der Erwerb in keinem Zusammenhang mit Spielertransfers gestanden habe. Es habe weder eine direkte noch eine indirekte Bevorteilung gegeben.

Auch der Eintracht-Aufsichtsrat mit dem Vorsitzenden Mathias Beck an der Spitze bat den Sportvorstand um Aufklärung. Das Gremium zeigte sich mit den Antworten in einer offiziellen Mitteilung zufrieden: „Im Rahmen der folgenden Gespräche hat Markus Krösche den Sachverhalt umfassend, transparent und nachvollziehbar dargelegt und entsprechende Unterlagen offen und vollständig zur Verfügung gestellt. Auf Grundlage der vorliegenden Informationen und der erfolgten Prüfung ergeben sich für den Hauptausschuss derzeit keine Anhaltspunkte, die weitergehende Maßnahmen erforderlich machen.“
Damit ist die Sache aber nicht aus der Welt geschafft. Einerseits gibt es in dem Schreiben die einschränkenden Formulierungen „vorliegende Informationen“ und „derzeit“. Andererseits endet die Stellungnahme des Aufsichtsrates mit dem Satz: „Unabhängig davon bestand Einigkeit (im Aufsichtsrat, die Red.), dass eine frühzeitige Information an den damaligen Hauptausschuss über den Vorgang im Jahr 2022 im Sinne größtmöglicher Transparenz sinnvoll und angemessen gewesen wäre, um den Anschein möglicher Interessenkonflikte frühzeitig auszuräumen.“
Der Hauptausschuss ist sozusagen die Speerspitze des Aufsichtsrates, bestehend aus dem Aufsichtsratsvorsitzenden, dem stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden und einem weiteren zu benennenden Aufsichtsratsmitglied. 2022 waren das Philip Holzer, Stephen Orenstein und Peter Fischer. 2026 sind es Mathias Beck, Sven Janssen und Felix Wirmer.
Wieso informierte Krösche niemanden über den Immobilienerwerb?
Es ergeben sich zwei Fragen: Wieso informierte Krösche niemanden bei der Eintracht über seinen Immobilienerwerb in Kroatien, der in Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit zustande gekommen war? Sein Verhältnis zum damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden Holzer war ausgesprochen gut und vertrauensvoll. Krösche beantwortete die Frage mit seiner Naivität und Unbedarftheit, er habe einen Fehler begangen.
Die zweite Frage lautet: Hätte Krösche die Eintracht zwingend über den Immobilienerwerb informieren müssen, weil das Verschweigen gegen die Compliance-Regeln und die Grundsätze von Good Governance, die sich der Verein gegeben hat, verstößt? Der Aufsichtsrat hat jetzt darüber zu befinden, ob er die Beantwortung der Frage zum Gegenstand eines formellen Prüfprozesses macht oder ob er sich damit zufriedengibt, dass Krösche beim Immobilienkauf nach derzeitigem Kenntnisstand juristisch korrekt gehandelt hat, und zur Tagesordnung übergeht.
Der Aufsichtsrat muss sich generell darüber einig werden, ob ein Sportvorstand erst untragbar wird, wenn ihm Vorteilsnahme nachgewiesen werden kann, oder ob es schon reicht, in dieser Position nicht das Gefühl dafür zu haben, wann ein Interessenkonflikt vorliegt und welche Verflechtungen die Integrität seiner Person und seines Vereins einschränken könnten.
Die Meinungen in der Eintracht-Führung sind nicht einheitlich
Die Meinungen darüber sind bei den Führungspersonen der Eintracht nicht einheitlich. Auf jeden Fall hat der Aufsichtsrat in der Zwischenzeit an Krösche die dringende Empfehlung gerichtet, nicht mehr mit der Berateragentur Niagara Sports von Andy Bara zusammenzuarbeiten. Mit dem Hinweis darauf, dass über diese Agentur eingeleitete Transfers womöglich blockiert würden. Niagara Sports und namentlich Andy Bara haben sich im Profifußball in den vergangenen Jahren einen zweifelhaften Ruf erworben. Unter anderem entwickelte die Agentur das Konzept der Brückentransfers. Vornehmlich junge afrikanische Talente werden über kleinere europäische Vereine (oft NK Kustošija in Kroatien) geschleust.
Dies dient Berichten zufolge dazu, FIFA-Regularien zu umgehen und den eigentlichen Jugendakademien die zustehenden Ausbildungsentschädigungen vorzuenthalten. Auch Baras prominentester Klient Dani Olmo schlug einen außergewöhnlichen Karriereweg ein. Aus der Jugend des FC Barcelona wechselte der offensive Mittelfeldspieler erst zu Dinamo Zagreb, bevor er über RB Leipzig wieder nach Barcelona zurückkehrte.

Zu den Klienten Baras gehört auch Albert Riera. Den Namen des spanischen Trainers hatten bis Februar unter den europäischen Spitzenvereinen noch nicht viele gehört. Die Eintracht schon, weil Sportvorstand Krösche schon seit einigen Jahren gute Kontakte zu dessen kroatischem Berater unterhält. Es ist unlauter und ungerecht, Krösche bei der überraschenden Verpflichtung des Trainers im vergangenen Februar irgendetwas zu unterstellen. Aber durch den Verknüpfungspunkt Immobilienerwerb hat der Sportvorstand nun einmal den Raum für Unterstellungen und Anschuldigungen geöffnet, der in den sozialen Medien auch reichlich mit süffisanten bis erbitterten Kommentaren der Fans ausgefüllt worden ist. Das sportliche Scheitern und das bisweilen irritierende Auftreten des Trainers spielen dabei eine Rolle.
Dass Krösche, der als einziger Frankfurter einen engeren Kontakt zu Riera aufgebaut hatte, keinen Einfluss auf ihn nahm, als der spanische Trainer nach seiner Entlassung gegen die Eintracht schoss, kam im Verein auch nicht gut an. Genauso wenig, dass der Sportvorstand in den vergangenen Tagen neu entflammten Gerüchten, zu RB Leipzig zu wechseln, nicht entgegentrat. Man kann sagen, dass dies Krösches normales Verhalten ist; er kommentierte auch nicht die vielen voreiligen Meldungen, die ihn schon mehrmals mit den Bayern, Borussia Dortmund und verschiedenen englischen Premier-League-Klubs in Verbindung gebracht hatten. Aber im Moment entsteht viel Unruhe durch die Nachrichten über den Sportvorstand.
Die Stimmung gegenüber Krösche in Teilen der Frankfurter Führungsetage ist gereizt. Nach außen wird dem Sportvorstand geschlossen das Vertrauen ausgesprochen. Der Eintracht bleibt auch gar nichts anderes übrig. Denn sie könnte es sich mitten im hektischsten Transfersommer der vergangenen Jahre gar nicht leisten, ihren Experten vor die Tür zu setzen. Gleichwertiger Ersatz ist auf die Schnelle nicht zu bekommen, laufende Transfers könnten scheitern, ganz abgesehen von den juristischen Implikationen einer Entlassung Krösches und der Frage, welche seiner Vertrauensleute dann noch gehen würden.
Die Eintracht befindet sich in der Situation, die Zukunft des Vereins in Händen zu wissen bei jemandem, von dem sie glaubt, ihm auf jeden Finger schauen zu müssen. Eine Lage, die schwer zu ertragen ist. Mit dem Ende des sommerlichen Transferfensters am 1. September steht die nächste Aufsichtsratssitzung an. Markus Krösche hat bis dahin Zeit, Überzeugungsarbeit in eigener Sache zu leisten.
