
Den Wunsch nach Stillschweigen hatte ausgerechnet der örtliche Veranstalter zunichtegemacht. Die Partie zwischen Eintracht Frankfurt und dem türkischen Klub Trabzonspor, in der sich die Hessen 3:0 durchsetzten, sollte auf Geheiß der österreichischen Behörden ohne Publikum stattfinden. Es gibt noch einige Polizeibeamte in Salzburg und Umgebung, die sich bis heute mit Schrecken an das Testspiel der SGE vor neun Jahren in Eugendorf gegen Leeds erinnern, das auf den Rängen in eine veritable Keilerei ausartete. Daher lautete die Anordnung der Sicherheitskräfte: keine Zuschauer. Als jedoch der Salzburger Athletiksport-Klub das Spiel auf seiner Anlage online ankündigte, war es um die Geheimhaltung geschehen.
Diejenigen Fans, die hinter dem Zaun den Ton angaben, waren erkennbar den Spielern aus der Hafenstadt am Schwarzen Meer zugetan. Auf die Eintracht pfiffen sie. Mit einer Ausnahme: Als Can Uzun, der türkische Jung-Nationalspieler, später aus dem Umkleidetrakt Richtung Mannschaftsbus schritt, brandeten Rufe auf, wurden die Mobiltelefone für einen Schnappschuss gezückt. Der Zwanzigjährige, geboren in Regensburg und zuletzt bei der Weltmeisterschaft in Nordamerika für die Nation im Einsatz, aus der seine Eltern stammen, bewegt die Phantasie seiner Landsleute – von denen sich einige wünschen, dass er seine am Main beschleunigte Karriere unweit der Bosporus-Brücke in Istanbul fortsetzt.
Spekulationen, aber keine konkreten Zahlen
Kurz bevor die Eintracht ihr Trainingslager am Chiemsee für die einstündige Fahrt über die Grenze verließ, um sich im Test gegen den Tabellendritten der Süper Lig einer Formüberprüfung zu stellen, kamen neue Spekulationen über Uzuns Zukunft auf. Türkische Medien, die mitunter zur hyperventilierenden Berichterstattung neigen, sobald es um den Fußball und seine Prominenz geht, vermeldeten, dass Galatasaray sein Angebot für den Mittelfeldspieler aufgestockt habe und nun der Eintracht 30 Millionen Euro Ablöse biete. Trainer Okan Buruk, so wurde berichtet, wolle den Hochbegabten unter allen Umständen alsbald in seinen Reihen sehen.
Das Interesse des SSC Neapel und von AC Mailand ist gleichermaßen bekannt. Doch im Fall der italienischen Topadressen gilt es ebenso zu berücksichtigen, dass auch sie ihre Anwerbeversuche bis heute nicht gegenüber der Frankfurter Führungsebene mit Zahlen und Fakten konkretisiert haben.
Hütter will noch Spieler dazubekommen
Adi Hütter, der Frankfurter Trainer, sagte grundsätzlich zu Spekulationen, wer noch alles kommen und gehen könnte, dass es sich dabei um ein Thema handele, „das im Hintergrund über die Berater läuft, da bin ich nicht der richtige Ansprechpartner“. Wobei er aktuell ohnehin weniger ans Abgeben denn an Zugänge denkt, wie er betonte: „Wir brauchen natürlich noch was, ist doch klar.“
Markus Krösche, der durch die Veräußerung von Nathaniel Brown, Rasmus Kristensen und Aurèle Amenda in diesem Sommer wiederum gutes Geld verdiente, hat mögliche Transfereinnahmen stets im Blick. Doch zu einem Schnäppchenpreis wird er Uzun schon gar nicht ziehen lassen. Ein Angebot, so ist es zu vernehmen, muss – mindestens – die 60-Millionen-Euro-Marke streifen, ehe sich der Sportvorstand intensiver mit dem Sachverhalt beschäftigen würde. Der Youngster war vor zwei Jahren für elf Millionen Euro vom 1. FC Nürnberg angeheuert worden. Für die Eintracht kam er seitdem in 59 Pflichtspielen auf 15 Tore, acht Assists, wurde aber auch schon wiederholt, als es so aussah, dass er nun vollends durchstarten würde, verletzungsbedingt ausgebremst. Sein Vertrag ist noch bis Mitte 2029 gültig.
Uzun ist viel athletischer geworden
Hütter, das machte er in Salzburg deutlich, ist daran gelegen, auch weiter mit Uzun planen zu können. In seinem Konzept sei er ein wichtiger Faktor, sagte der Coach, „er kann ein Unterschiedsspieler sein“. Gegen Trabzonspor war Uzun an der Entstehung des zweiten Treffers beteiligt; bei seinem Vorstoß in der 37. Minute in den Strafraum wurde er durch ein Foul gestoppt. Den fälligen Elfmeter hätte er gerne selbst geschossen, doch nach einer Diskussion überließ er die Ausführung Jonathan Burkardt.
Kurz danach war für Uzun und seine zehn Mitspieler aus der Startelf Schluss, sie machten für den zweiten Abschnitt einer Reihe von Talenten Platz, die – ergänzt von den erfahrenen Michael Zetterer, Timothy Chandler, Mario Götze und Ansgar Knauff – den Sieg gegen den handzahmen Gegner ohne viel Aufhebens über die Bühne brachten. Beim Gang in die Kabine (auch das ein Indiz für seine Popularität) erbat Uzuns Gegenspieler Samet Akaydin den Trikottausch, zu dem es kam. Der Frankfurter trottete mit nacktem Oberkörper in die Kabine.
Uzun wirkt deutlich athletischer als in seinen Anfangstagen bei der Eintracht. Mit seiner Handlungsschnelligkeit, den trickreichen Bewegungen, wenn er mit links den Ball führt und dann die Verteidiger narrt, indem er den rechten Fuß hin und her pendeln lässt und so lange spekuliert, bis er eine Seite erkennt, auf der er vorbeisprinten kann, verleiht er dem Angriff eine Dynamik, die kein Frankfurter Kollege vorweisen kann. Hütter lobte unlängst schon in Frankfurt, dass „Can unheimliches Potential und tolle Anlagen hat“. Nur bei der Bereitschaft, nach hinten mitzuarbeiten und für „Kompaktheit“ zu sorgen, sieht der Österreicher noch Nachholbedarf. Aber dass er mit beiden Füßen gleichermaßen wuchtig auch aus der Distanz schießen könne, mache ihn zu einer „brandgefährlichen“ Offensivoption.
Als Uzun Mitte der ersten Halbzeit in Salzburg an die Seitenlinie trabte, um sich behandeln zu lassen, war sein Trainer sogleich zur Stelle, erkundigte sich, ob eine ernstere Blessur vorliege, und gab ihm, als mithilfe einer Dosis Eisspray die Schmerzen an der Wade gelindert worden waren, einen aufmunternden Klaps auf den Rücken. Er wünsche sich, sagte Hütter zu dieser Situation, die er als beispielhaft wertete, dass sich die Seinen fortan auch dadurch auszeichnen, „dass wir eine gewisse Widerstandsfähigkeit auf dem Platz haben“. Vorbild Uzun? Noch fehlt dem Twen dazu einiges. Doch sein Marktwert steigt bereits schneller als seine Erfahrung. Genau darin liegen für die Eintracht Chance und Herausforderung zugleich.
