Während der Nachmittag in den frühen Abend übergeht, füllen sich im Waldstadion Block um Block die Ränge. Die Spannung wächst mit jeder Stunde, bis kurz vor 18 Uhr die Bässe einsetzen und 60.000 Menschen losbrüllen, noch bevor der erste Kämpfer den Käfig betritt. Rauch zieht über die Ränge, Laser zerschneiden die Dunkelheit, auf den LED-Leinwänden erscheinen Namen. Jeder Einlauf – der Weg eines Kämpfers zum Käfig – hat seinen eigenen Song. Der Frankfurter Kämpfer Max Coga zieht zu „069“ ein, dem Hit des Offenbacher Rappers Haftbefehl. Es ist das zweite Stadionevent von der Organisation Oktagon in Frankfurt: Vor zwei Jahren kamen zur ersten Ausgabe rund 60.000 Menschen, ein Zuschauerrekord für eine Mixed-Martial-Arts-Veranstaltung. Und auch 2026 ist das Stadion randvoll.
Mixed Martial Arts (MMA) galt lange als das, wie es der langjährige Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, Peter Danckert (SPD), einmal ausdrückte: eine Erinnerung an „Gladiatorenkämpfe im alten Rom“. Von 2010 bis 2014 durften MMA-Profikämpfe im deutschen Fernsehen nicht gezeigt werden. 2026 überträgt RTL live ins Hauptprogramm, und die 2016 gegründete Organisation Oktagon füllt mit ihren Galas die Arenen und Stadien Europas. Was zieht 60.000 Menschen in ein Stadion, um die Kämpfer bluten zu sehen?
Bühne für die Urkraft
Monika Fehrenbach, Psychologin aus Frankfurt, hat sich mit dieser Frage beschäftigt. Ihr erster Gedanke gilt nicht dem Sport, sondern der Erziehung. „Aggression wird in unserer Gesellschaft schon bei Kindern verteufelt“, sagt sie und beruft sich auf den dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Wer Aggression tabuisiere, gefährde das Selbstwertgefühl der Menschen. Aggression sei Tatkraft, Lebensenergie, das Vermögen, Grenzen zu setzen. Werde sie im Alltag unterdrückt, suche sie sich andere Wege – nach innen, als Autoaggression oder Depression, oder nach außen, unkontrolliert. Das Waldstadion, sagt Fehrenbach, biete dieser Urkraft „eine Bühne im wahrsten Sinne des Wortes“.
Neben dem Aggressionsfaktor sieht sie in Events vor allem ein starkes Marketingphänomen: „Wir haben ein Event-Marketing vom Feinsten“, sagt sie, „archaische, urpsychologische Aspekte und gleichzeitig Popkultur“. Lichtspektakel und Musikeinlagen in den Kampfpausen sorgen für einen permanenten Dopaminausstoß. Licht und Musik – ein „Mäntelchen“, das den Sport selbst für empfindlichere Zuschauer konsumierbar mache.
Hinzu kommt die Inszenierung der Kämpfer selbst: Es geht um die Geschichten hinter den Athleten – um Werdegänge, Trainingsvideos und Interviews, in denen oft offenbleibt, ob dies der letzte Kampf einer Karriere ist. „Je mehr ich über einen Menschen zu wissen glaube, desto mehr habe ich das Gefühl, mit ihm befreundet zu sein“, sagt Fehrenbach – eine parasoziale Bindung, wie sie auch Fans von Popstars kennen.

Psychologisch, sagt Fehrenbach, greife zudem die Katharsis-Theorie Sigmund Freuds: Sowohl das Ausleben als auch das Betrachten von Aggression könne reinigend wirken. Evolutionär betrachtet sei Zuschauen zudem eine risikofreie Stimulation – wer am Höhleneingang beobachtete, wie sich zwei Rivalen bekämpften, lernte etwas über Stärke, Schwäche und Gefahr, ohne selbst verletzt zu werden. Dass überwiegend Männer im Publikum sitzen, ist für Fehrenbach ein Indiz für eine Gesellschaft im Umbruch: Männer, die anders sozialisiert wurden, als sie selbst leben möchten, fänden in archaischen, klaren Strukturen Orientierung. „Eine sozial akzeptierte Bühne für Aggression“, nennt sie das.
Faszination der Ungewissheit
Der Sportwissenschaftler Swen Körner, der die Abteilung Pädagogik am Institut für Pädagogik und Philosophie der Deutschen Sporthochschule Köln leitet, sieht die Faszination auch im Sport selbst begründet. MMA sei eine eigenständige Sportart mit eigenem Regelwerk, kein bloßes Sammelbecken aus Boxen, Judo oder Taekwondo. Was ein Publikum fasziniere, sei zunächst die Härte des Vollkontakts – „jeder versteht sofort, was ein Treffer bedeutet“ –, vor allem aber die Ungewissheit. „Ein Lucky Punch kann alles auf den Kopf stellen.“ Wo verläuft die Grenze zwischen legalem Sport und purer Gewalt? Körner erklärt den entscheidenden Unterschied: Sie verlaufe nicht entlang der Härte der Techniken, sondern entlang des Kontexts – mit klaren Regeln, einem Schiedsrichter, medizinischer Kontrolle sowie einem definierten Anfang und Ende. „Sobald der Kampf vorbei ist, endet auch die Legitimation für diese körperlichen Handlungen.“
Umso bemerkenswerter sei der Wandel der öffentlichen Wahrnehmung in den vergangenen fünfzehn Jahren: Galt der Sport in den Nullerjahren noch als „Rückkehr der Barbarei“, füllen Events heute Stadien. Das erklärt Körner auch damit, dass das Publikum solche Events nicht bloß konsumiere, sondern das Erlebnis aktiv mit produziere. Wenn Zehntausende Menschen gleichzeitig aufspringen und schreien, verstärke sich die Emotion in der Masse selbst. Die Sportsoziologie nenne dieses intensive Gemeinschaftsgefühl kollektive Efferveszenz – man wolle hinterher sagen können: Ich war dabei.

Zwischen Stille und Sprechchor
Beim ersten Kampf des Abends wird es im Innenraum still. Man hört, wie Stimmen aus den Ecken der Kämpfer Anweisungen rufen, man hört die Geräusche der Schläge und Tritte selbst. Bei anderen Kämpfen wird die Stille von Sprechchören unterbrochen, Namen, im Takt gebrüllt. Das peitscht die Athleten nach vorne, überträgt sich direkt in ihren Kampfstil und treibt sie zu noch härteren, entschlosseneren Aktionen an. Auffällig ist, wie wenige Handys zu sehen sind. Anders als bei Konzerten starrt kaum jemand auf ein Display, die Blicke hängen am Käfig.

Ein Besucher aus Hagen, ungefähr 50 Jahre alt, verfolgt MMA seit über zehn Jahren. „Es sind die Kämpfe, die einzelnen Kämpfer selbst, die Stimmung – die Kombination aus allem.“ Die Entwicklung der vergangenen Jahre fasziniert ihn: „Das sieht man ja: 60.000 Leute. Ist schon geil geworden.“ Eine Frau, ungefähr Mitte 20, aus Offenbach ist zum ersten Mal bei einem Oktagon-Event in Frankfurt, hat aber bereits Kämpfe in Hannover und Stuttgart besucht – darunter einen Auftritt der Kämpferin Alina Dalaslan. Was sie fasziniert: „Auch wenn man sich nicht so gut auskennt, kann man trotzdem mitfeiern.“ Dass überwiegend Männer zuschauen, erklärt sie sich schlicht mit dem Mangel an Kämpfen von Frauen; beim Auftritt von Dalaslan in Stuttgart, sagt sie, sei der Frauenanteil im Publikum spürbar höher gewesen.
Je später der Abend, desto lauter und elektrisierender wird die Stimmung. Fäuste, Ellbogen und Knie treffen auf Gesichter, die Haut schwillt an, Blut fließt, mit jeder Minute werden die Kämpfer langsamer wegen der schieren Erschöpfung. Bei den letzten drei Kämpfen des Abends, darunter denen der Frankfurter Publikumslieblinge Max Coga und Christian Eckerlin, brechen alle Dämme: „Eckerlin, Eckerlin“-Sprechchöre hallen mit einer Lautstärke durch die Ränge, dass es im ganzen Stadion vibriert.
Am Ende, als das Licht über dem Käfig noch einmal aufflammt und die Zehntausenden langsam durch die Ausgänge strömen, bleibt kein Zweifel: Was die Zuschauer gesehen haben, waren mehr als sportliche Duelle im Käfig. Es war eine Entladung von Urgewalt und Emotion, die im modernen Alltag sonst keine Bühne findet.
