
Sechsspurige Straßen sind nichts für Romantiker, und die Eschersheimer Landstraße, die den Verkehr aus dem Zentrum Frankfurts in die Peripherie und zurück befördert, ist da keine Ausnahme. Im Umfeld der Kreuzung, die sie im Osten mit der Cronstettenstraße und im Westen mit der Bremer Straße verbindet, sind ein Altenheim, ein Kindergarten und eine Grundschule, die derzeit sanierungsbedingt leer steht. Im weiteren Umfeld sind ihr Ausweichquartier und der Campus der Goethe-Universität sowie zwei weiterführende Schulen. Nicht alle diese Einrichtungen waren schon da, als man 1977 eine L-förmige Brücke über die Eschersheimer Landstraße und die Bremer Straße errichtete, aber auch diejenigen, die später dazukamen, profitierten vom Schutz, den die Brücke für junge wie alte Menschen bedeutete.
Und mehr als Schutz: Vom Brückengeländer hingen Transparente, die für Volksfeste warben oder Missstände anprangerten, die Stufen dienten Läufern zum Training, und wer beim jährlichen Firmenlauf, der über die Eschersheimer Landstraße und die Bremer Straße führt, lieber anfeuern als rennen wollte, tat das von der Brücke herab. Sie wurde täglich genutzt und von manchen offensichtlich sogar geliebt, jedenfalls von Kindern, die in den vergangenen Wochen selbst bemalte Zettel an die Brückenpfeiler geklebt haben, mit Abschiedsgrüßen an das Bauwerk.
Es ging dann ganz schnell, abgerissen wurde die Brücke über das vergangene Wochenende. Von baulichen Mängeln war die Rede, um die Sicherheit der Schulkinder werde man sich kümmern, durch eine breitere Mittelinsel und geänderte Grünphasen der Ampeln. Dabei sind Brücken niemals nur Verkehrswege. Von ihnen erzählen Lieder und Sagen, allen voran die von der geträumten Begegnung mit einem Unbekannten, die dann zum wirklichen Schatzfund im heimischen Garten führt. Von aller Metaphorik, den „Sieben Brücken“ der Band Karat oder Ingrid Peters’ „Über die Brücke gehn“, mit dem die Sängerin beim Vorläufer des ESC 1986 immerhin den achten Platz belegte, ganz abgesehen. Als zivilisatorischer Akt sind Brücken kaum hoch genug einzuschätzen, und dass es in Kriegszeiten ihnen so oft an den Kragen geht, spricht für sich.
Dass nun ein Ort verschwunden ist, an dem man mitten in der Stadt das Gefühl haben konnte, ein bisschen über den Dingen zu stehen, eine weitere Perspektive einzunehmen und noch die übelsten SUVs aus der Distanz als kindisches Spielzeug belächeln zu können, scheint niemanden zu stören. Pfeiler, an denen Kinder ihre solidarischen Bilder kleben könnten, gibt es ja nicht mehr. Nur der Verkehr wird sich stauen, wenn demnächst um die breitere Verkehrsinsel herum weniger Spuren zur Verfügung stehen. Und während sonst in der Verkehrspolitik gern die eine Gruppe gegen die andere ausgespielt wird, die Fußgänger, die Radfahrer, die Autofahrer, hat diese Entscheidung nur Verlierer.
