Im Grunde hat die Grünen-Politikerin Rosemarie Heilig den richtigen Riecher gehabt. Die Aufregung war groß im Frühjahr 2016, als die Frankfurter Umweltdezernentin vorschlug, „die wenigen Firmen des Industrieparks Griesheim in den viel größeren Industriepark Höchst zu integrieren“. Chemieanlagen sind nicht leicht zu verpflanzen – deshalb löste Heiligs Vorstoß Irritationen aus. Nur drei Jahre später allerdings wurde die Schließung der Griesheimer Werke von Weylchem und Allessa bekannt gegeben, der traditionsreiche Chemiestandort war damit Geschichte.

Siebzig Hektar Fläche wurden dadurch frei. Das ist – bei allem Bedauern über den Verlust der 2019 noch rund 500 Arbeitsplätze im Industriepark – auch eine Chance für eine Region, in der für größere Betriebe geeignete Grundstücke knapp sind. In den vergangenen fünf Jahren habe die Standortmarketinggesellschaft Frankfurt Rhein-Main GmbH für 46 an einer Ansiedlung interessierte Unternehmen keine Lösung gefunden, schreibt die Industrie- und Handelskammer in einem aktuellen „Politikbrief“. Ein Grund für den Flächenmangel sei die Konkurrenz zum – angesichts der stetig steigenden Einwohnerzahl allerdings ebenfalls wichtigen – Wohnungsbau.
Das Problem wurde schon im Ende 2015 veröffentlichten „Masterplan Industrie“ für Frankfurt thematisiert. Der „Beirat Industrie“ der Stadt, dem Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmensvertreter und Gewerkschafter angehören, mahnte damals, für das produzierende Gewerbe müssten geeignete Flächen für diese Nutzungsart gesichert werden. Sei dies ausnahmsweise nicht möglich, so sei „für gleichwertigen Ersatz zu sorgen“, hieß es in dem Papier.
Warum Frankfurter Unternehmen die Stadt verlassen
Doch so einfach ist das nicht, wie der Fall des Speditionsunternehmens Fermont zeigt. Es verkaufte 2017 sein Betriebsgelände in Rödelheim an die Nassauische Heimstätte und das Bauunternehmen Instone, die dort Wohnungen errichteten. Fermont wollte an die Heerstraße umziehen, doch dann wurde dort ebenfalls ein Wohngebiet ausgewiesen. Von der Stadt vorgeschlagene Ausweichstandorte in Bonames, Nieder-Eschbach und Fechenheim wiederum überzeugten das Unternehmen nicht. 2021 verließ Fermont mit seinen damals rund 90 Mitarbeitern Frankfurt und ließ sich in Hattersheim nieder.

Schon 2017 hatte die Armaturenfabrik Christian Bollin ihren Sitz nach Oberursel verlegt, nachdem der Ventilehersteller mit 30 Beschäftigten für seine Neubaupläne in Frankfurt kein geeignetes Grundstück gefunden hatte. Und 2021 kündigte ein weitaus größeres Unternehmen seinen Umzug an: Die Samson AG mit weltweit 4500 Mitarbeitern verlegt ihre Unternehmenszentrale von Frankfurt nach Offenbach.
Offenbach verfügt mit dem sogenannten Innovationscampus, einem ehemaligen Chemiepark, über eine 36 Hektar große Fläche für Industrieansiedlungen. 2019 erwarb die Stadt das Gelände vom Schweizer Unternehmen Clariant, das Ende der Neunzigerjahre die Spezialchemiesparte der Hoechst AG übernommen hatte.
Clariant gehört auch die eingangs erwähnte Industriebrache in Frankfurt-Griesheim. Und wie in Offenbach zeichnet sich auch hier ein Neuanfang ab: Der Projektentwickler Beos, eine Tochtergesellschaft des Vermögensverwalters Swiss Life Asset Managers, hat das Gelände von Clariant gepachtet und plant dort ein neues, gemischtes Gewerbequartier namens Frankfurt Westside. Mehr als 100 alte Gebäude und Chemieanlagen hat Beos in den vergangenen Jahren abgerissen. Zehn bis zwölf sollen erhalten bleiben, darunter eine Backsteinhalle im Zentrum des Geländes, die von den Entwicklern wegen des an ein Kirchenschiff erinnernden Innenraums als Kathedrale bezeichnet wird, aber auch Rohrbrücken, Silos, Schornsteine und ein Kran.
In Griesheim sollen 70 neue Gebäude entstehen
Rund um diese historischen Strukturen sollen etwa 70 neue Gebäude entstehen. Die genaue Zahl hänge davon ab, wie viele Unternehmen sich auf dem Gelände ansiedeln wollten, sagt Projektleiterin Antonia Kramer. „Die Vermarktung ist jetzt angelaufen“, vor einigen Wochen habe Beos Makler und Vertreter der Wirtschaftsförderung zur Besichtigung eingeladen, „seitdem haben die Anfragen angezogen. Wir stehen für verschiedene Baufelder mit Firmen aus unterschiedlichen Branchen im Gespräch.“
Der erste Neubau ist schon fast fertig – ein Rechenzentrum, mit dessen Abwärme alle anderen Gebäude auf dem Westside-Gelände beheizt werden sollen. Das hat Beos mit dem Betreiber des Datacenters, Cyrus One, vereinbart, der auf dem Areal noch ein zweites Rechenzentrum errichten lässt. Die Rohre und Wärmepumpen für das Wärmenetz lässt Beos installieren, ebenso Strom und Wasserleitungen.
Außer Industrieunternehmen und Logistikern sind auch kleinere Betriebe als Mieter erwünscht. Sie sollen am Ostrand des Geländes unterkommen, der an die früheren Werkswohnungen grenzt – so sollen Konflikte zwischen Industrie und Anwohnern vermieden werden. Außerdem soll das Gelände, anders als zu Chemiepark-Zeiten, für die Öffentlichkeit zugänglich sein – wie in den Sommermonaten schon jetzt ein kleiner Abschnitt am Mainufer, genannt Westcoast, der für Veranstaltungen genutzt wird. Zu Hochzeiten des Industrieparks Griesheim hätten auf dem gesamten Gelände 3000 Menschen gearbeitet, künftig könnten es 4000 bis 6000 werden, sagt Mathias Strauch, der Gesamtverantwortliche für das Projekt. Platz genug wäre hier jedenfalls.

