
Auf den ersten Blick scheint Krasjatytschi ein typisch ukrainisches Dorf zu sein: Einfamilienhäuser reihen sich entlang der Hauptstraße, außerdem ein paar Plattenbauten. Im Zentrum gibt es ein einfaches Restaurant und einige Dorfläden, die den täglichen Bedarf decken. Viel los ist nicht.
Auf den zweiten Blick jedoch fallen die vielen Denkmäler auf. Sie erzählen von der gesamten jüngeren Geschichte der Ukraine. Denn in Krasjatytschi, gut zwei Autostunden nördlich von Kiew gelegen, fast schon an der Grenze zu Belarus, bündeln sich die Ereignisse eines gesamten Landes wie unter einem Brennglas: Tschernobyl, die russische Invasion der Ukraine, wochenlange Besatzung, dann die Befreiung. Und nun auch der Zustrom von Flüchtlingen aus anderen Teilen des Landes.
Im kleinen Krasjatytschi ereignete sich die große Geschichte, das sieht und spürt man besonders an Tagen wie dem 8. Mai. Dann gedenken die Ukrainer ihrer Gefallenen im Zweiten Weltkrieg, und auch für sie gibt es in Krasjatytschi ein Denkmal. Dort leitet ein orthodoxer Priester den Gottesdienst. Er stimmt ein Gebet an, trägt es melodisch vor. Vor ihm stehen stumm die Menschen, viele haben Tränen in den Augen, es sind vor allem ältere Frauen. Und dann ertönt mitten im Gedenken plötzlich die Sirene des Luftalarms. Aber niemand eilt davon. Priester und Trauernde bleiben einfach stehen, die Veranstaltung geht weiter.
