Und plötzlich zögert er. Wie aus dem Nichts bleibt Hieu Hoang Trung nach dem ersten Schritt über die Türschwelle wieder stehen. Die bundeswehrfarbene Baseballkappe tief ins Gesicht gezogen, blickt der Krankenpfleger in die neue Wohnung: 57 Quadratmeter, zwei Zimmer, Einbauküche, Bad, Balkon. Durch die Fenster kann er den Frankfurter Stadtwald sehen. „Toll“, sagt Hieu sehr leise. Hanh Nguyen tritt neben ihren Sohn und legt ihm ihre Hand auf die Schulter.
Bald wird es ein Jahr her sein, dass auf der Mainzer Landstraße in Frankfurt ein Auto in ihn und seine Freunde fuhr. An den Aufprall kann er sich nicht erinnern.
Fünf Tage vor dem Umzug sitzen Hieu und seine Mutter Hanh Nguyen in einem kleinen Café in Frankfurt. Auf den Bistrotischen stehen Blumen aus Plastik. Die alte Wohnung, die sie zum Monatsende verlassen müssen, liegt nur wenige Hundert Meter entfernt.
„Das ist das letzte Bild“
Hieu lehnt seine Gehhilfen an den Stuhl. An seiner rechten Seite hat an diesem Tag eine Dolmetscherin Platz genommen. Der Achtundzwanzigjährige trägt eine Bomberjacke und marineblaue Jeans. Er trinkt Kakao, seine Mutter Cappuccino. „Obwohl ich das eigentlich nicht soll“, sagt Hieu. Nguyen ergänzt: „Diät.“ Ihr Sohn müsse sich nun ausgewogen ernähren. Hieu kramt aus seiner Jackentasche ein Handy hervor. Dann wischt er drei-, viermal. „Das ist das letzte Bild.“
Auf dem Foto sitzt Hieu neben Duy Quang, dessen Zwillingsbruder Quang Minh Nguyen und Quanqs Freundin in einem asiatischen Restaurant. Große Schüsseln, kleine Teller, Essstäbchen und halbgefüllte Soft-Drink-Gläser. Das Essen kommt noch.
Der Bildschirm wird schwarz. Hieu hat die Tastensperre gedrückt. Das Handy legt er vor sich auf den Tisch. „Erst meine Mutter hat mir gesagt, was passiert ist“, sagt er.

Für das Konzert des US-Rappers Kendrick Lamar im Waldstadion waren er und seine Freunde im Juli 2025 nach Frankfurt gekommen. Die Quang-Zwillinge kamen aus Hamburg, Hieu war aus Stuttgart angereist. Dort arbeitete er als Krankenpfleger in einem Krankenhaus in der Neurologie. Am Abend vor ihrer Rückreise waren sie ins Kino gegangen.
Laut Frankfurter Staatsanwaltschaft fuhren sie in der Nacht zum 6. Juli mit Quanqs Freundin auf E-Scootern zurück zu ihrem Hotel, als gegen halb drei ein schwarzer Toyota Corolla auf den Radweg geriet. Dort kollidierte der Wagen mit den Brüdern. Dann erfasste das Auto Hieu. Dessen zur Tatzeit 23 Jahre alte Fahrer fuhr mit dem jungen Mann auf der Motorhaube noch mehr als 70 Meter weiter. Einer der Zwillinge starb noch am Unfallort. Sein Bruder später im Krankenhaus. Hieu überlebte den Unfall mit einem offenen Schädelhirntrauma. Sein rechter Unterschenkel musste amputiert werden. Von den Ärzten wurde er in ein künstliches Koma versetzt.
Seine Mutter habe ihm nach dem Aufwachen erzählt, dass die Zwillinge gestorben seien. So erzählt es Hieu im Café. Die Freundin, die hinter ihnen gefahren war, blieb körperlich unversehrt. Sie sei „zurück zu ihrer Familie“ nach Vietnam geflogen, sagt Hieu. „Nach dem Unfall ist es ihr nicht gut gegangen.“
Nguyen lässt ihrem Sohn Zeit, seine Sätze auszusprechen. Gerät er ins Stocken, nickt sie ihm zu. Ergänzt sie etwas, setzt sie mitunter ein „mein Hieu“ davor. „Mein Hieu verwechselt jetzt manchmal Worte“. Oder: „Mein Hieu fragt mich dann beim Frühstück nach einer Tasse, sagt aber ‚Schrank‘.“ Beide lachen.
Trauerfeier in Hamburg, Spendensammlung im ganzen Land
Aber Hieu tut sich schwerer mit solchen Sätzen; besonders vor Fremden im Café. Er winkt dann ab, schaut durch das regennasse Fenster, auf Autos, die durch Pfützen fahren und Passanten. Er muss sich erst wieder an sich gewöhnen.
Die Geschichte von Hieu Hoang Trung und den Nguyen-Zwillingen hat in ganz Deutschland Aufsehen erregt. In Hamburg, wo die Zwillinge in Altona eine Ausbildung zu Zahnarzthelfern absolvierten, fand in der Hauptkirche St. Petri eine Trauerfeier statt. Hunderte traten an einen für sie mit Bildern und Blumen drapierten Altar. Zwei Wochen nach dem Unfall ging Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) mit Verkehrspolizisten in Frankfurt auf E-Scooter-Streife. Der Prozess wird nach Informationen der F.A.S. in wenigen Wochen stattfinden.
Folgt man der Anklage, hat der Fahrer den Tod der Zwillinge billigend in Kauf genommen. Kurz vor dem Unfall hatte er wohl Lachgas konsumiert. Die Staatsanwaltschaft hat ihn im Januar unter anderem wegen versuchten Mordes und fahrlässiger Tötung angeklagt. Weil er sich erst einige Stunden nach dem Unfall der Polizei stellte, ist von einem „hinreichenden Verdacht“ der „Verdeckungsabsicht“ die Rede. Auch weil der Fahrer, während Hieu auf seiner Motorhaube festgeklemmt war, noch mehr als 70 Meter ohne zu bremsen weiterfuhr, droht ihm eine längere Haftstrafe.

Fast ein Jahr nach dem Unfall sollte Hieu mit der Rehabilitation eigentlich weiter sein, sagt die Dolmetscherin im Café. Seit er aber im vergangenen November wegen der Folgen seines offenen Schädelhirntraumas abermals am Kopf operiert worden sei, habe er noch mehrere Male ins Krankenhaus gemusst. An Physiotherapie sei noch nicht zu denken. Vorsichtig krempelt Hieu seine Jackenärmel nach oben. Dort, wo die Ärzte Infusionen gelegt haben, ziehen sich veilchenblaue Blutergüsse über die Haut.
Nguyen versucht, die Reihenfolge zu rekonstruieren: Am 20. November habe Hieu zum ersten Mal zu ihr in die alte Wohnung kommen können, sagt sie. Wenig später habe er „plötzlich hohes Fieber“ bekommen. Auch seine Leber sei bei dem Unfall verletzt worden. Nguyen sagt, „das wurde erst später festgestellt“. Die Ärzte hätten ihnen mittlerweile mitgeteilt, dass Hieu ein Spenderorgan benötige. Nach der Behandlung seien die Entzündungswerte zeitweise zurückgegangen.
„Dann kamst du ein zweites Mal zu mir.“ An ihren Fingern zählt sie ab. Schließlich sei Hieu nochmals ins Krankenhaus gekommen. Nguyen öffnet den dritten Finger. „Dreimal Krankenhaus seit November.“ Seither wohnten Mutter und Sohn gemeinsam in Frankfurt. Weil eine feste Struktur für ihren Sohn gut sei, hätten sie „so etwas wie eine Routine“ entwickelt.
Hieu lernt weiter Deutsch
Gegen acht Uhr wacht Hieu auf. Einen Wecker braucht er dafür nicht. Zu dieser Zeit hat seine Mutter schon Frühstück zubereitet: gedünstetes Gemüse, Obst und Suppen, manchmal gebe es auch Brot mit Aufstrich. Keinen Kakao. Danach scrollt Hieu auf TikTok. Oder chattet mit seinen Freunden. Wenn sein Kopf ihn lässt, lernt er im Anschluss für seinen Deutschsprachkurs. Niveau: A-1. Hieu will besser werden.
Mittags verlässt er zum Spazierengehen die Wohnung. Erst seit Kurzem kann er alleine raus. Am liebsten geht er durch Parks. Hauptsache, es ist ruhig. Für Hieu ist Frankfurt oft zu laut.
Er will jeden Tag ein Stück weiterkommen als am Tag zuvor. Aber die Prothese ist für ihn noch neu. Sie drückt auf seinen Beinstumpf. Überschätzt er seinen Körper, verspürt er abends Schmerzen. In sechs Monaten werden die Ärzte sagen, ob die Prothese vollends passt. Es kann auch sein, dass sie neu angepasst werden muss. Nach dem Abendessen sitzen Hieu und seine Mutter noch zusammen um den Küchentisch. Es tut ihm gut, zu reden, sagt er. Sie sagt, ihr auch. An schlechten Tagen bleibt ihm nur die Wohnung.
„Ich bleibe, bis er wieder selbstständig leben kann“, sagte Nguyen der F.A.S. im August vergangenen Jahres. Aus Ho-Chi-Minh-Stadt war die Mutter damals nach Frankfurt geflogen. Jetzt sei sie immer noch da, sagt sie. Denn Hieus Ärzte und sein Leben seien hier. Vielleicht auch seine Zukunft, sagt sie: „Wenn es ihm wieder besser geht, und er das will.“ Die ehedem etwa 200.000 Euro, die der World University Service für Hieu auf einem Spendenkonto gesammelt hat, schmölzen dahin. Sie muss ihn in Vollzeit pflegen. Miete, Nahrung, Transport für sie beide, das sei in Deutschland teuer.
Fragt man Hieu danach, was er will, sagt er, dass er vielleicht wieder in einem Krankenhaus arbeiten kann. Dass er vielleicht irgendwann wieder zurück nach Stuttgart will. Seine Hände formen einen Kessel. Am Stadtrand, wo er gewohnt habe, sei es schön gewesen. Es fällt nicht schwer, ihm zu glauben, dass er gerade vom Planen wenig hält.
Doch Hieu hat vor, beim Gerichtsprozess zu erscheinen. Er wolle dabei sein, „weil Duy und Quang es selbst nicht können.“ Vorrangig gehe es ihm nicht um die Schuld des Fahrers, sagt er. Sondern um „Respekt“. Aus Sicht von Hieu wird das Gericht an diesem Tag eine Frage der „Verantwortung“ stellen. Als Zeuge müsse er aber wohl nicht auftreten. An den Aufprall kann er sich ja nicht erinnern.
