
Am 30. April 1983 starb der Gründer des New York City Ballet, George Balanchine. Kurz nachdem sich die Nachricht vom Tod des Choreographen in der Stadt verbreitet hatte, begegneten sich sein ehemaliger Erster Solist Edward Villella und der große Kritiker und Dichter Edwin Denby auf der Straße. Sie blieben stehen und weinten miteinander um ihn. Am 12. Juli 1983 nahm Denby eine Überdosis Tabletten und starb. Wenige Tage vor seinem Tod hatte er ein letztes Interview gegeben und gestanden, dass er auf Edward Villella die größten Hoffnungen für das Weiterleben der Werke George Balanchines setzte: „Villella verstand Balanchines Werke so gut – und Tanaquil Le Clerq natürlich. Vorlieben, Stile und Techniken ändern sich. Sehen Sie doch bloß, was aus Petipa geworden ist in nur siebzig Jahren seit seinem Tod. Aber wir wissen etwas sehr Wichtiges über Balanchine: Er hat die Art und Weise, wie wir Tanz sehen, verändert. Wenige Menschen in der Geschichte der Kunst haben diese Art von Einfluss.“
Es gibt ein Bild von Villella und Balanchine, auf dem der exilrussische Erneuerer des Balletts sich zu einer Gruppe von Ballettkindern neigt und die Haltung eines Mädchens korrigiert. Sein zehnjähriger Schüler Villella, einer von wenigen Jungen in der von Balanchine 1934 gegründeten School of American Ballet, betrachtet ihn dabei aufmerksam. Er steht sehr gerade und zugleich unaufgeregt vor dem berühmten Mann, für den er von 1957 an 22 Jahre lang tanzen sollte. Als das Foto 1946 aufgenommen wurde, war allen Ballettmeistern und Tänzern bereits bewusst, dass dieser erwachsen wirkende Junge eines Tages Mitglied des New York City Ballet sein würde. Villella beschreibt in seiner Autobiographie „Prodigal Son. Dancing for Balanchine in a World of Pain and Magic“, wie es ihm damals als Kind auffiel, dass in der Tür des Ballettsaals, in dem er unterrichtet wurde, regelmäßig Stars der Company auftauchten, um ihn beim Training zu beobachten. Wie eng er als Tänzer in der Company mit Balanchine sein konnte, zeigt ein Foto von der „Apollon“-Einstudierung von 1964. Das Strawinsky-Ballett von 1929 vertraute ihm Balanchine an, und er tanzt ihm vor, legt sich vor ihn als der griechische Gott der Musik und des Lichts auf den Rücken. Für Balanchine war Amerika das Land von Tänzern wie Ginger Rogers. Dieselbe überschäumende Energie verströmte Villella.
Ein ganz besonderer Mädchenträger
Einige der schönsten Bilder von ihm hat Bert Stern gemacht, berühmt für seine Fotos von Marilyn Monroe. Aus ihnen spricht die Magie, die Villella im Untertitel seines Buches anspricht. Als Oberon beugt er sich elegant über Suzanne Farrell, scheinbar respektvoll, zieht aber Titanias Hand doch etwas zu fest und gebieterisch an sich heran und wirft seiner Königin von unten einen Blick zu, der weniger majestätischen Ballerinen wohl das Blut in den Adern gefrieren ließe. Aber da waren zwei Stars aufeinandergetroffen. Das Genie Balanchines erfasste Villella mit seinem durch Boxen und Baseball trainierten Körper und machte es sich zu eigen. Gegenüber den Härten des Berufs gab er, der seine Ballettausbildung unterbrechen musste, weil sein Vater ihn auf das Maritime College in der Bronx schickte, sich gänzlich ungerührt. Einmal herrschte Balanchine seine männlichen Tänzer an: „Männer! Ihr seid nichts! Nichts! Porteurs! Diener! Ihr tragt Mädchen. Das ist alles.“ Villella amüsierte das nur, denn er hielt sich selbst „für etwas Besonderes“.
Das ist er auch, dank seiner schauspielerischen Fähigkeiten, seiner Technik und seinem dramatisch guten Aussehene. Er tanzte beim New York City Ballet auch die Premiere von „Dances at a Gathering“ von Jerome Robbins, einem der bedeutendsten Ballettwerke unserer Zeit. Er ist der erste Amerikaner, der mit dem Bolschoi-Ballett in Moskau auftrat. Er machte den Tanz im Fernsehen populär und tanzte bei John F. Kennedys Amtseinführung. Der Schmerz des Untertitels der Autobiographie ist dennoch ganz real, Balanchines Art, die Company zu unterrichten, war nichts für Villellas ohnehin muskulösen Körper. Seine vielen Verletzungen beendeten schließlich 1979 seine Tanzkarriere. Nach einer Zeit als Gründungsdirektor des Miami City Ballet ist er seit 2012 froh, wieder in New York zu sein und als Balanchine-Coach zu arbeiten. So erfüllt er Edwin Denbys Hoffnungen.
Am heutigen Donnerstag wird der in einem Arbeiterviertel aufgewachsene Sohn eines Lastwagenfahrers und einer Hausfrau, die ihn zum Ballett schickten, damit er von der Straße weg war, und ihm so eine der größten Tanzkarrieren des zwanzigsten Jahrhunderts ermöglichten, neunzig Jahre alt.
