Wer momentan am Edersee ist, sieht vor allem trockenes Seebett statt glitzerndes Wasser in der Sommersonne. Urlauber und Tagesgäste sind dort trotzdem unterwegs. Etwa ein Ehepaar aus Frankfurt. „Es ist unser 56. Hochzeitstag, und wir sind zur Feier des Tages hergekommen“, erzählt der Mann.
Sie seien schon oft am Edersee gewesen. Dass der Stausee derzeit nur wenig Wasser führe, sei ihnen bekannt gewesen. „Wir wussten, was uns erwartet“, sagt der Sechsundsiebzigjährige. Sie seien auch ein bisschen neugierig gewesen, wie der See jetzt aussehe, berichtet seine ein Jahr jüngere Ehefrau. „Schöner ist er, wenn er voll ist“, meint ihr Mann. „Aber die Landschaft hier ist herrlich, und es ist weitgehend ruhig.“ Frankfurt hingegen sei „Hektik und Sauna zugleich“.
Nur zu knapp 16 Prozent ist der größte Stausee Hessens aktuell noch gefüllt. Der Grund dafür: die lang anhaltende Trockenheit und die Wasserabgabe zur Regulierung der Pegelstände für die Schifffahrt auf der Oberweser und dem Mittellandkanal. Das Niedrigwasser im Edersee im Sommer ist seit Jahren ein politischer Zankapfel, vor allem Wassersportbetriebe beklagen hohe Einbußen.
Das Strandbad ist geschlossen
Derzeit sind nur vereinzelt Boote auf dem verbliebenen Wasser unterwegs. Fahrgastschiffe können lediglich kleinere Runden drehen. Vielerorts liegen Tretboote trocken. Der Badebetrieb am Strandbad Waldeck ist bis auf Weiteres eingestellt. An der Badestelle Rehbach rät der Landkreis Waldeck-Frankenberg wegen einer starken Vermehrung von Blaualgen vom Baden ab. Steinige Inseln ragen aus dem Wasser. Der frei liegende Seegrund präsentiert sich als große Wiese mit saftig grünem Gras oder als Steinwüste.

„Es ist auch mal ganz interessant, den See so zu sehen mit kleinen Inseln, die auftauchen, und den versunkenen Dörfern“, sagt eine 34 Jahre alte Frau aus dem Münsterland. Eine Woche machen sie und ihr Partner Urlaub am Edersee. Sie sind zum ersten Mal dort.
„Wir hatten uns vorher schon informiert über den Füllstand“, sagt der Vierundvierzigjährige. Schwimmen sei bei der Urlaubsplanung auch ein Thema gewesen. „Aber eigentlich wollten wir vor allem einen Ort zum Wandern.“ Sie genössen den Wald. Sie wollten wiederkommen, „wenn der See wieder voller ist“, sagt die Frau.
Versunkene Dörfer wieder aufgetaucht
Wieder aufgetaucht ist das sogenannte Edersee-Atlantis. 1913 wurden wegen des Baus der Sperrmauer am Edersee die drei im Edertal liegenden Dörfer Asel, Berich und Bringhausen überflutet, die Bewohner mussten zuvor umziehen. Bei niedrigem Wasserstand des Edersees kommen die Reste der versunkenen Dörfer zum Vorschein.
„Wir kennen den See in allen Stadien“, sagt eine Achtundfünfzigjährige aus Kassel. „Und er ist eigentlich immer schön.“ Ihr Mann und sie sind nur für einen Tag dort. Das Paar besichtigt die Aseler Brücke, unter der nur ein schmales Rinnsal plätschert. Das sei auch mal ganz spannend, findet die Frau. Sie hätten sich allerdings schon gefragt, wie lange es wohl dauern wird, bis der See wieder voll ist.

„Das ist schon erschreckend trocken hier, auch der Wald drum herum“, sagt ein Urlauber aus dem Schwarzwald. „Es ist zwar interessant, sich das mal anzugucken, aber für die Natur ist das halt eine Katastrophe“, sagt der Mann, der mit seiner Frau und seinen beiden Kindern Urlaub in der Region macht.
Der Edersee sei nicht das primäre Ziel gewesen. Sie hätten aber schon gehofft, dort schwimmen gehen zu können und eine Bootstour zu machen, sagen die dreizehnjährige Tochter und der zehnjährige Sohn.
Ähnlich geht es einer Familie aus dem Raum Würzburg, die eine Woche Urlaub am Edersee macht. „Wir wussten, dass das Wasser niedrig ist, aber nicht, dass es so niedrig ist“, sagt die 43 Jahre alte Mutter von zwei vier und sieben Jahre alten Söhnen. „Aber wir machen das Beste draus.“ Man gehe eben wandern, besichtige die Talsperre und gehe ins Schwimmbad.
An der Edertalsperre gibt es trotz des geringen Füllstands noch Wasser, wenn auch deutlich weniger als üblich. Dort liegen unterhalb des steinigen, steil abfallenden Ufers noch Boote im Wasser, die gemietet werden können. Auf der 48 Meter hohen Staumauer ist eine Familie aus Würzburg unterwegs. „Die steht trotzdem und ist schön“, sagt der Vater einer dreijährigen Tochter.
Mit der Tochter seien sie auf einem Wasserspielplatz gewesen. Außerdem hätten sie auf ihrer zweitägigen Durchreise das „Edersee-Atlantis“ und den Nationalpark Kellerwald-Edersee erkundet. „Uns hat es gefallen“, sagt der Mann. „Aber für Badegäste, die planschen und mit dem Boot fahren möchten, ist das schon blöd.“
