
„Es war eine seltene und attraktive Gelegenheit, die sich uns geboten hat.“ So fasst die Finanzchefin des Essener Energiekonzerns Eon, Nadia Jakobi, die Transaktion zusammen, die das Unternehmen jüngst in Großbritannien vereinbart hat: Anfang dieser Woche hatte Eon angekündigt, den britischen Strom- und Gasanbieter Ovo zu übernehmen und damit zur Nummer eins im Versorgermarkt des Vereinigten Königreichs aufzusteigen.
Der Zukauf ergänze Eons bestehendes britisches Geschäft „optimal“, sagt die Managerin, als sie am Mittwoch im Zuge der Bekanntgabe der Quartalszahlen des Unternehmens zu Analysten spricht. Die Zahl der Eon-Kunden soll in Großbritannien nach Abschluss der Transaktion von jetzt 5,6 Millionen auf 9,6 Millionen wachsen. Analysten schätzen den Marktanteil des fusionierten Unternehmens auf der Insel auf rund 27 Prozent. Damit würde Eon die Konkurrenten Octopus Energy und British Gas (Centrica) überholen.
Über den Kaufpreis machten die beiden Vertragsparteien keine Angaben. Nach Berichten britischer Medien soll er in der Größenordnung von 575 oder 600 Millionen Pfund (660 bis 690 Millionen Euro) liegen. Die britische Wettbewerbsbehörde muss der Transaktion noch zustimmen. Ein Abschluss wird laut Eon in der zweiten Hälfte des laufenden Jahres erwartet.
Ovo galt als finanziell angeschlagen
Jakobi sieht in der geplanten Übernahme drei Vorteile: „Durch den Zusammenschluss können wir erhebliche Skaleneffekte erzielen, indem wir die Kundenprozesse optimieren und innovative Produkte einem breiteren Kundenstamm anbieten“, so die Eon-Finanzchefin. Aus finanzieller Sicht unterstütze die Transaktion Eons Plan für ein langfristiges Gewinnwachstum und den Cashflow. Sie schaffe zusätzlichen finanziellen Spielraum, um Eons Investitionskapazität in regulierte Netze weiter zu stärken, und wirke sich positiv auf das Ergebnis je Aktie aus. Jakobi sagte weiter, der Deal stärke „unsere Marktposition in Großbritannien und ermöglicht die Weiterentwicklung eines kundenorientierten und digitalen Energiegeschäfts“.
Ovo war schon seit einiger Zeit auf der Suche nach Investoren. Das 2009 in Bristol gegründete, dann rasant gewachsene Energie-Start-up galt als finanziell angeschlagen. Im jüngsten Geschäftsbericht hieß es, es gebe „erhebliche Unsicherheit“ darüber, ob Ovo die regulatorischen Finanzanforderungen der Aufsichtsbehörde Ofcom erfüllen könne.
Jugendlich-aggressiver Herausforderer
Hinter Ovo steht der nordirische Unternehmer und Gründer Stephen Fitzpatrick. Er griff mit seinem Start-up die damaligen dominierenden Energieversorger Großbritanniens an, die sogenannten „Big Six“: British Gas, SSE (früher Scottish and Southern Energy), Eon, Scottish Power, Npower und die französische EDF. Die meisten ihrer Kunden stammten noch aus der Zeit der Privatisierung des britischen Energiemarktes, nachdem Margaret Thatcher das Staatsunternehmen British Gas hatte verkaufen lassen. Noch 2013 besaßen die „Großen Sechs“ zusammen 98 Prozent Marktanteil.
Ovo positionierte sich als jugendlich-aggressiver Herausforderer, der den Markt aufrollte. Mit einem Startkapital von nur 300.000 Pfund aus der eigenen Tasche gründete Fitzpatrick das Unternehmen, das sich inzwischen in Bristol einen modernen Hauptsitz, eine Art „Baumhaus“ mit vielen Pflanzen in einem lichten Glaskasten, bauen ließ. Im Jahr 2019 erhielt Fitzpatrick von Mitsubishi eine Kapitalspritze von 200 Millionen Pfund, die ihm 2020 die Übernahme der Endkundensparte von SSE für eine halbe Milliarde Pfund ermöglichte. Fitzpatrick attackierte Wettbewerber und unterstellte ihnen in einer Parlamentsanhörung, den „Maximalpreis“ von Kunden zu verlangen.
Schwierigkeiten, die Kapitalpolstervorgaben zu erfüllen
Die Zeitung „Times“ erinnert daran, dass manche humorvoll gemeinte Marketingaktion nach hinten losging. Während der Energiepreiskrise 2022 hatte Ovo den „einfachen Ratschlag“ für Kunden, sie sollten, um sich warm zu halten, „ihre Haustiere und Angehörigen umarmen“. Für diese missglückte Aktion musste sich Fitzpatrick öffentlich entschuldigen.
Die Übernahme und Integration eines Großteils des SSE-Kundenstamms in seine Software gestaltete sich für Ovo schwieriger als gedacht. Im Herbst musste das Unternehmen zugeben, dass es Schwierigkeiten habe, die Kapitalpolstervorgaben der Aufsichtsbehörde zu erfüllen. Centrica-Chef Chris O’Shea forderte im vergangenen Jahr, dass Wettbewerber, die diese Auflagen nicht erfüllten, keine neuen Kunden annehmen dürften. Zudem gab es Fragen zur komplexen Finanzstruktur von Ovo mit internen Krediten des Gründers und Markenlizenzgebühren an ihn.
Chancen im Bereich digitalisierte Energiemärkte
Mit der Übernahme von Ovo sieht Eon vor allem Chancen, von der starken Digitalisierung des britischen Energiemarktes stärker zu profitieren. Die Abdeckung mit intelligenten Stromzählern (Smart Metern) liegt in Großbritannien laut offizieller Statistik bei rund 70 Prozent, in Deutschland gerade mal bei 5,5 Prozent. Die hohe Zahl installierter Smart Meter und der hohe Anteil zeitvariabler Tarife im Vereinigten Königreich, bei denen der Preis von Tageszeiten anhängt, schafften dort „eine ganz andere Datengrundlage und Innovationsdynamik als in vielen anderen Märkten“, heißt es aus Essen. „Mit der geplanten Übernahme von Ovo stärkt Eon seine Position in genau diesem Umfeld.“
In Großbritannien hätten sich Flexibilitätslösungen wie zeitvariable Stromtarife, intelligente Steuerungslösungen und digitale Services deutlich schneller etabliert als hierzulande. „Diese Erfahrungen können helfen, auch in Deutschland passende Lösungen weiterzuentwickeln, sobald regulatorische und marktliche Voraussetzungen dies erlauben.“
Besonders interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass Eon Jakobi zufolge als Teil der Akquisition in eine Langzeit-Lizenzvereinbarung mit der Softwareplattform Kaluza eintritt. Kaluza unterstützt Energieversorger bei der Energiewende durch intelligente Optimierung. Die Plattform wurde 2019 von Ovo gegründet und ist mittlerweile aber ein eigenständiges Unternehmen.
Bislang kooperiert Eon in Großbritannien jedoch mit der Plattform Kraken. Laut Jakobi werde Eon Kaluza nicht nur mit Blick auf Großbritannien, sondern auch mit Blick auf andere Märkte analysieren. Das Unternehmen plane aber, sich für den britischen Markt mittelfristig für eine Plattform zu entscheiden.
