Ich möchte gleich persönlich einsteigen: Mir wurde nichts geschenkt im Leben. Ich bin Kind von Gastarbeitern. Ich kenne Armut und Knappheit aus eigener Lebenserfahrung. Ich hatte in den Neunzigerjahren in Hannover das große Glück, in einer Solidargemeinschaft aufzuwachsen. In einer Gegend, die sozial durchmischt und in der es selbstverständlich war, dass die Eltern meiner Bildungsbürgerfreunde auch mir bei den Schulaufgaben halfen.
Die einzige Ressource, die wir in Deutschland haben, sind Menschen
Mein heutiger Erfolg als Gründerin zweier Sozialunternehmen hat viele Mütter und Väter. Menschen mit Einwanderungsgeschichte gründen im Vergleich zur sonstigen Bevölkerung überdurchschnittlich häufig Unternehmen – ein Fakt, der immer noch zu wenig gesehen wird. Die Bertelsmann-Stiftung fand 2022 heraus, dass migrantische Unternehmen mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze in Deutschland schaffen.
Wenn ich also ins Jahr 2036 blicke, dann gehören diese Menschen völlig selbstverständlich zu unserem Wirtschaftsstandort dazu. Auch die Scham hat die Seiten gewechselt: Justiz und Gesellschaft haben den Gewaltschutz für Frauen auf eine Grundlage gestellt, die es ermöglicht, effektiv Sexualstraftaten zu verurteilen. Kollektiv haben wir es geschafft, wieder mehr Vertrauen in Menschen zu haben. Es geht mehr darum, wo wir kollektiv gemeinsam hinwollen, statt wo jemand Einzelner herkommt. Die Hermeneutik des Verdachts gehört der Vergangenheit an.
Deutschland hat erkannt: Wir sind ein Einwanderungsland. Mit allen Chancen, Möglichkeiten und Herausforderungen, die das mit sich bringt. Auch haben wir erkannt, dass eine der Grundlagen für unseren Wohlstand der Sozialstaat ist – und der Kürzungskahlschlag mit der Kettensäge uns langfristig nicht weiterhilft, im Gegenteil: wir damit unser Fundament beschädigen. Denn die einzige Ressource, die wir in Deutschland haben, sind Menschen. Ein System, das Bildungshürden abbaut, Teilhabe ermöglicht und soziale Härten abfedert, ermöglicht, dass Menschen in ihre Kraft kommen.
Was an Schulen passieren muss
KI spielt eine Rolle, ist aber nicht der bestimmende Wirtschaftsfaktor. Wir nutzen sie als Tool, ohne uns von ihr den Takt vorgeben zu lassen. Im Jahr 2036 vertrauen wir auf die Innovationskraft von Menschen. Dass sie selbst ihres Glückes Schmied sein können – und das auch wollen. Die bürokratischen und institutionellen Hürden für Erfolg wurden abgebaut.
An unseren Schulen wird der Grundstein für diesen Erfolg eines und einer jeden Einzelnen gelegt: Wir vermitteln den „German Dream“. „Verlass dich nicht darauf, dass jemand dich durchs Leben bringt. Mach was aus dir!“ Und die Politik bietet den Rahmen dafür und stellt sicher: Das geht in Deutschland!
Die Potentiale von jungen Menschen werden gesehen. Statt eines Minus über ihren Köpfen sehen die Lehrenden das Plus in ihnen. Visionen und Ideen werden wertgeschätzt und gefördert und nicht im Keim erstickt. Und wir haben die pädagogischen Fachkräfte so weit ausgestattet und gestärkt, dass sie die Herausforderungen an ihren Lehranstalten meistern.
Respekt, Toleranz und die Fähigkeit, Selbstwirksamkeit zu entwickeln
Im Jahr 2036 schaffen wir es, Schülerinnen und Schülern Werte zu vermitteln, auf die es im Leben und in einer Demokratie ankommt. Sie haben einen klaren Wertekompass und sind in der Lage, schon früh im Leben Verantwortung für sich und ihr Umfeld zu übernehmen. Respekt, Toleranz und die Fähigkeit, Selbstwirksamkeit zu entwickeln, werden im Schulalltag eingeübt und trainiert. Wir haben mehr Lehrkräfte ausgebildet und damit auch die Klassen verkleinert – auch dadurch, dass es mehr Möglichkeiten für den Quereinstieg in den Lehrberuf gibt.
Das Deutschland im Jahr 2036 ist ein weltoffenes Einwanderungsland und hat erkannt, dass wir in erster Linie in Menschen investieren müssen. Wir haben Herzen und Köpfe für die Demokratie gewonnen und die Angstmacher hinter uns gelassen. Weil wir wissen, was unsere Stärken und Prioritäten sind, und gezielt danach handeln.
Düzen Tekkal, Gründerin, Autorin und Aktivistin mit kurdisch-jesidischen Wurzeln, lebt in Berlin. Wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Gerade ist ihr Buch (mit Shila Behjat, Natalie Amiri und Minu Barati) „Unsere Väter“ erschienen (Hanser).
Morgen: Teil 9 der Reihe mit Ronya Othmann.

