Understatement scheint den Münsterländern im Blut zu liegen. Nichts will sich aus dieser Landschaft erheben, die „Berge“ genannten Höhenzüge sind langgezogene bewaldete Erhebungen, die der Landschaft eine sanfte Wellenbewegung verleihen, nichts stört die Weite. Im Frühling ist das Geäst der Buchen und Eichen noch filigran, bald wird es in tiefem Grün leuchten und den Kontrast zu den rot geziegelten Bauernhöfen verstärken. Die Gehöfte liegen einsam inmitten ihrer Felder. Es ist diese Einheit von Landschaft und Gehöften mit ihren tiefgezogenen Walmdächern, von mit Weiden gesäumten Bachläufen und Hecken, sattgrünen Feldern und Wiesen, die den Zauber dieser Landschaft ausmacht.
Selbst der Barock kommt fast ohne Schnörkel daher. Die schlossähnlichen Anwesen, deren herrschaftliche Fassaden sich in unzähligen Teichen und Burggräben spiegeln, heißen im Münsterland einfach nur Haus. Adlige wie Bauern leben von und mit dem Land. Sie sind es, die die Landschaft gestalten. Im Westen Münsters sind die Böden schwer und dunkel, hier wachsen satte Wiesen, Weizen und Rüben. Auf den sandigen Böden im östlichen Münsterland beherrschen Pferdekoppeln das Bild. Inmitten dieser Parklandschaft liegt Münster. Alle Straßen und Wege scheinen darauf zuzulaufen.

Münster kommt vom lateinischen Monasterium und bedeutet ursprünglich Kloster. Der heilige Liudger, ein Friese, soll Ende des 8. Jahrhunderts zur Missionierung der heidnischen Stämme geschickt worden sein. Auf einer kiesigen Anhöhe im Tal der Aa gründete er ein Kloster, die Keimzelle der Stadt. Aus dem Kloster wurde ein Bistum, aus dem Bistum ein Marktort. In dem Marktort wuchs eine selbstbewusste Bürgerschaft heran, die Handel trieb mit England und Flandern, mit dem Rheinland und Frankreich, und immer wieder gerieten die selbstbewussten Bürger in Konflikt mit den geistlichen Fürsten. Am Ende brauchten beide Seiten einander.
Die prunkvollen Höfe der Geistlichen, in Münster Kurien genannt, förderten die Kunst und das Handwerk. Die Bürger wollten den Fürsten nicht nachstehen und erbauten Gildehäuser mit hohen Giebeln und steinernen Arkaden. Am Prinzipalmarkt stifteten die Ratsherren die spätgotische Lambertikirche, an deren neugotischem Turm heute die eisernen Körbe zur Schau gestellt sind, in denen nach den Wirren der Reformationszeit die Leichen der besiegten Wiedertäufer vermoderten, einer radikalen Sekte, die die Stadt einige Jahre beherrschte. Im holzgetäfelten Saal des Rathauses, dessen elegante spätgotische Schaufassade die Reihe der Bürgerhäuser überstrahlt, wurde nach dem Dreißigjährigen Krieg der Westfälische Friede geschlossen.
Aber die prachtvollen Gildehäuser ebenso wie die Adelspaläste Münsters wurden in den Bombardements des Zweiten Weltkriegs dem Erdboden gleichgemacht. Statt die Gelegenheit zu nutzen und auf dem Trümmerfeld eine moderne autogerechte Stadt zu errichten, wie es zum Beispiel im zerstörten Köln geschah, wollten die bodenständigen Münsteraner ihre alte Stadt zurück und beschlossen, die Innenstadt in ihrem alten Grundriss wiederaufzubauen.

Schon früh erkannten die Stadtväter die Vorteile des Fahrrads. Die Region ist flach, Räder sind billig und brauchen in den engen Gassen der Altstadt nicht viel Platz. Statt eines Autobahnrings, wie in vielen deutschen Städten, umgibt ein Parkring mit Fahrradwegen das historische Zentrum. Der Prinzipalmarkt mit seinen steilen Giebelhäusern und steinernen Arkadenreihen wurde im alten Plan wieder errichtet. Und wenn auch beim genaueren Hinsehen die Fassaden ein wenig zu glatt und schnörkellos sind: Münster hat sein Gesicht behalten.
Nur der weite Domplatz sieht außerhalb der Marktzeiten ein wenig verlassen aus. Umso prachtvoller der spätromanische Dom. Auch das Rathaus hat seine originalgetreue filigrane Fassade zurück. Der hochaufragende Turm der Lambertikirche mit seinem neugotischen Maßwerk setzt inmitten der Münsteraner Kirchen mit ihren gedrungenen Türmen ein Ausrufezeichen. Nachts leuchten die Sprossen einer Leiter auf der Turmspitze der Lambertikirche und führen gleichsam in den Himmel hinein. Die Lichtinstallation wird von den Münsteranern so geliebt, dass sie Spenden sammelten, um die Leihgabe der österreichischen Künstlerin Billi Tanner noch eine Zeitlang zu behalten.
Münsteraner scheinen keine Eile zu haben. Selbst die Radfahrer in der Innenstadt drosseln ihr Tempo. Nur auf die blauen Elektrobusse, die vor dem Rathaus scharf abbiegen, muss man achtgeben. Es macht Spaß, durch die Altstadt zu schlendern. An jeder Ecke ragen mächtige mittelalterliche Kirchenschiffe empor. Romantische Plätze und Cafés laden zum Verweilen ein. Mittwochs und samstags ist auf dem weitläufigen Domplatz Markttag. Traditionelle Gasthäuser befinden sich in den wiedererrichteten Fachwerkhäusern.
Die Müsteraner steigen häufig aufs Rad
Statt Billigläden verkünden goldene Lettern auf den Sandsteinfassaden stolz die Namen der Geschäfte, die hinter den historischen Arkaden liegen. Leerstand in der Innenstadt gibt es kaum. Die Kaufkraft in der Stadt ist hoch. Seit der Preußenzeit liegen nicht nur Bistums- und Kreisverwaltung in Münster, auch die Universität sorgt für stabile Einkommen. Trotz der zahlreichen Maschinenbaubetriebe im Umland liegt Münster im Herzen einer von Landwirtschaft geformten Landschaft und nicht in einem Ballungsgebiet wie die von Industrie geprägten Städte an Rhein und Ruhr. Sicher ist aber auch diese Entspanntheit einer klugen Stadtpolitik zu verdanken, die sowohl Fußgängern als auch Radfahrern genügend Platz einräumt.
Mehr als 40 Prozent aller Wege in der Stadt legen die Münsteraner mit dem Fahrrad zurück, erklärt Christian Raestrup, der uns durch die Innenstadt führt. Neben den gut ausgebauten Radwegen ist sicher auch das Fehlen einer Stadtbahn ein Grund, dass sich so viele Bürger aufs Fahrrad schwingen. Die Straßenbahn wurde in den Sechzigerjahren abgebaut, als man noch nicht mit einem so großen Bevölkerungswachstum rechnete.
Heute hat Münster mehr als 300.000 Einwohner, davon gut 60.000 Studenten. Die Universitätsverwaltung ist im ehemals fürstbischöflichen Schloss untergebracht, einem weitläufigen Barockbau von Johann Conrad Schlaun. Westfälische Symphonie nannte der Baumeister selbst die stilprägende Kombination von rotem Ziegelmauerwerk, gelbem Kalksandstein und weißen Sprossenfenstern, die so typisch für die Barockbauten im Münsterland wurde. Aber der westfälische Barock wäre nicht zu denken ohne die weitläufigen Wiesen und Gärten, die nicht nur das Stadtbild Münsters prägen, sondern auch die sie umgebende Landschaft.

„In Münster regnet es oder die Glocken läuten“ – so lautet ein Sprichwort in Westfalen. Zumeist handelt es sich dabei nur um kurze Schauer, ähnlich dem Glockengeläut, das weit über die flache Landschaft hinaus klingt. Die jährliche Niederschlagsmenge liegt nichtsdestominder im bundesdeutschen Durchschnitt. Sonst würde sich wohl kaum die halbe Stadt aufs Fahrrad schwingen. Mehr als 500.000 Fahrräder soll es in Münster geben, ein Trend zum Zweitfahrrad ist unverkennbar. Und viele davon sind E-Bikes, davon können wir uns bei einem Spaziergang über den Parkring überzeugen. Kein Wunder also, dass Münster auch das älteste und größte Fahrradparkhaus Deutschlands besitzt. 3500 Stellplätze fasst die Radstation am Bahnhof. Sie wurde 1999 in einer ehemaligen Einkaufspassage errichtet.
An ausgewiesenen Fahrradtouren in Münster und Umgebung hat der Besucher die Qual der Wahl. Soll es der Radweg am Dortmund-Ems-Kanal sein mit einem Abschluss am alten Hafen, wo ein neu angelegtes Szeneviertel mit Kneipen, Kulturcafés und Theatern lockt? Oder eine Tour auf den Spuren Annette von Droste-Hülshoffs? Das Geburtshaus der Dichterin, die malerische Wasserburg Hülshoff, liegt nur elf Kilometer vor den Toren der Stadt. Ein „Lyrikweg“ verbindet die Burg mit dem etwa fünf Kilometer entfernten Rüschhaus, in das die Dichterin nach dem Tod des Vaters gemeinsam mit ihrer Mutter gezogen ist.
Auf den Pfaden zwischen den beiden Häusern, die die Droste so oft gegangen ist, laden zwölf Stationen zum Innehalten ein. Auf Tafeln kann der Wanderer nicht nur Gedichte Annette von Droste-Hülshoffs lesen, sondern auch die Werke zeitgenössischer Dichter, die sich mit der Lebenswelt der Dichterin auseinandersetzen. Zudem gibt es eine begleitende App und ein Wanderbuch. Busverbindungen zwischen den beiden Standorten sind allerdings rar gesät, es empfiehlt sich also, die Tour per Fahrrad zu machen. Zurzeit wird die Dauerausstellung neu gestaltet. Das Rüschhaus wird am 1. Juli 2026 wiedereröffnet, die Burg Hülshoff sogar noch später. Bis dahin sind nur die Außenanlagen zu besichtigen.
Im Aasee darf man alles, außer baden
Wir entscheiden uns daher für eine Rundtour in die Parklandschaft des Münsterlandes hinauf zu den Baumbergen und werden auf dem Rückweg an der Burg Hülshoff vorbeischauen. Auf der gut siebzig Kilometer umfassenden Tour wird Christian Raestrup unsere Gruppe begleiten. Christian ist studierter Historiker und stammt, wie könnte es hier auch anders sein, von einem westfälischen Hof. Er kennt jeden Schleichweg in der Region und zu jedem Haus eine Geschichte.
Wir beginnen unsere Radroute entlang des Aasees. Ursprünglich wurde der gut zwei Kilometer lange Stausee aus Hochwasserschutzgründen angelegt, heute ist es ein großzügiger Freizeitpark mit Wiesenflächen, Cafés, Tretbootverleih und einem Zoo. Sogar Segeln kann man auf dem See. Einzig das Baden ist nicht erlaubt, denn das nur zwei Meter tiefe Gewässer ist überdüngt, und im Sommer breiten sich darin giftige Algen aus. Weiter geht es an den sogenannten Bettentürmen des Universitätsklinikums vorbei, markante weiße Rundtürme, die in dem flachen Land schon von Weitem zu sehen sind.
Von hier aus beginnt schon bald ein von Äckern und Wiesen gesäumter Weg durch die Münsteraner Parklandschaft. Das Land ist flach, der Himmel weit, Bäche und kleine Flussläufe säumen den Weg, die sogenannten Gräften. Das norddeutsche Wort für die Entwässerungskanäle ist verwandt den niederländischen Grachten. Die Grenze zu den Niederlanden ist nur 60 Kilometer entfernt. Quellen und Bäche scheinen hier aus allen Ecken zu sprudeln. Die Wiesen am Wegrand sind feucht, entlang der Bäche blühen Schlüsselblumen. Trauerweiden bilden einen sanften hellgrünen Vorhang. Hinter einem Hain aus Erlen und Weiden ist ein erster Gräftehof zu sehen, ein verwunschen wirkender Wirtschaftshof, umgeben von einem Bachlauf. Rundherum nur Wiesen und Felder und von Zeit zu Zeit ein mächtiger Bauernhof, der sich mit tief gezogenem Walmdach gleichsam in die Landschaft schmiegt.

Am Fuß der Baumberge, eines sanften, mit Buchenwald bewachsenen Höhenzuges, liegt das Stift Tilbeck. In der ehemaligen Klosteranlage mit seiner neugotischen Kirche befindet sich heute eine Einrichtung für behinderte Menschen. Neben Wohnungen, Schulen und Werkstätten betreiben Mitarbeiter und Bewohner auch ein gemütliches Café. Während wir uns im Garten ein Wurstbrot schmecken lassen, erzählt Christian von seiner Arbeit als Zivildienstleistender in einer Behinderteneinrichtung. Für ihn sei dies die beste Zeit seines Lebens gewesen. Unwillkürlich müssen wir an den Münsteraner Bischof Clemens von Galen denken, der sich mutig den Morden der Nationalsozialisten an behinderten Menschen entgegenstellte.
Es ist Sonntag Morgen. Auch im ehemaligen Stiftsdorf Nottuln läuten die Glocken zum Sonntagsgottesdienst. Auf dem Kirchplatz bauen Helfer Kaffeetische auf. Die gotische Hallenkirche duftet nach Weihrauch. Auf dem rückwärtigen Kirchplatz liegen die Kurien der einstigen Stiftsdamen, romantische Adelshäuser entlang einem Kanal. Und auch hier hatte der Barockbaumeister Schlaun seine gestaltende Hand im Spiel. Ein kleiner Buchladen in diesem zutiefst katholischen Ort hat überraschend linke Literatur im Schaufenster liegen. Selbst die frühen Schriften Ulrike Meinhofs, die in Münster studiert hat, finden wir hier. Vielleicht will der Buchhändler die brave Bürgerschaft ein wenig provozieren.
Dann geht es die Baumberge hinauf, und trotz der nur zweihundert Höhenmeter würden wir ohne Elektroantrieb gehörig ins Schwitzen kommen. In dem lichten Buchenwald wird der für das Münsterland so typische gelbe Kalksandstein gebrochen, der der Münsterländer Farbsymphonie aus rotem Backstein und grünen Wiesen eine warme Note hinzufügt. Hier entspringen auch die unzähligen Flüsse und Bäche, die Mühlen und Gräften speisen, Burggräben und Teiche, die den Burgen, Gehöften und Schlössern des Münsterlands ihr unnachahmliches Gepräge geben.
Fortan geht es bergab, an unzähligen Höfen und Teichen, Kirchdörfern und Schlössern vorbei, bis wir am Abend wieder Münster erreichen. Wir lassen den Tag in der Glocke ausklingen, einem Restaurant im Kreuzviertel, an einem romantischen Kirchplatz gelegen, inmitten von Gründerzeithäusern, in dem es neben klassischem Wiener Schnitzel auch italienische Speisen gibt. Ein Gedicht für Feinschmecker und ein wunderbarer Abschluss unserer Tour.
