Als Finn Wiebelhaus am Tag nach dem größten Erfolg seiner Motorsportkarriere ans Telefon geht, ist er gerade mit Schreibarbeit beschäftigt. Es gilt, einige Excellisten zu aktualisieren, Bilder zu sichten und diverse eingetrudelte Glückwünsche zu beantworten. Er verbringe aber weitaus mehr Zeit im Cockpit am brüllenden Motor seines Ford Mustang GT3 als bei Stillarbeit im Büro, versichert der Obertshausener schmunzelnd.
So richtig in Hochstimmung ist Wiebelhaus indes nicht. Trotz Rang zwei im Sonntagsrennen auf dem Norisring (5. Juli) – des bislang besten Ergebnisses seiner Debütsaison im Deutschen Tourenwagen Masters (DTM). Es ist schon die zweite Podiumsplatzierung für Wiebelhaus an den ersten vier Wochenenden mit acht Rennen, eine Bilanz, die die Erwartungen deutlich übertrifft.

Rang drei auf dem Lausitzring am 21. Juni habe er „richtig gefeiert, weil ich mir diesen Platz am Ende erkämpft habe“, so der Zwanzigjährige. Den Norisring, den Nürnberger Stadtparcours, verließ er dagegen mit dem Gefühl, den möglichen ganz großen Wurf verpasst zu haben. „Einerseits bin ich natürlich happy mit dem Resultat, aber andererseits enttäuscht darüber, nicht gewonnen zu haben. Zweiter in diesem Rennen fühlt sich mehr wie der erste Verlierer an“, sagt Wiebelhaus im Gespräch mit der F.A.Z.
Am Ende eines spannenden, von diversen Unterbrechungen und Regenkapriolen geprägten Rennens schoss der Youngster nur knapp zwei Sekunden nach Sieger Nicki Thiim im Aston Martin über die Ziellinie. Einige Male hatte Wiebelhaus vor knapp 120.000 Zuschauern auf den ausverkauften Tribünen zum Überholen angesetzt, vermochte seinen Ford Mustang indes nicht entscheidend wie gewinnbringend vor den Aston Martin von Thiim zu setzen. Einige Sekunden hatte er in der Boxengasse eingebüßt, was ihn im Nachhinein wurmte. Unter anderem der kurzfristige Ausfall eines Mechanikers war für sein Team HRT Ford Racing nur schwer zu kompensieren.
„Nicht häufig die Chance, ein Rennen zu gewinnen“
Wiebelhaus schwante schon bald: „In seinem Debütjahr in der DTM hat man nicht häufig die Chance, ein Rennen zu gewinnen.“ Zumal der Ford Mustang nicht auf allen DTM-Rennstrecken ein Sieganwärter ist. Gerade auf Parcours mit vielen engen Kurven gehört der Wagen nicht zu den schnellsten, „dem Klischee eines massigen amerikanischen Autos entsprechend“, sagt Wiebelhaus schmunzelnd.
Für die verbleibenden vier Rennwochenenden in Oschersleben (24. bis 26. Juli), Nürburgring, Sachsenring und Hockenheim erwartet Wiebelhaus zwei Strecken, auf denen sich das Team leichter tun wird, und zwei, bei denen es sich schwerer tun wird. Zur Saisonhälfte steht der Hesse in der Fahrerwertung auf Rang zehn, sein erfahrener Teamkollege Arjun Maini auf Platz sieben.
Wiebelhaus ist seit seinem späten Einstieg in den Motorsport auf dem Gaspedal geblieben. Erst im Jahr 2020 hat er in einem geliehenen Kart seine ersten Runden gedreht und schnell Erfolge erzielt. Über die französische Formel-4-Serie ist er im ADAC GT Masters gelandet, wo er 2025 in seinem zweiten Jahr den Meistertitel gewann. Innerhalb von sechs Jahren von null auf einen Top-Ten-Platz nebst zwei Podestplätzen in der DTM zu kommen, zeugt von seiner schnellen wie stringenten Entwicklung.
In der DTM ist freilich alles einige Nummern größer als zuvor. Allein schon deshalb, weil die Sausen stets die Hauptattraktion der Rennwochenenden sind und die DTM-Fahrer viel mehr im Mittelpunkt stehen. Was auch weitaus mehr Aufmerksamkeit bei den Fans sowie PR-Termine mit sich bringt. Die wichtigsten Lehren in dieser für ihn noch neuen Fahrwelt? „In der DTM zählt wirklich jeder Zentimeter, man kann sich keinen noch so kleinen Fehler erlauben.

Auch die Härte in den Rennen ist eine andere“, so Wiebelhaus. Beim Saisonauftakt auf dem Red Bull Ring in Österreich sei er noch zu vorsichtig gewesen, habe sich von den Konkurrenten „ein bisschen rumschubsen lassen“. Doch mittlerweile habe er sich gut etabliert und sich Respekt verschafft. „Ich fühle mich voll angekommen. Und habe genug Selbstvertrauen gesammelt, dass ich mit den anderen Jungs auf Augenhöhe bin und nicht mehr der kleine Neuankömmling“, sagt Wiebelhaus.
Der Obertshausener blickt auf ein dichtes Programm in den vergangenen drei Wochen zurück. Zwischen seinen beiden DTM-Podiumsplatzierungen war er für sein Team noch beim 24-Stunden-Rennen in Spa-Francorchamps aktiv. Zwar durfte der HRT-Renner nach technischen Problemen nur von ganz hinten aus der Boxengasse heraus starten. Doch es war aus dem Fahrerquartett vor allem Wiebelhaus, der den Ford Mustang bis auf Rang fünf nach vorn brachte. Allerdings führte dann ein Unfall zu einem Reifenschaden – Pech! Wiebelhaus nimmt von der Hitzeschlacht (es herrschten bis zu 40 Grad) beim Langstreckenklassiker in den Ardennen dennoch Positives mit. Nämlich, dass er die Fitness hat, solch eine Belastung aus wenig Schlaf und viel Adrenalin gut zu bewältigen.
Kombiniert mit einer fahrerischen Reife, die er eine Woche später auf dem Norisring demonstriert hat. Regen, rote Flaggen, Reifenwechsel – Wiebelhaus ließ sich nicht stressen und navigierte seinen Mustang durch alle Unbill. Zumal auf einem Kurs, den er nie zuvor gefahren war. Den riesigen Pokal, den er auf dem Podium entgegennahm, hat er irgendwo in seinem Elternhaus abgestellt. Über die vergangenen Jahre ist eine ordentliche Sammlung an Silberware zusammengekommen.
Wiebelhaus träumt davon, eines fernen Tages in seinem Haus einen Raum zu haben, in dem neben Pokalen und Helmen seiner Laufbahn ein Simulator steht. Ein Rennzimmer für den Rennfahrer sozusagen. „Aber hey“, sagt der Zwanzigjährige, „darüber nachzudenken, ist im ersten DTM-Jahr noch viel zu früh.“ Einen kleinen Tisch für die nötige Schreibarbeit wird er dort gewiss auch noch unterkriegen.
