
Die Schließung wird im Stadtrat diskutiert
Pünktlich zum Schulbeginn ist deshalb mit Ausfällen und Einschränkungen im Nahverkehr zu rechnen, also mit noch mehr Verkehrschaos in der Stadt. Vergleichsweise harmlos, aber doch symptomatisch und gewiss nicht stimmungsfördernd: Im Stadtteil Endenich mussten viele Bewohner in den letzten Tagen auf ihre warme Morgendusche verzichten, weil die Stadtwerke eine Störung im Heizkraftwerk Nord nicht auf Anhieb beheben konnten. Bonn hat zurzeit also einiges zu verkraften. Aber es kommt noch schlimmer.
Wenn am heutigen Donnerstag der Kulturausschuss der Stadt in nicht öffentlicher Sitzung über die Verlängerung des Vertrags von Bernhard Helmich als Generalintendant der Bonner Bühnen diskutiert, geht es nicht nur um eine gewöhnliche Personalentscheidung. Helmichs Vertrag, der noch bis 2028 gültig ist, sollte bis 2030 verlängert werden. Aber jetzt steht die Frage im Raum, ob Bonn dann überhaupt noch einen Generalintendanten braucht. Denn wenn die Befürchtungen, die in dieser Woche laut wurden, eintreffen sollten, wird sich Bonn ein eigenes Musiktheater nicht mehr lange leisten können. Eine Schließung der Bonner Oper ist noch längst nicht beschlossen, aber sie wird offenbar als Möglichkeit in Betracht gezogen und im Stadtrat diskutiert.
Geplant war ein neues Zweispartenhaus für 426 Millionen Euro
Wie etliche Theater- und Opernhäuser in Deutschland, von Augsburg, Coburg, Frankfurt und Stuttgart bis Berlin, Rostock oder Leipzig ist auch die 1965 am Rheinufer eröffnete Bonner Oper sanierungsbedürftig. Nach langen Diskussionen legte die Stadtverwaltung im März dieses Jahres fünf Planungsvarianten für die Zukunft der Bühnen der Stadt vor und sprach sich dafür aus, ein neues Zweispartenhaus in Modulbauweise im rechtsrheinischen Stadtteil Beuel zu errichten. Die Kosten wurden auf 426 Millionen Euro veranschlagt, wobei der Abriss des alten Opernhauses mit den vom Zero-Künstler Otto Piene gestalteten Lichtinstallationen in Parkettfoyer und Zuschauerraum eingerechnet ist. Vor vier Jahren hatte eine repräsentative Umfrage ergeben, dass knapp sechzig Prozent der Bonner der Ansicht waren, dass ihre Stadt ein eigenes Opernhaus brauche. In Bonn ist der Akademikeranteil in der Bevölkerung mit etwa 37 Prozent gut drei Mal so hoch wie in Gelsenkirchen.
Das denkmalgeschützte Schauspielhaus in Bad Godesberg sollte saniert und einer neuen Nutzung zugeführt werden. Grundlage dieser Pläne war ein Ratsbeschluss vom Mai letzten Jahres, dem zufolge beide Sparten, also Oper und Schauspiel, erhalten bleiben sollten. Dass der Stadtrat die Entscheidung über die im März vorgelegten Entwürfe zunächst vertagte, war zwar kein gutes Zeichen, ließ aber nicht ahnen, dass mittlerweile ganz andere Überlegungen im Raum standen.
1,8 Milliarden Euro waren selbst für die Landeshauptstadt zu viel
Im letzten Juni musste Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller überraschend die hochfliegenden Pläne für ein Opernhaus absagen, die man erst ein halbes Jahr zuvor verkündet hatte. Das durchdachte, funktional und ästhetisch anspruchsvolle Konzept des Architekturbüros Snøhetta, das unter anderem für den Neubau der Oper in Oslo gefeiert wurde, hätte statt einer Milliarde, wie zunächst veranschlagt war, am Ende bis zu 1,8 Milliarden Euro kosten können. Das war selbst für die Landeshauptstadt zu viel. In Bonn geht es um deutlich weniger Geld, aber der Schuldenstand der Stadt wächst stetig und beläuft sich mittlerweile auf 2,5 Milliarden Euro. Wie der Bonner „General-Anzeiger“ in seiner gründlichen Recherche zur Zukunft der Bühnen der Stadt in dieser Woche berichtet hat, wird in Bonns Kämmerei mit einem Anstieg der Schulden auf vier Milliarden bis 2029 gerechnet. Das diesjährige Haushaltsdefizit könnte sich auf 170 Millionen Euro belaufen.
Im Bonner Stadtrat haben sich CDU, SPD und FDP zu einem Bündnis zusammengeschlossen, verfügen aber auch gemeinsam über keine Mehrheit. Das bremst die Entscheidungsfreude, die in der deutschen Kommunalpolitik ohnehin traditionell eher wenig ausgeprägt ist. Man verwaltet den Stillstand. Auf die Fragen, wie das Schauspielhaus in Bad Godesberg künftig genutzt werden soll und was mit dem nach einem Abriss frei werdenden Grundstück der Oper am Rheinufer passieren könnte, gibt es bislang keinerlei Antwort. Die Pläne für den Neubau des Zweispartenhauses in Beuel gelten bei vielen schon länger als gescheitert.
In Bad Godesberg wollen zu viele Bürger nicht auf ihr Schauspielhaus verzichten, in Beuel wollen zu wenig Bürger ein neues Zweispartenhaus. Vielleicht sollte doch noch mal gründlich über eine kostengünstige Sanierungsvariante der Bonner Oper nachgedacht werden. Ihre Auslastung lag in der letzten Spielzeit bei fast 85 Prozent, in der Tanzsparte waren es noch einmal zehn Prozent mehr. Im Falle einer Schließung müssten die meisten ihrer Angestellten, darunter 43 Sängerinnen und Sänger des Chors und ebenso viele Bühnenhandwerker, weiterbeschäftigt werden. Bonn brodelt? Vielleicht köchelt die Stadt auch nur auf kleiner Flamme. Aber wie so viele Kommunen im Land kommt sie zurzeit einfach nicht vom Fleck.
