Für Juni ist es etwas kühl, aber trotzdem schwül, später wird es einen Gewitterplatzregen geben. Noch aber tanzen die Leute im Sokolniki-Park im Osten von Moskau. Laut dröhnen Schlager aus den Boxen rechts und links des kleinen Pavillons, im Playback, nur Gesang und Saxophon sind live. „Wochen und Jahre sind verflogen, wohin, weiß niemand“, singt die Sängerin. „Wir waren mit ihnen unterwegs, finde mich an der Kreuzung zweier Wege.“
Auf dem Plätzchen vor dem Pavillon wippen Rentner, Mütter und Kinder im Viervierteltakt zu stampfenden Bässen. Um den Springbrunnen daneben sind unterschiedlich große Plastikballons aufgestellt, aus deren Plastikkörben Plastikblumen hängen. Alles gehört zum jährlichen Veranstaltungsreigen „Moskauer Sommer“, der Bewohner und Besucher der russischen Hauptstadt erfreuen soll. Leichtigkeit ist Programm, abschalten, nicht nachdenken, den Moment genießen. Es gilt die inoffizielle Devise der Untertanengesellschaft: bloß keine Politik.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Dabei steht nur wenige hundert Meter von dem Sommerkonzert entfernt seit Anfang Juni ein Flugabwehrgeschütz auf einem Wohnturm. „Haus am Sokolniki“ heißt die Anlage nahe der gleichnamigen Metrostation. Das Dach des Gebäudes ragt nach allen Seiten über wie eine Hutkrempe, man sieht das Geschütz daher nicht von unten, und offen wird über solche Stationierungen nicht informiert. Aber jemand hat den Hubschrauber gefilmt, der das Geschütz an Seilen oder Ketten angeliefert und auf dem Dach abgestellt hat.
Flugabwehrbatterien machen Wohnhäuser zu militärischen Zielen
Anhand dieser Aufnahmen, die sich auf dem Messenger Telegram verbreitet haben, vermuten Fachleute, dass es sich um eine Batterie des Panzir-SMD-E-Raketenkomplexes handelt, der Drohnen abwehren soll. Auf mindestens drei weiteren zivilen Gebäuden in Moskau stehen mittlerweile solche Geschütze. Zwei von ihnen sind Wohntürme wie das „Haus am Sokolniki“, das dritte ein Büroturm, der mit dem Ölkonzern Rosneft verbunden wird.

In den ersten Jahren nach Russlands Angriff auf die Ukraine von Ende Februar 2022 erschien solche Artillerie nur auf den Dächern offizieller Gebäude in Moskau. So auf dem Hauptsitz des Verteidigungsministeriums am Ufer der Moskwa gegenüber dem Gorki-Park. Das wirkte düster, aber übervorsichtig: Die Gefahr durch Drohnen war hier damals eher gering, der Krieg schien weit weg. Jetzt sind die Flugabwehrgeschütze auf zivilen Gebäuden, die mit der zahlungskräftigen Elite verbunden sind, ein Zeichen dafür, dass der Krieg, den die Führung führen lässt, nach Moskau gelangt ist. Wie ein Bumerang.
Es ist nicht das einzige Zeichen. Von den Bahnhöfen fahren Soldaten fort, oft in größeren Gruppen. Eines Juniabends marschieren vier junge Soldaten in der einbrechenden Dunkelheit durch eine Seitenstraße nahe der Christ-Erlöser-Kathedrale zum früheren Volkskommissariat für Verteidigung; der wuchtige Stalin-Bau mit fünfzackigen Sternen im Turm gehört heute zum Verteidigungsministerium. Auf Kommando eines fünften Militärs stimmen sie einen der Schlager an, die als „patriotisch“ bezeichnet werden und den Krieg glorifizieren. Russland werde bei Gefahr stets zum „Monolithen“, grölen die Männer im Gleichschritt, „je höher der Druck, desto stärker der Beton“.
Tiefschwarzer Rauch über dem Moskauer Ölverarbeitungswerk
In Wirklichkeit ist die Schwäche gleichsam mit Händen zu greifen. Das Regime, das Kiew in wenigen Tagen niederringen wollte, kann nicht einmal mehr seine eigene Hauptstadt schützen. Laut Kriegsrecht sollen es Konfliktparteien „vermeiden, innerhalb oder in der Nähe dicht bevölkerter Gebiete militärische Ziele anzulegen“.
Einerseits machten die Panzir-Batterien die Gebäude zu rechtmäßigen Zielen, hebt das ukrainische Militärportal Defense Express hervor. Andererseits entstehen zusätzliche Gefahren, wenn Drohnen über Wohngebieten abgeschossen werden, wenn Teile der Abwehrraketen umherfliegen, wenn solche Raketen fehlgehen.

Ein spektakuläres Beispiel dafür gibt es schon in Moskau. Am Morgen des 18. Juni, während des bis dahin größten Drohnenangriffs auf die Hauptstadt mit 194 gemeldeten Abschüssen, ist das Moskauer Ölverarbeitungswerk im Stadtteil Kapotnja das Hauptziel. Die Riesenraffinerie im Südosten der Hauptstadt, die zur Ölsparte des Gazprom-Konzerns gehört, wird nach dem 17. Mai und dem 16. Juni schon zum dritten Mal in gut einem Monat angegriffen. Aber zum ersten Mal bricht dort ein Großbrand aus.
Aufnahmen zeigen, wie von dem Gelände tiefschwarzer Rauch aufsteigt. Wohl durch Drohneneinschläge. Es nähert sich eine weitere Drohne. Man hört Schüsse, vermutlich aus Sturmgewehren, die auch zur Flugabwehr bemüht werden, selten mit Erfolg. Die Drohne fliegt weiter. Eine Rakete zischt los, trifft aber nicht die Drohne, sondern einen der Öltanks auf dem Raffineriegelände. Der explodiert, sein Deckel wird Dutzende Meter hoch in die Luft geschleudert.
Solche Bilder des Fiaskos können nur Russen sehen, die über technische Umwege soziale Netze wie den Messenger Telegram nutzen. Obwohl es die Behörden verboten haben, filmen zahlreiche Moskauer die Brände. Schaulustige suchen die besten Aussichtspunkte, Polizisten sind nicht zu sehen. Vermutlich schicken manche ihre Clips gar an ukrainische Telegram-Kanäle, die als Erste die Folgen der Schläge bebildern.
Ein Hauch von Kontrollverlust

Viele Russen wollen die Bilder der Zerstörung gar nicht sehen. Dafür steht eine andere Szene vom Morgen des bis dato größten Drohnenangriffs auf Moskau: Vor dem apokalyptischen Panorama der Rauchschwaden aus Kapotnja warten im Nachbarstadtteil Ljublino Dutzende Leute an einer Bushaltestelle. Sie blicken aber nicht zum Großbrand, sondern stur in die Richtung, aus der ihr Bus kommen soll.
Da ist keine Panik, kein Groll. Nur stummes Dulden und Wegschauen in der Überzeugung, dass man ohnehin nichts ändern kann und sich besser heraushält. „Die großen Onkel spielen ihr Spiel, und wir schauen zu“: So resümiert ein junger Moskauer die geopolitische Lage. Gerade wird er im Umland der Hauptstadt, wo er seine Freundin besucht, ständig Zeuge, wie die Luftabwehr auf Drohnen schießt. Es knallt vor allem früh am Morgen.
Die Schwäche bleibt nicht ohne Folgen. Der Telegram-Kanal der Journalistin Farida Rustamowa berichtet, die Machthaber hätten in geheimen Umfragen festgestellt, dass mehr als 60 Prozent der befragten Russen „verschiedener Aspekte des Krieges müde“ seien. Die Wähler sagten mittlerweile ganz offen, „wir erwarten eine Entscheidung, damit der Krieg so oder so zu Ende geht“, zitierte der Kanal eine Quelle aus dem Umfeld der Machtpartei Einiges Russland, welche die Umfragen vor internen Vorwahlen in Auftrag gegeben habe.
Im September sollen unter anderem Scheinwahlen zum Unterhaus stattfinden. Wenn diese nicht verschoben werden. Solche Erwägungen gab es vor vier Jahren angeblich bereits, als es im Krieg nicht gut lief, wenn auch nicht so schlecht wie jetzt.
Viel Frust, wenig Perspektiven

Es wachsen der Frust und ein Gefühl der Perspektivlosigkeit. Russlands Rüstung bindet alle Ressourcen, die zivile Wirtschaft darbt, Unternehmer suchen nach Arbeitskräften und Kapital. „Ich hole gerade eine Brigade Arbeiter aus Belarus, aber wer weiß, wie lange die bleiben“, sagt ein Moskauer, der im Baugeschäft Fuß fassen will. Kredite sind für viele zu teuer, aber der Inflationsdruck hält den Leitzins hoch.
Weil viele Russen in der Überzeugung leben, für nichts außerhalb des eigenen Umfelds verantwortlich zu sein und an der eigenen Führung nichts ändern zu können, projizieren sie ihre Hoffnungen auf äußere Akteure. Auf die Ukrainer, die sich ihrer „antirussischen“ Führung entledigen würden, auf europäische Länder, die sich mit Nuklearschlagsdrohungen einschüchtern und mit Öl und Gas gewogen halten lassen würden. Zuletzt aber ganz auf den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, der Kiew auf Linie bringen werde.
Nichts davon trat ein, Trump irrlichtert, auch gegenüber Russland. Jüngst klagte dessen Außenminister Sergej Lawrow, der Trump-Putin-Gipfel von Alaska im August 2025, den Moskaus Machtapparat als Triumph gefeiert hatte, habe „faktisch“ dazu gedient, „Zeit zu gewinnen, um das Kiewer Regime aufzurüsten“. Neben Enttäuschung über Trump spricht daraus das Bild der Ukrainer als vermeintlich unterlegener „Kleinrussen“, in das nicht passt, dass die Verteidiger auch dank eigener Innovationskraft einen Vorteil gegenüber den Invasoren errungen haben.
„Alle sind des Krieges überdrüssig“
Anonym klagen auch Vertreter der Elite über die Lage. „Alle sind des Krieges überdrüssig“, zitiert zum Beispiel Rustamowas Kanal jemanden aus dem Regierungsumfeld. „Es gibt keine Dynamik mehr, alles steckt in einer Art Stillstand fest, es geht weder vorwärts noch rückwärts.“ Aber auch aus solchen Wortmeldungen sprechen Ohnmacht, Rat- und Hilfslosigkeit.

Seit dem Frühjahr diskutieren exilrussische Beobachter wieder einmal über eine „Spaltung der Elite“, die aber seit je kein einheitlicher Block ist; vielmehr rivalisieren clanmäßige Gruppen aus Putin-Weggefährten, zivilen, militärischen und geheimdienstlichen Kräften um Macht, Geld und Einfluss. Auch jetzt.
Als von März an auch die Bewohner der Metropolen Moskau und Sankt Petersburg über die ausufernden Internetbeschränkungen klagten und Telegram blockiert wurde, zeichnete sich ein Machtkampf zwischen Putins Präsidialverwaltung und dem Inlandsgeheimdienst FSB ab. Als Putin sich nach Wochen des Schweigens endlich zur Internetfrage äußerte, optierte er für die „Sicherheit der Menschen“ und zeigte damit, auf wen er setzt: auf seinen Gewaltapparat, der auch die eigenen Leute kontrolliert.
Putin wirkt abgeschotteter, entrückter denn je, spricht weiter von Erfolgen auf dem Schlachtfeld, hält an seinen Maximalzielen fest. Und schweigt, wo es wehtut: zum größten Drohnenangriff auf Moskau, zu Raketenschlägen wie dem auf das westrussische Woronesch.
Dort haben die Ukrainer am Montag eine Halbleiterfabrik angegriffen, deren Produkte in russische Raketen eingebaut werden. Sie ging in Flammen auf, sechs Menschen wurden getötet, während Putin ungefähr zur selben Zeit eine rote Nelke auf den Stein legte, der an der Kremlmauer in Moskau unter den „Städten des Militärruhms“ auch Woronesch ehrt. 85 Jahre zuvor hatte NS-Deutschland die Sowjetunion überfallen. Dazu spielte das Orchester einen Trauermarsch.
