Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer nennt das Vorhaben richtungsweisend und innovativ. Warum? Weil die Menge des entzogenen Elbwassers klein, die Nutzung groß und die Wiederaufbereitungsquote hoch ist. Das einmal entnommene Wasser lasse sich von der Industrie vielfältig nutzen, werde es doch mehrfach recycelt, bevor es über das Netz der Stadtentwässerung zu 80 bis 90 Prozent wieder in den Fluss gegeben werde, sagt Frank Brinkmann, Chef der Sachsen Energie AG. Ein nachhaltiger Kreislauf.
Chipbranche mit steigendem Wasserbedarf
Der ist für Dresdens boomende Halbleiterindustrie wichtig. Denn deren Bedarf an Wasser steigt. Derzeit stehen in der Stadt ein halbes Dutzend großer Chipfabriken. Gerade fährt Infineon die Produktion in seinem neuen Werk hoch. Das europäisch-taiwanische Gemeinschaftsunternehmen ESMC baut in der Nachbarschaft ein neues Werk. Es soll im Jahr 2027 den Betrieb aufnehmen. Damit wird die Chipbranche ihren Anteil am Wassergesamtbedarf der Stadt von heute 30 auf dann 50 Prozent erhöhen – Tendenz steigend.

Denn der größte Chipstandort Europas soll nach den Worten von Ministerpräsident Kretschmer wachsen. Schon heute sei jeder Dritte in Europa „made in Sachsen“, sagt Frank Bösenberg vom Branchenverband Silicon Saxony. Der Stadt dürften in den kommenden Jahren weitere Investitionen ins Haus stehen. Der Freistaat ist derzeit dabei, neue Flächen für weitere Ansiedlungen zu erschließen und die Infrastruktur aufzurüsten. Wasser ist für die Chipbranche eine wichtige Größe – und nicht nur für die.
Wichtiger Standortfaktor für die Wirtschaft
BASF ist der wohl größte einzelne Wassernutzer im Land, gefolgt vom Energieversorger RWE und dem Großkraftwerk Mannheim. An den Ufern von Elbe, Main und Donau stehen Tausende Betriebe. Der Rhein schlängelt sich nicht nur mehr als 860 Kilometer durch den deutschen Westen, er ist laut Wasseratlas des Bunds für Umwelt- und Naturschutzes (BUND) auch auf der ganzen Welt das Flusseinzugsgebiet mit der höchsten Industriedichte. Das macht ihn zum Namensgeber einer ganzen Wirtschaftsform, des Rheinischen Kapitalismus.
Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) ist Wasser ein wichtiger Standortfaktor. Die Industriezweige mit dem hierzulande höchsten Wassergebrauch sind die Versorger, die Chemie, Ernährung, Metall und Papier. Viele der hiesigen Betriebe haben ihre eigenen Anlagen zur Gewinnung, Auf- und Nachbereitung des von ihnen genutzten Wassers. Ein Großteil des kostbaren Nasses kommt direkt aus Flüssen, Seen oder Talsperren und wird nach der Nutzung gereinigt oft auch wieder an sie abgegeben.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes nutzt die deutsche Industrie im Jahr rund 13 Milliarden Kubikmeter Wasser. Die jüngsten statistischen Zahlen stammen aus dem Jahr 2022. Demnach wurden hierzulande alles in allem 17 Milliarden Kubikmeter Wasser genutzt. Ein Drittel entfiel auf die öffentliche Wasserversorgung, zwei Drittel auf die Wirtschaft. Das Wasserdargebot gibt laut Umweltbundesamt an, welche Menge an Grund- und Oberflächensüßwasser in Deutschland potentiell genutzt werden kann.
Der Index-Wert hat sich erheblich verbessert
Es wird durch lang-, mittel- und kurzfristige Erhebungen von Zu- und Abführung ermittelt. Demnach beträgt das potentielle Wasserdargebot laut Angaben der Koblenzer Bundesanstalt für Gewässerkunde in Deutschland derzeit jahresdurchschnittlich 176 Milliarden Kubikmeter. Das entspricht in etwa der dreieinhalbfachen Wassermenge des Bodensees und liegt im Vergleich zur dreißigjährigen Zeitreihe bis Anfang der Neunzigerjahre zwölf Milliarden Kubikmeter Wasser niedriger.
Allerdings ist der Wassernutzungsindex von 1990 bis 2022 von einem Wert von damals mehr als 26 auf nun 10,1 Prozent zurückgegangen. Ein gutes Zeichen. Warum? Weil in der Gegenüberstellung von Dargebot und Nachfrage von Wasser ein Wert von mehr als 20 Prozent des Gesamtangebots als kritisch angesehen wird. Der Grund: Eine so hohe Nutzung signalisiert Wasserstress. Wissenschaftler sprechen von diesem Stress, wenn der Bedarf an Süßwasser in einer Region größer wird als das dort nutzbare Angebot.
Den Bedarf deutlich gesenkt
Im Jahr 2005 wurde der als kritisch geltende Wert erstmals seit Langem unterschritten – und das hatte seine Ursache vor allem im Nutzungsverhalten der Wirtschaft. Vor allem die Energieversorger haben ihren Bedarf gesenkt. Sie nutzen heute 6,6 Milliarden Kubikmeter Wasser im Jahr. Damit stehen sie nach wie vor an der Spitze, gefolgt vom verarbeitenden Gewerbe (5,1 Milliarden), in dem allein die Chemieindustrie auf 3,1 Milliarden Kubikmeter kommt. Die Landwirtschaft nutzt 480 Millionen Kubikmeter Wasser im Jahr.
Industriebetriebe nutzten Wasser vor allem für wichtige Kühlprozesse, heißt es beim Statistischen Bundesamt. Dafür verwenden sie rund zehn Milliarden Kubikmeter im Jahr; fast 1,8 Milliarden Wasser fließen in die Herstellung von Gütern. Etwa 10.500 Betriebe holen sich Wasser selbst aus der Natur – also aus Flüssen, Seen und Talsperren. Zwei Milliarden Kubikmeter stammen aus Grundwasserressourcen. Ein kleiner Teil entfällt auf andere Wasserarten, wie etwa Uferfiltrat, Quellwasser oder Meer- und Brackwasser.
Um in schweren Zeiten gut über die Runden zu kommen, beschloss die Bundesregierung im Jahr 2023 eine Nationale Wasserstrategie. Die ist bis 2050 ausgelegt und hat auf breiter Front den nachhaltigen Umgang mit Wasser im Blick. Es ist viel von Klima und Wandel, Wasserhaushalt, ökologischer und technologischen Entwicklungen die Rede; es gibt mehrere Programme und Aktionen. Ziel ist es, den Zugang zu Trinkwasser zu sichern und den Umgang mit Gewässern zu verbessern. Das hat man auch im Dresdner Chipcluster im Blick.
Wird in der sächsischen Landeshauptstadt derzeit zumindest in Teilen kostbares Trinkwasser auch an die Industrie geliefert, soll sich dies bald ändern. Das für das Jahr 2030 von der Sachsen Energie AG geplante Flusswasserwerk „ist eine große Aufbereitungsanlage“, sagt Frank Brinkmann, Vorstandsvorsitzender der Sachsen Energie AG. Sie bereite über spezielle Systeme Wasser industriegerecht auf. Dies könnten in der Spitze bis zu 67.000 Kubikmeter Wasser am Tag sein. Damit ließen sich Industrie- und Trinkwasserversorgung entkoppeln.
