
Erst wurde im Stadtrat darüber nachgedacht, aus Kostengründen den Opernbetrieb einzustellen, jetzt könnte offenbar die Schließung des Schauspiels drohen. Denn am letzten Freitag wurde in einer Haushaltsklausur des Bonner Verwaltungsvorstands ein entsprechender Prüfungsauftrag beschlossen. 40 Millionen Euro kosten die vier Sparten der Bonner Bühnen die Stadt im Jahr. Bislang ist nicht einmal genau bekannt, wie viel davon auf den Schauspielbetrieb im Schauspielhaus in Bad Godesberg entfällt. Bonns Generalintendant Bernhard Helmich, dessen Vertrag erst vor wenigen Tagen bis 2030 verlängert wurde, gibt sich kämpferisch. Vor der Premiere von Mozarts „Zauberflöte“ wandte sich Helmich am Samstagabend an das Premierenpublikum und erklärte, dass es mit ihm eine Schließung des Schauspiels nicht geben werde.
Bonn macht happy? Zurzeit eher nicht
Der Intendant hätte guten Grund, sich von der Stadtverwaltung hintergangen zu fühlen: Denn seine Vertragsverlängerung erfolgte auf der Grundlage eines Ratsbeschlusses vom Mai letzten Jahres, dem zufolge alle vier Bonner Sparten erhalten bleiben sollten. Unverständnis äußerte Helmich auch über den Zeitpunkt der Bekanntgabe des Prüfungsauftrags am Vorabend des Tags der Deutschen Einheit: „Ausgerechnet aus dieser Stadt kommt an diesem Tag die Nachricht, ein Schauspiel solle aufgegeben werden. In einer Zeit, in der andernorts in unserem Land Extremisten auf dem Vormarsch sind, auch weil es nicht gelungen ist, durch Kunst, Kultur und Bildung Maß und Mitte in unserer Gesellschaft zu verankern.“
Bonns Stadtverwaltung taumelt. Nach langen Diskussionen legte man im März dieses Jahres fünf Planungsvarianten für die Zukunft der Bühnen vor und sprach sich dafür aus, ein neues Zweispartenhaus in Modulbauweise im rechtsrheinischen Stadtteil Beuel zu errichten. Kostenpunkt: etwa 430 Millionen Euro. Diese Variante ist nun ebenso vom Tisch wie die Sanierung des Bonner Stadthauses, für die 750 Millionen Euro veranschlagt waren. Weil die Stadtverwaltung ja irgendwo untergebracht werden muss, stehen demnächst Mietkosten für Ausweichgebäude in Millionenhöhe an.
„Niemand in diesem Haus lebt im Elfenbeinturm“
Die marode Nordbrücke, eine zentrale Verkehrsader der Stadt, muss erneuert werden, mit der Wiedereröffnung ist frühestens in zwei Jahren zu rechnen. Bis 2031 sollen 400 Personalstellen (von zurzeit knapp 6000) eingespart werden, außerdem wurden Einschnitte beim öffentlichen Personennahverkehr, bei der Kita-Finanzierung und bei Förderprogrammen im Klimaplan angekündigt. Zudem soll die kostenlose Grippeschutzimpfung für städtische Beschäftigte entfallen. Kleine Pointe am Rande: Die Imagekampagne „Bonn macht happy“ wurde – vermutlich aufgrund einer plötzlichen Erleuchtung in letzter Minute – gleichfalls gestrichen.
Die 1965 eröffnete Oper am Rheinufer soll nun doch nicht abgerissen, sondern im eingeschränkten Spielbetrieb saniert werden. Das wird ein Abenteuer. Denn die alten Baupläne sollen nur noch teilweise vorhanden sein, eine genaue Bestandsaufnahme der Bausubstanz, wie sie den offenbar in Schockstarre verfallenen Frankfurter Sanierungsüberlegungen zugrunde liegt, gibt es nicht. Auf ein teures Interim will man in Bonn verzichten und lieber sechs- bis zwölfmonatige Schließungsphasen in Kauf nehmen. Welche Kosten für eine auf sechs bis acht Jahre veranschlagte Sanierungsdauer anfallen würden, ist bislang nicht bekannt. Pläne für die dringend gebotene Ertüchtigung der Werkstätten in Beuel oder die Zukunft des Schauspielgebäudes liegen ebenfalls nicht vor.
Der Bonner Generalintendant hat Verständnis für die Haushaltsnöte der Stadt: „Niemand in diesem Haus lebt im Elfenbeinturm. Auch das Theater muss seinen Beitrag leisten, und es leistet ihn.“ Seit Monaten, so Helmich, arbeite das Theater gemeinsam mit dem Beethoven-Orchester Bonn und dem Beethovenfest daran, die Haushaltsvorgaben der Stadt zu erfüllen, vor allem durch eine engere Zusammenarbeit in Verwaltung, Organisation, Technik und Vertrieb. Die ersten Ergebnisse lägen vor. „Ich plädiere dafür, dass man uns diesen Weg zu Ende gehen lässt, bevor man eine Schließung prüft. Denn eine Schließung des Schauspiels würde den Haushalt auf Jahre hinaus nicht entlasten.“ Bonns Stadtverwaltung wirkt wie ein angeschlagener Boxer, der auf ein Wunder oder zumindest auf den Gong zur Pause hofft. Beides wird nicht eintreten, nicht in Bonn und nicht in all den anderen klammen Kommunen im Land.
