
Ungewollt haben die Ökonomen des Eurosystems einen neuen Indikator für die Unsicherheiten entwickelt, die der amerikanische Präsident Donald Trump auslöst. Sage und schreibe vier alternative Konjunkturszenarien haben die Volkswirte der Notenbanken im Euroraum im jüngsten Wirtschaftsausblick vorgelegt, von einer milden bis zu einer schwerwiegenden Variante, um die Bandbreite möglicher Entwicklungen rund um den Irankrieg einzufangen.
In der vergangenen Prognoserunde im März, kurz nach Beginn des Irankriegs, waren die Ökonomen noch mit drei Szenarien ausgekommen. Früher brauchte man gar keine Szenarien. In dieser Zählung steigt die Unsicherheit über die Folgen des von Trump begonnenen Irankriegs auf den Euroraum.
Ob diese Unsicherheit sich mit der von Amerika und Iran unterschriebenen Absichtserklärung zur Öffnung der Straße von Hormus und zur Beendigung der Kampfhandlungen dauerhaft beseitigen lässt, muss sich erst noch zeigen. An den Rohstoffmärkten jedenfalls herrscht Zuversicht. Rohöl der Sorte Brent wurde am Donnerstag um 78 Dollar je Barrel (zu 159 Litern) gehandelt, so niedrig wie zuletzt Anfang März. Auch in den Terminkursen deutet sich eine erwartete Entspannung an. Doch liegt der für das kommende Jahr erwartete Ölpreis immer noch rund zehn Dollar je Barrel höher als vor einem halben Jahr erwartet.
Die Lasten des Irankriegs
Schon erwartet die Internationale Energieagentur (IEA) nach der politischen Einigung, dass im kommenden Jahr das Ölangebot die Nachfrage übersteigen könne. Das böte eine willkommene Gelegenheit, erschöpfte Öllager aufzufüllen oder neue strategische Reserven aufzubauen, heißt es. Dass die Weltwirtschaft und auch der Euroraum die höheren Energiepreise relativ gut verkraftet haben, liegt zu einem guten Teil daran, dass gerade Staaten in Asien wie China oder Japan ihre Ölreserven kräftig angezapft haben. Mehr Resistenz gegen Ölpreisschwankungen lässt sich nicht nur mit erneuerbaren Energien gewinnen, sondern auch durch größere Reserven.
Die Last des mit dem Irankrieg verbundenen Energiepreisschocks aber kann der Euroraum nicht abschütteln. Mit dem teureren Energieimport ist ein Kaufkraftentzug verbunden, der sich vor allem im geringeren privaten Konsum und in der geringeren Investitionsbereitschaft privater Unternehmer zeigt. Die großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten in ihren jüngsten Prognosen den Zuwachs des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Euroraum für dieses Jahr im Schnitt mit nur noch 0,5 Prozent. Das wäre ein Drittel des Wachstums im vergangenen Jahr. Nach den jüngsten Entspannungssignalen könnten diese Prognosen einen Hauch positiver ausfallen. Doch sind die Forschungsinstitute pessimistischer als die Europäische Zentralbank (EZB), die ihre Geldpolitik auf das Basisszenario ihrer Ökonomen stützt und von einem BIP-Zuwachs von 0,8 Prozent ausgeht.
Einheitlicher sind die Erwartungen für das kommende Jahr mit einem Zusatz von etwa 1,2 Prozent und einer Inflationsrate von etwa 2,4 Prozent, nach rund drei Prozent in diesem Jahr. Das ist wohl der spürbarste Effekt des Irankriegs, dass die Inflation sich deutlich von der mittelfristig angestrebten Zielmarke von zwei Prozent entfernt und es bis nach 2027 dauern könnte, bis die Wirtschaft den Energiepreisschock überwunden haben wird.
Manche Konjunkturbeobachter stellen diesen Inflationssorgen entgegen, dass die Bedingungen derzeit andere seien als während des Energiepreisschocks nach der Corona-Krise im Gefolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Die Energie hat sich weniger stark verteuert als damals. Auch läuft die Wirtschaft schwächer. Die Arbeitsmärkte sind weniger angespannt, so dass per se geringere Zweitrundeneffekte über Lohnerhöhungen zu erwarten seien, heißt es dann. Doch die Erwartungen von Unternehmen und Verbraucheranzeigen zeigen in Umfragen, dass noch viel Preiserhöhungsspielraum und Inflationssorgen vorhanden sind. Ausgestanden ist der Energiepreisschub noch lange nicht.
Das andere Trump-Risiko: Zölle
In den vergangenen Monaten hat die Euro-Wirtschaft sich, gemessen an den mit dem Krieg verbundenen Ängsten, recht gut gehalten. Im ersten Quartal schrumpfte das BIP zwar um 0,1 Prozent gegenüber dem Jahresschlussquartal. Rechnet man Irland heraus, das wegen eines Sondereffekts die Zahlen verzerrte, legte das BIP um rund 0,2 Prozentpunkte zu. Das ist relativ solide, gemessen am sehr kalten Winterwetter, das die Bauwirtschaft belastete, und angesichts des Ende Februar einsetzenden Energiepreisschocks.
Vor allem die Industrieproduktion hielt sich – im Gegensatz zu den Dienstleistern – nach den jüngsten vorliegenden Daten auch bis April noch recht gut. Das dürfte zu einem guten Teil daran liegen, dass Unternehmen direkt nach Beginn des Kriegs vorsorglich ihre Lager an Vorprodukten und Rohstoffen aufgefüllt hatten. Das überzeichnet die konjunkturelle Dynamik. Diese Nachfrage wird in den kommenden Monaten fehlen. Umfragen unter Unternehmen lassen jedenfalls für Dienstleister und für das verarbeitende Gewerbe keine Zweifel daran, dass die Wirtschaft sich vorerst abschwächt und im zum Ende kommenden zweiten Quartal wohl stagniert haben dürfte.
Irland, das mit seinen statistischen Unwuchten schon oft die Euro-Statistik durcheinanderwirbelte, deutet derweil auf ein weiteres Konjunkturrisiko hin. Im ersten Quartal schrumpfte das irische BIP um außergewöhnlich heftige 12,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Verantwortlich für den dramatischen statistischen Ausschlag ist, dass in Irland ansässige Pharmaunternehmen viel weniger in die Vereinigten Staaten exportierten – weil vor einem Jahr ausländische Kunden noch viel eingekauft hatten, um Trumps Zöllen zuvorzukommen. Für die Euro-Europäer ist das eine gute Erinnerung daran, dass die Unsicherheit um den amerikanischen Präsidenten nicht nur in seinen militärischen Aktivitäten, sondern auch in seiner Handelspolitik gründet.
