Dieses kleine Räderwerk hat die Seefahrt revolutioniert, aber es liegt ein wenig versteckt in der Ausstellung des National Maritime Museum. Erst nach einer kleinen Suchaktion entdecken wir in einer Vitrine das legendäre Chronometer K1, das James Cook auf seiner zweiten und dritten Weltreise begleitete. Captain Cook war der erste Seefahrer, der die damals neue Technik über einen längeren Zeitraum erproben konnte. Damit sollte die größte Schwierigkeit der Navigation auf See überwunden werden: die Bestimmung des Längengrads am jeweiligen Standort. Während die vorher üblichen Pendeluhren beim Schwanken auf den Wellen völlig ungenau gingen, hielt das neue Chronometer durch seine besondere Mechanik die Zeit zuverlässig fest. Wurde die Uhr auf die Zeit am Längengrad in Greenwich eingestellt und während der ganzen Reise beibehalten, musste der Seefahrer an seiner aktuellen Position beim Höchststand der Sonne bloß noch den Zeitunterschied zu Greenwich ermitteln. Dann wusste er, wie weit östlich oder westlich er sich vom englischen Bezugspunkt befand.
Da liegt sie nun vor uns im Maritime Museum, die auf Hochglanz polierte Uhr, Baujahr 1769, und eine angemessene Dosis Ehrfurcht darf sie von uns erwarten. In ihr spiegelt sich eine glanzvolle Epoche der britischen Seefahrt. Vor Jahrhunderten ist sie mehrmals um die Welt gesegelt, wurde von Kapitän Cook Tag für Tag benutzt und von ihm als „unfehlbare Führerin“ bezeichnet. Sie hat ein paar Kratzer, arbeitet aber immer noch einwandfrei. Was hat sie nicht alles erlebt, und was könnte sie uns erzählen: Mit ihrer Hilfe konnte James Cook die genaue geographische Position der von ihm entdeckten oder wiedergefundenen Inseln und Küsten bestimmen und zuverlässig Auskunft geben über deren Größen und Entfernungen voneinander. Außerdem gelang ihm so der Beweis, dass es die mythische „Terra Australis“ und manche Inseln, von denen andere Seefahrer berichtet hatten, gar nicht gibt. Schließlich war die Uhr auch dabei, als der legendäre Kapitän 1779 während seiner dritten Weltreise auf Hawaii in ein überflüssiges Scharmützel mit den Einheimischen geriet, das ihn das Leben kostete.
Die Sehnsucht nach Wellen
Dieses tragische Ende eines ruhmreichen Lebens auf See wäre Cook erspart geblieben, hätte er seinen ursprünglichen Lebensplan beibehalten. Nach seiner zweiten Weltreise war er zum „Post-Captain“ befördert worden, der letzten Stufe auf dem Weg zum Admiral, und man hatte ihm eine gehobene Stellung im Marinehospital in Greenwich zugesichert. Das prachtvolle klassizistische Gebäude mit den beiden markanten Türmen, von Sir Christopher Wren, dem Star-Architekten des 17. und 18. Jahrhunderts geplant, beherrscht bis heute die Kulisse am Themseufer in Greenwich. Hier hätte der Kapitän nach den Abenteuern zweier Weltreisen eine wohlverdiente Auszeit mit Blick auf die vorbeisegelnden Schiffe genießen können. Aber Seeleute an Land verlieren offenbar nie die Sehnsucht nach Wind, Wellen und fernen Ländern, und so ließ er sich für die fatale dritte Entdeckungsreise anheuern, diesmal in den nördlichen Pazifik auf der Suche nach einer Passage um den nordamerikanischen Kontinent herum.

Sein zuverlässiger Begleiter, das Chronometer K1, ist allerdings nur ein vom englischen Uhrmacher Larcum Kendall hergestellter detailgetreuer Nachbau des Modells H4, das sein Kollege John Harrison 1759 nach jahrzehntelanger Tüftelei der britischen Admiralität präsentiert hatte. Damit konnte er sich einen großen Teil des damals unvorstellbar hohen Preisgelds von 20.000 Pfund Sterling für die Lösung des Längengradproblems sichern, das die britische Admiralität bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts ausgelobt hatte. H4 konnte Cook auf seiner Reise nicht begleiten, weil die Uhr zur Kontrolle des Bauplans und zum Zweck des Nachbaus in ihre Einzelteile zerlegt worden war. Zusammen mit Harrisons drei filigran gearbeiteten, aber noch sehr schwerfälligen Vorgängermodellen ist sie heute Teil einer Sammlung historischer „timekeeper“, die nur wenige Schritte entfernt vom Maritime Museum im Royal Observatory von Greenwich ausgestellt sind. Die Sternwarte, 1675 errichtet, sollte ursprünglich selbst zur Lösung des Längengradproblems beitragen. Mit der Erstellung exakter Tabellen zur Bewegung der Himmelskörper und der Stellung der Fixsterne zueinander hoffte man, die Navigation auf See zu verbessern. Doch erst die Uhren der Herren Harrison und Kendall brachten im darauffolgenden Jahrhundert den Durchbruch.
Das Royal Observatory spielte später allerdings eine zentrale Rolle bei der Bestimmung des geographischen Standorts und dadurch auch beim Fortschritt der Navigation. 1833 hatte man auf einem der Türme einen großen Signalball installiert, der täglich hochgezogen und um genau 13 Uhr fallen gelassen wurde. So konnten die britischen Schiffe auf der Themse vor der Ausfahrt in die weite Welt ihre Chronometer exakt auf die „Greenwich Mean Time“ einstellen. Diese Art der Zeitbestimmung braucht heute niemand mehr, aber in Greenwich halten sie an dieser maritimen Tradition fest, und so ist das legendäre Signal weiterhin jeden Tag zur vorbestimmten Stunde zu beobachten. Wir haben es um wenige Minuten verpasst, weil wir zu lange fasziniert vor Cooks Chronometer gestanden und ausgerechnet bei dessen Anblick die Zeit vergessen haben.

Genau durch die Mitte des Teleskops im Royal Observatory verläuft auch der Nullmeridian, der Ausgangspunkt der globalen Längengradzählung in westlicher und östlicher Richtung. Als im 19. Jahrhundert zur Abstimmung internationaler Fahrpläne eine allgemein anerkannte Weltzeit immer dringlicher erschien, einigte man sich 1884 auf diese Linie, nachdem vorher fast jeder Staat einen eigenen Maßstab verwendet hatte. Im Anschluss an die hervorragenden Kartenwerke von James Cook und aufgrund der britischen Vormachtstellung auf den Weltmeeren bedienten sich damals die meisten Seekarten bereits des Greenwich-Meridians als Referenz. Deshalb setzten sich die Briten bei einer internationalen Konferenz in Washington gegenüber konkurrierenden Ansprüchen durch. Die mittlere Sonnenzeit in Greenwich wurde damit auch maßgeblich für die Weltzeit, die Greenwich Mean Time, GMT.
Im Hof der Sternwarte ist der Nullmeridian durch eine mit dickem Glas bedeckte Rinne markiert, die bei Dunkelheit beleuchtet ist. Auch wir konnten der Versuchung nicht widerstehen, uns mit einem Fuß in der westlichen, mit dem anderen in der östlichen Hemisphäre aufzustellen. In diesem Moment wurden wir uns der geographischen Trivialität bewusst, dass unser Heimatort und ganz Deutschland in der östlichen Hemisphäre liegen. Dabei dachten wir doch immer, wir seien Teil „des Westens“.
