
Schüler können immer schlechter lesen, schreiben, zuhören, rechnen, denken und kombinieren. Neuntklässler sind heute sprachlich und mathematisch auf dem Niveau der Klassenstufen sieben und acht des Jahres 2012. Die Leistungen werden nicht besser, sondern schlechter und das konstant.
Für diesen ernüchternden Befund gibt es viele Gründe: mehr Familien, die zu Hause kein Deutsch sprechen, viele, auch deutsche Eltern, die ihren Kindern selten oder nie vorlesen, ihre Kinder in anregungsarmen Umgebungen großziehen und zulassen, dass schon in frühen Jahren zu viele digitale Medien über Stunden genutzt werden.
Bei den nur bedingt vergleichbaren Eingangsuntersuchungen der Schulen zeigt sich ein erschreckend hoher Anteil von Kindern, die nicht schulreif sind. Entwicklungsverzögerungen, Defizite in der Sprache, in der kognitiven Entwicklung sowie mathematischen Vorläuferfähigkeiten treten gehäuft auf. Das gilt besonders für Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Hessen. Die Unterschiede entstehen in der frühesten Kindheit, und sie bleiben über die Schulzeit stabil. Die Grundschulen schaffen es nicht, sie auszugleichen.
Verankerung frühkindlicher Bildung im Sozialgesetzbuch
Als entscheidende Stellschraube für eine spürbare Verbesserung der sprachlichen Voraussetzungen hat sich die frühkindliche Bildung erwiesen. Deshalb ist es richtig, dass Bundesbildungs- und -familienministerin Karin Prien (CDU) mit ihrem neuen Gesetzentwurf für ein Kita-Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) bisher befristete Programme in ein dauerhaftes Leistungsrecht im Sozialgesetzbuch überführt.
Die verbindliche Feststellung des Sprach- und Entwicklungsstands spätestens im fünften Lebensjahr mit einer obligatorischen Förderung bei festgestelltem Bedarf gehört zu ihren Kernzielen. Nicht wenige Träger verweisen darauf, dass eine Feststellung des Sprachstands im fünften Lebensjahr eigentlich schon zu spät ist, um bis zum Schulbeginn Lücken aufzuholen.
Die größte Wirkung hat eine anspruchsvolle frühkindliche Bildung und Förderung, wenn sie mit zwei Jahren beginnt und durch die Familien unterstützt wird. Allerdings besuchen deutlich mehr Kinder im Alter von 15 Monaten aus höheren Schichten eine Kita als aus bildungsfernen und sozial schwachen Familien. Im weiteren Altersverlauf bis 27 Monate verstärkt sich diese Tendenz.
Mit wachsendem Alter nähern sich die Betreuungsquoten zwar an, aber nur in den mittleren bis oberen sozialen Schichten. Kinder aus sozial schwachen Milieus sind weiterhin wenig beteiligt. Wie sie rechtzeitig erreicht werden können, ist bisher eine ungelöste Frage, die in der Verantwortung der Länder läge. Und es sind nicht die Beiträge, die bildungsferne Schichten abschrecken.
Keine kostenfreien Kita-Jahre mehr aus Bundesmitteln
Ausgerechnet sozialdemokratisch regierte Länder wie das Saarland oder Mecklenburg-Vorpommern wollen weiterhin kostenfreie Kita-Jahre aus Bundesmitteln finanzieren, was künftig nicht mehr möglich ist. Dass der Facharbeiter dem Chefarzt das kostenfreie Kita-Jahr finanzieren soll, ist eine bemerkenswerte Auffassung sozialer Gerechtigkeit. Qualitätssteigernd wirken sich kostenfreie Kita-Jahre gewiss nicht aus.
Eine vergleichbare Kontrolle über die Wirksamkeit der frühen Förderung wird es nur mit unabhängigen externen Evaluationen geben. Anders als einige Trägerverbände meinen, handelt es sich dabei nicht um eine frühzeitige Verschulung der Kindheit, sondern um gezielte Förderung und damit um ein Höchstmaß an kindgerechter Zuwendung. Freies Spiel wird Sprachdefizite so wenig beheben wie motorische Entwicklungsrückstände.
Wie detailliert der Bund den Ländern Personalschlüssel vorschreiben muss, gehört sicher zu den Verhandlungsspielräumen, die bei solchen Gesetzesvorhaben von beiden Seiten einkalkuliert werden. Ein guter Betreuungsschlüssel garantiert noch keine hohe Qualität der Betreuung. Bundesgesetzlich bezifferte Zeitkorridore pro Kind sind allerdings sinnvoll, denn von fünf bis zehn Minuten Sprachförderung wird ein sprachschwaches Kind nicht gestärkt. Es geht um die Prozessqualität in der frühkindlichen Bildung, die verbessert werden muss.
Trotz des Theaterdonners, den die Länder derzeit veranstalten, um ihre Verhandlungsspielräume zu vergrößern, wird es am Ende kein Land geben, das auf die Bundesmittel verzichtet. Auch der Bund hat den Referentenentwurf so formuliert, dass er sich auf die Länder zubewegen kann.
Bei den Qualitätsanforderungen allerdings darf Prien nicht nachgeben. Deshalb kann nur dann Geld fließen, wenn die Länder für verbindliche Sprachstandserhebungen und eine wirksame obligatorische und überprüfbare Förderung sorgen.
Mehr Kinder zur echten Schulreife zu bringen, ist nicht nur eine integrationspolitische und pädagogische Aufgabe. Sollte sie gelingen, wird sie sich auch volkswirtschaftlich als äußerst ertragreich erweisen. Die Dax-Vorstände haben das schon begriffen, die Ministerpräsidenten offensichtlich noch nicht. Sonst würden sie der frühkindlichen Bildung die Priorität verleihen, die ihr gebührt.
