
Rockmusiker sind keine Chorknaben. Deshalb berichten selbst gestandene Hardrocker oder Schwermetaller beinahe ehrfürchtig von ihrem ersten Mal. Die Wucht sei unvorstellbar, sagen sie und meinen damit ihren ersten gemeinsamen Auftritt mit einem Symphonieorchester.
Die Vorstellung, sich die Bühne mit einem mehrere Dutzend Personen starken Orchester zu teilen, schreckt die Sänger Tobias Künzel und Jens Sembdner hingegen nicht. Die beiden sind zwar Mitglieder einer Popgruppe, doch als frühere Chorknaben von Kindesbeinen an an die Zusammenarbeit mit Orchestern gewöhnt, auch wenn sich eine solche Zusammenarbeit in ihrem Erwachsenenleben auf Episoden beschränkte, sind sie doch mit einer A-cappella-Formation mit dem Namen Die Prinzen berühmt geworden.
Ganz ohne musikalische Begleitung sind die in ihrer jetzigen Konstellation im Jahr 1991 gegründeten Prinzen zwar nie aufgetreten, schließlich gehören der Schlagzeuger Alexander Zieme seit den Anfängen der Band und der E-Bassist Mathias Dietrich seit 1994 zur Formation. Doch standen und stehen stets die fünf Gesangsstimmen im Vordergrund, die in zwei der traditionsreichsten Chöre der deutschen Musikgeschichte ausgebildet wurden. Die Tenöre Sebastian Krumbiegel und Wolfgang Lenk sowie die Baritone Tobias Künzel und Henri Schmidt waren in den Achtzigerjahren Mitglieder des Thomanerchors in Leipzig, Bass Jens Sembdner sang im Dresdner Kreuzchor.
Die Begleitung besteht aus 42 Musikern
„Wir haben damals natürlich ganz viele Chorwerke gemeinsam mit Orchestern erarbeitet und sind es gewohnt, vor einem Orchester zu stehen“, sagt Künzel im Gespräch mit der F.A.Z. Auf ihrer anstehenden Tournee mit dem Titel „Symphonica“ präsentieren sich Die Prinzen mit voller Kapelle, sprich in Begleitung der 42 Musiker starken Thüringen Philharmonie Gotha-Eisenach, mit deren Unterstützung sowohl die Hits der Gruppe wie „Millionär“, „Mann im Mond“ und „Alles nur geklaut“ als auch Titel des jüngsten, im Jahr 2021 veröffentlichten Prinzen-Albums „Krone der Schöpfung“ in neuen Arrangements aufgeführt werden.
„Unsere Lieder sind geeignet für eine solche Kombination“, ist sich Künzel gewiss: „Die sind harmonisch und melodisch so gebaut, dass da auch Futter da ist, das zu arrangieren.“ Ein entscheidender Vorteil sei, dass in Person von Wolfgang Lenk ein Mitglied der Prinzen die Arrangements schreibe und verantworte. „Wolfgang kennt unsere Stärken oder Schwächen – die wir ja gar nicht haben – und bastelt das so hin, dass es perfekt klingt“, ergänzt Jens Sembdner: „Bisher hat er jedenfalls immer gute Treffer gehabt, und die Leute waren begeistert.“
„Symphonica“ ist nicht die erste Tour der Prinzen gemeinsam mit einem Orchester, wie es auch nicht die erste Unternehmung ist, das vertraute Klangbild eines Vokalensembles zu variieren. In ihrer nun 35 Jahre währenden Karriere haben die Leipziger auch mal in Richtung Rock oder Elektronik geblinzelt, ohne darüber aber ihren Pop-Appeal zu vernachlässigen, der sie vor allem in den Neunzigerjahren zu Radiolieblingen machte.
Wegbereiter und Vollender
„Damals war das ja irgendwie auch ein neues Produkt: a cappella mit Groove darunter“, erinnern sich Künzel und Sembdner an die Anfänge der Gruppe. Maßgebliche Produktentwicklerin war dabei Annette Humpe. Die frühere Frontfrau der NDW-Band Ideal und erfolgreiche Musikproduzentin hatte die Idee, den Stil des Gesangsensembles, der sich ursprünglich an den Comedian Harmonists orientierte, ein wenig aufzumischen.
Schon mit dem 1991 veröffentlichten Debütalbum „Das Leben ist grausam“ trafen Die Prinzen nicht nur einen Nerv, sondern prägten gleich noch ein Genre. Mit ihren mal launigen, mal politischen Texten und dem geschliffenen Satzgesang bereiteten sie nachfolgenden A-cappella-Ensembles wie den Wise Guys aus Köln oder der hessischen Formation „U-Bahn-Kontrollöre in tiefgefrorenen Frauenkleidern“ den Weg.
Obwohl der A-cappella-Gesang so etwas wie ihr Markenzeichen ist, verstehen Die Prinzen sich aber nicht als Ensemble, das mit allenfalls minimaler Instrumentenbegleitung auszukommen gedenkt. „Wenn mich Freunde in England fragen, was wir eigentlich für Musik machen, sage ich ihnen, dass wir eine Art deutsche Beach Boys sind. Also ganz viel harmonischer Gesang, aber eben nicht nur ausschließlich“, sagt Künzel, der als Komponist von Musicals auch in London arbeitet: „Die Beach Boys und ihr Mastermind Brian Wilson sind oft in unseren Hinterköpfen gewesen, nicht nur was den Harmoniegesang betrifft. Brian Wilson hat bei seiner Studioarbeit ja immer nach links und rechts und auch zurückgeschaut und war deshalb in der Popmusik weit vorne. Und so haben auch wir uns bei unseren Alben an jeweils aktueller Popmusik orientiert.“
Die aktuelle Tour, die Die Prinzen nun durch die Konzertsäle deutscher Großstädte und im Sommer auf verschiedene Open-Air-Bühnen führt, dient der Präsentation bewährter Hits im neuen, weil symphonischen Gewand, aber nicht neuer Lieder.
Ein weiteres Prinzen-Album schließen weder Künzel noch Sembdner aus, doch solle dies nicht nur deswegen aufgenommen werden, weil die Musikindustrie meine, das brauche die Band jetzt. „Wir haben ein sehr großes Repertoire mit 120, 130 Liedern. Vieles davon konnten wir noch gar nicht live spielen, weil die Zeit nicht reicht“, sagt Künzel, der mehr als die Hälfte des erwähnten Prinzen-Repertoires geschrieben hat und als Musikproduzent auch mit anderen Künstlern und Bands viel beschäftigt ist. Nun wieder in einer Konstellation wie in seiner Jugend: Gesangsensemble und Orchester.
