
Kurz vor der Landtagswahl in Berlin kann die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, sich freuen. Ihre Partei liegt in der jüngsten Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen mit 22 Prozent auf dem ersten Platz, die CDU folgt zwei Prozentpunkte dahinter. Eralp möchte als erste Linke ins Rote Rathaus einziehen und ein rot-grün-rotes Bündnis in der Hauptstadt bilden. Ihr Topversprechen im Wahlkampf ist die Enteignung großer Wohnungsunternehmen.
Vor zwei Jahren stand die Linke in Umfragen noch bei einstelligen Werten. Doch schon in der Bundestagswahl 2025 schnitt die Partei mit 7,9 Prozent überraschend stark ab. Die wachsende Popularität in Deutschland reiht sich ein in einen internationalen Trend. In New York regiert seit Jahresanfang Zohran Mamdani, der sich selbst als „demokratischer Sozialist“ bezeichnet. Er zog mit einem Mietenstopp, staatlichen Supermärkten und kostenloser Kinderbetreuung in den Wahlkampf.
Der Trend wird vor allem durch jüngere Wähler getrieben. In einer im Juli veröffentlichten Umfrage der amerikanischen Denkfabrik Cato sagten 53 Prozent der Befragten der „Gen Z“ (18 bis 29 Jahre), dass Sozialismus eine gute Sache sei. Über den Kapitalismus sagten das nur 45 Prozent. Bei den Älteren liegt der Kapitalismus zwar vorne, aber auch in diesen Altersgruppen sieht rund ein Drittel der Befragten den Sozialismus positiv. In Deutschland möchten nach einer INSA-Umfrage 42 Prozent lieber in einem sozialistisch geprägten Land leben. Nur 33 Prozent bevorzugen ein kapitalistisch geprägtes Land.
100.000 Wohnungen fehlen
Ähnlich wie die AfD beklagt auch die Linke ein Systemversagen, in diesem Fall: das Versagen des kapitalistischen Systems. Vor allem in Großstädten trifft die Partei damit einen Nerv. Im Zentrum steht das Thema bezahlbares Wohnen. Im Bundestagswahlkampf 2021 hatte dieses Thema noch die SPD besetzt, die anschließend auch das wieder eingeführte Bundesbauministerium führte. Entspannt hat die Lage auf dem Wohnungsmarkt sich jedoch kaum.
Vor allem in Berlin liegen die Nerven blank. Vor zehn Jahren wurden Wohnungen noch zu einer durchschnittlichen Kaltmiete von neun Euro je Quadratmeter angeboten, inzwischen werden mehr als 15 Euro aufgerufen. 100.000 Wohnungen fehlten in der Hauptstadt, schätzt der Berliner Senat. Mit 11.000 neuen Wohnungen wuchs das Angebot 2025 so langsam wie seit zehn Jahren nicht mehr. Langwierige Genehmigungsverfahren und teure Bauvorschriften schrecken Projektentwickler ab.
Der Volksentscheid wirkt nach
Die Mietpreisbremse, die in angespannten Wohnungsmärkten wie in Berlin vorübergehend die Neuvertragsmieten begrenzt, wirkt weniger als von der Politik erhofft. Die Regelung, wonach die Mieten in neuen Verträgen maximal zehn Prozent oberhalb der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen dürfen, wird in der Praxis oft umgangen. Die Linke kämpft daher für eine radikale Maßnahme: die „Vergesellschaftung“ von mehr als 200.000 Wohnungen, die Konzernen wie Vonovia gehören. Sie kann sich dabei auf einen Volksentscheid aus dem Jahr 2021 berufen. Damals sprachen knapp 60 Prozent der Berliner sich für diese Zwangsmaßnahme aus.
Während Investoren, Wirtschaftsverbände und die meisten Ökonomen gegen einen solchen drastischen Eingriff in die Eigentumsrechte Sturm laufen, unterstützt der Mannheimer Volkswirt Tom Krebs den Plan der Linken. Sein zentrales Argument: Das Leben müsse für die Menschen mit kleineren und mittleren Einkommen wieder bezahlbarer und der Anstieg der Mietkosten gestoppt werden. Bis der Bau von mehr Sozialwohnungen die Lage entspanne, dauere es dreißig Jahre. „So viel Zeit haben wir nicht“, sagt Krebs.
„Privates Eigenkapital ist immer sehr teuer, das macht die Mieten sehr teuer“, sagt der Ökonom, der linken Positionen nahesteht. Wer das Problem an der Wurzel anpacken wolle, müsse einen größeren Wohnungsbestand in Gemeinnützigkeit umwandeln, findet Krebs. In den Neunzigerjahren hatte Berlin Zehntausende landeseigene Wohnungen an private Investoren verkauft, um seine Haushaltsnöte zu lindern. Im Nachhinein betrachten das viele als Fehler.
Warnungen, dass der Eingriff in die Eigentumsrechte, der mit Artikel 15 des Grundgesetzes begründet wird, Investoren vertreiben und die Hauptstadt finanziell ruinieren würde, teilt Krebs nicht. Trotz der absehbaren zweistelligen Milliardenkosten – die Schätzungen reichen bis mehr als 30 Milliarden Euro – sieht er Möglichkeiten, dass im Berliner Haushalt nicht oder zumindest nicht so viel an anderer Stelle gekürzt werden müsse. „Ich möchte nicht den Sozialismus. Ich möchte ein gemischtes System“, betont Krebs.
Der Erfolg der Linken hat nicht nur mit der Mietenfrage zu tun. Die „Bezahlbarkeitskrise“, wie sie in den Vereinigten Staaten genannt wird, betrifft auch andere Lebensbereiche. Die hohe Inflation im Zuge der Corona-Pandemie und der Energiekrise 2022/2023 traf die ärmeren Bevölkerungsschichten härter als die reicheren. Das gilt auch jetzt wieder. Die im Zuge des Irankrieges gestiegenen Preise für Öl und Gas dürften nach und nach auch auf die Lebensmittelpreise durchschlagen. Im Bundestagswahlkampf 2025 machte die Empörung sich schon einmal am Dönerpreis fest. Die Linke in Berlin verspricht „Kiezkantinen“, in denen das günstigste Mittagessen nur drei Euro kosten soll.
In den Vereinigten Staaten positionieren die „demokratischen Sozialisten“ sich zudem als Kämpfer gegen die von Präsident Donald Trump protegierten KI-Unternehmen. Themen wie politische Korrektheit, Gendern und der Schutz sexueller Minderheiten sind in der Außendarstellung dagegen in den Hintergrund gerückt. Die amerikanische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, der Ambitionen als demokratische Präsidentschaftskandidatin nachgesagt werden, ging kürzlich in einer Talkshow auf Distanz zu „woken“ Forderungen. Die Strategie ist, für möglichst breite Gesellschaftsschichten wählbar zu sein.
Die Forschung der Harvard-Ökonomin Stefanie Stantcheva zeigt, dass gerade unter jüngeren Menschen in Amerika immer mehr ein Nullsummendenken um sich greift. Es herrscht die Ansicht vor, dass man immer jemandem etwas wegnehmen muss, um jemand anderem etwas zu geben. Wirtschaftswachstum, der Treiber des Wohlstands in den vergangenen Jahrzehnten, wird in linken Kreisen als verzichtbar betrachtet.
Schließlich punktet die Linke auch mit ihrem Personal. Die emotionale Rede, die Heidi Reichinnek im Februar 2025 gegen die gemeinsame Abstimmung von CDU und AfD zur Migrationspolitik im Bundestag hielt, hat viele Menschen elektrisiert. Auf Instagram folgen der Fraktionsvorsitzenden der Linken rund eine Million Menschen. Kanzler Friedrich Merz (CDU) kommt nur auf 342.000, SPD-Chefin Bärbel Bas auf gerade mal 37.000.
