Von Bürokratie ist selten die Rede, ohne dass ihr Abbau versprochen wird. Dabei kann Bürokratie schwungvoll sein, spielerisch handeln, intuitiv sein und Unerwartetes hervorbringen. Zumal wenn es um die Verwaltung von Wissenschaft geht, können Aktionsräume sogar zu Spielräumen werden. „Spielraum“ ist der Titel, den Joachim Nettelbeck seiner Biographie von Clemens Heller (Universitätsverlag Webler, Bielefeld 2025) gegeben hat, der als Prototyp, vielleicht aber auch als singulärer Akteur dieser schönen administrativen Zwanglosigkeit gelten darf.
Der Verfasser weiß, wovon er spricht, aus doppelter Erfahrung. Nettelbeck war mehr als dreißig Jahre lang Sekretär des Wissenschaftskollegs zu Berlin und für die Verwaltung des Kollegs zuständig; seine vormaligen Schutzbefohlenen würden wohl lieber von wissenschaftspolitischer Gestaltung sprechen. In Clemens Heller fand der Jurist und Soziologe Nettelbeck sein vorbildliches Alter Ego. Er hatte Heller inmitten der Vie Parisienne der Maison des Sciences de l’Homme kennengelernt. Heller starb 2002, auch ein Vierteljahrhundert später staunt Nettelbeck immer noch über den vor Aktionslust und Disziplin strotzenden Leiter des Secrétariat Scientifique des Pariser Hauses.
Die Eminenz hinter Fernand Braudel
Wie konnte Heller, der als gar nicht graue Eminenz im Hintergrund der MSH die Fäden zog, so erfolgreich sein? Zwar war der Historiker Fernand Braudel aus der Annales-Schule das Aushängeschild, als es zu Beginn der Sechzigerjahre um die Gründung ging. Der kreative Kopf aber war Heller, der nach Braudels Tod 1985 auch förmlich zum Leiter einer Institution aufrückte, die ihren Platz in der französischen Wissenschaftslandschaft zunächst erobern und dann behaupten musste. Zur Zeit der Gründung der MSH war der humanwissenschaftliche Ansatz etwas Neues, die Interdisziplinarität von Geistes- und Sozialwissenschaften (mittlerweile sind die Naturwissenschaften hinzugekommen), aber auch die Internationalität der dort versammelten Wissenschaftler. Laut Nettelbeck kam es Heller darauf an, dass Leute ganz unterschiedlicher wissenschaftlicher wie nationaler oder kultureller Provenienz aufeinandertrafen, um etwas Unvorhergesehenes zustande zu bringen, Nebeneffekte als Haupteffekt also. Größtmögliche Effizienz, hervorgegangen aus wissenschaftlicher Vielfalt, ohne definierte programmatische Ziele vorab, das war Hellers Wirken, sein Verdienst.

Wie konnte ihm sein Werk gelingen, diesem „Feuerkopf“ eines Wissenschaftsimpresarios, wie ihn die beschrieben, die mit ihm arbeiteten? Biographische Dokumente gibt es wenige. Nettelbecks Entschlüsselung von Hellers Erfolgsgeheimnis ist so eindeutig wie überraschend einfach. Die Antwort lautet: Wien. Dort wurde Heller 1917 als Sohn einer bildungsbürgerlichen Familie geboren. Der noble 1. Bezirk, das war die Welt seiner Eltern, hier wuchs er auf. Der Vater Hugo, jüdischer Herkunft, war Buchhändler und Verleger, Geschäft und Wohnung lagen unweit von Hofburg und Graben. Die Mutter Hedwig aus einer schon seit drei Generationen getauften jüdischen Familie betrieb eine Konzert- und Theateragentur, war zudem als undogmatische Sozialdemokratin aktiv.

Die Heller’sche Verlagsbuchhandlung war nicht nur Verkaufsstelle, sondern seit ihrer Gründung 1905 ein Mittelpunkt künstlerischer, schriftstellerischer und dank Hedwig Heller auch musikalischer Avantgarde. Unter dem Glasdach des Veranstaltungssaales trafen vor einem heterogenen Publikum persönlich oder mit ihren Werken die unterschiedlichsten Geister aufeinander – Rainer Maria Rilke, Käthe Kollwitz, Clara Rilke-Westhoff, Auguste Rodin, Hugo von Hofmannsthal. Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ konnte unter dem Heller’schen Glasdach, nachdem das Streichsextett öffentlich Skandal hervorgerufen hatte, störungsfrei vorgetragen werden.
Ervin Goffman wird bestätigt
Diese elterliche Welt bildete laut Nettelbeck Hellers „kulturelles Kapital“. Ein weiterer Spielraum, den Nettelbeck beschreibt, war ein nicht-metaphorischer. Zwischen 1936 und 1938 wurde Heller am Max Reinhardt Seminar in Schönbrunn zum Regisseur und Schauspieler ausgebildet, also während des Austrofaschismus. Über Antisemitismus wie seine jüdische Herkunft habe sich Heller jedoch nie geäußert. Nach seiner Emigration in die Vereinigten Staaten studierte und promovierte der junge Mann zwar auch, aber für Nettelbeck steht fest: „Eine abgeschlossene Ausbildung als Regisseur und Schauspieler im Sinne des Max Reinhardt Seminars, verbunden mit dem Leben im Wien dieser Zeit und einer breiten, allgemeinen Bildung, gehört offenbar zu der möglichen Vorbildung eines besonders erfolgreichen Verwalters.“ Die Parallelen zwischen Theater, Schauspiel und Verwaltung seien mannigfaltig, legt Nettelbeck mit Verweis auf Erving Goffman dar.
Es passt, dass 1947 auf Schloss Leopoldskron, dem Refugium Reinhardts bis zu dessen Emigration, das erste „Salzburg-Seminar“ stattfand. Die Sommerschule für junge Wissenschaftler erfüllte völkerverbindende wie auch antitotalitäre Funktionen. Der Initiator war der Harvard-Student Heller, es war sein erster Auftritt als „intellektueller Unternehmer“.
