In der Direktorenvilla des (ehemals Preußischen) Geheimen Staatsarchivs in Berlin-Dahlem wurde unlängst das „Trierer Briefportal“ vorgestellt. Unter dieser digitalen Adresse macht die Universität Trier drei Datenbanken zugänglich: neben einem Verzeichnis zur Korrespondenz der liberalen und demokratischen deutschen Bewegung zwischen dem Revolutionsjahr 1848 und 1890 das Gesamtverzeichnis der Briefe von Kaiserin Augusta (1811 bis 1890) sowie ein digitales Archiv (nicht bloß Verzeichnis) der gesamten Korrespondenz zwischen Augusta und ihrem Mann Wilhelm I. zwischen 1857 und 1871.
Im Oktober 1857 wurde Wilhelm mit der Stellvertretung für seinen erkrankten Bruder, König Friedrich Wilhelm IV., beauftragt. Ein Jahr später wurde ihm die Regentschaft und damit die volle Regierungsgewalt übertragen (König wurde er 1861); 1871 wurde er, noch während des Deutsch-Französischen Krieges, Deutscher Kaiser. Das Briefkorpus, das aus Faksimile und Transkription (bei originaler, teils abenteuerlicher Rechtschreibung) inklusive Links auf Personenregister mit Biogrammen und Geolocation besteht, bildet also die entscheidende Phase des deutschen Reichsgründungsprozesses ab.
Der Einfluss einer Gemahlin
Das Augusta-Briefverzeichnis wurde vor zehn Jahren von Susanne Bauer initiiert und ist heute abgeschlossen. Die Wilhelm-Augusta-Korrespondenz wird derzeit noch von Tobias Hirschmüller und Jan Markert erschlossen. Hirschmüller arbeitet an einer Dissertation zu Erzherzog Johann, dem von der deutschen Nationalversammlung 1848 bestellten Reichsverweser. Bauer zeigte mit ihrer Doktorarbeit zu Augustas „Briefkommunikation“, wie weit der Einfluss einer Monarchengattin im spätabsolutistisch-parlamentarischen neunzehnten Jahrhundert reichen konnte.

Markert setzte mit seiner unter dem Titel „Vom Kartätschenprinz zum Reichsgründer“ veröffentlichten Dissertation die These in die Welt, dass Wilhelm I. nicht etwa „unter einem Kanzler Bismarck“ Kaiser gewesen sei, sondern die deutsche Reichseinigung unter preußischer Ägide als sein eigenes Ziel verfolgt habe. Markerts These blieb nicht unwidersprochen; Pro und Kontra können nun anhand von Wilhelms digitalisierten Ego- und Tu-Dokumenten nachvollzogen werden.

Das Erzstift Trier (heute ein kölnisches Suffraganbistum) wurde gegen Ende des Alten Reiches von Koblenz aus regiert, das 1822 Hauptstadt der preußischen Rheinprovinz wurde und Lebensmittelpunkt Augustas und Wilhelms war, als dieser nach der Revolution dorthin als Militärgouverneur abgeschoben wurde. Von Koblenz aus bereitete Wilhelm seine Königsagenda vor (sein Bruder hatte keine Kinder), durchaus im Einvernehmen mit Augusta, die zwar erzliberal und prokatholisch (und ihrem Mann intellektuell überlegen) war, als Liberale aber eben auch Unterstützerin der Nationalbewegung.

Und Koblenz war auch die Heimat der Metternichs, deren berühmtester Vertreter alt genug wurde, um sein Projekt eines supranationalen (dabei aber höchst unfreiheitlichen) Europa in den Nationsbildungskriegen der Fünfzigerjahre scheitern zu sehen. Im Londoner Exil 1848 war sein Tischnachbar der aus Berlin bei Nacht und Nebel geflüchtete Kartätschenprinz Wilhelm gewesen. Klemens Fürst Metternich starb im Juni 1859, mitten im Sardinischen Krieg, der zur Einigung Italiens führte (und in den Preußen, wäre es nach Augusta und Wilhelm gegangen, gegen das Frankreich Napoleons III. eingegriffen hätte).
Briefe aus getrennten Zimmern
Die Koblenzer Zeit war auch eine der wenigen Perioden gemeinsamen Lebens des hohen Paares. Wie Markert in Dahlem ausführte, schrieben sie einander oft auch am selben Ort und aus getrennten Zimmern, wenn sie sich einmal wieder gestritten hatten. „Für die Forschung ist ein Glück, dass diese Ehe unglücklich war.“ Charakteristisch ist ein Postskriptum Augustas zu einem Brief an Wilhelm vom 6. Januar 1861, vier Tage nach seiner Thronbesteigung, der 21 Seiten umfasst: „Ich habe Dir“, schreibt sie am 10. Januar, „diesen Brief nicht bis jetzt gegeben, weil ich hoffte mündlich Dir näher treten zu können. Da ich aber die Unmöglichkeit einer solchen Verständigung erkenne, sende ich Dir diese schriftliche Darlegung meiner Gefühle u. Ansichten als Grundlage unserer Zukunft.“
Der Weg der neueren Bildung gehe von Humanität durch Nationalität zur Bestialität, schrieb Franz Grillparzer 1849. Grillparzer litt am System Metternichs, aber die Nationenbildung durch Blut und Eisen sah er mit Skepsis und Schwermut. Nun reiht sich eine vierte Entität an dieses Trikolon, die Digitalität, die eine Epochenwende in den Geistes- und Editionswissenschaften einläutet. Susanne Bauer arbeitet inzwischen in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften an der Edition der Journale der königlich preußischen Flügeladjutanten von 1819 bis 1912.
