Wenn die deutsche Fußball-Nationalmannschaft in den nächsten Wochen nicht nur gegen Curaçao, sondern auch gegen, sagen wir, Frankreich gewinnen will, braucht sie einen Extraschub. In den USA, wo die meisten Spiele der Weltmeisterschaft stattfinden werden, würde man sagen: Sie braucht einen Boost. Und am Sonntagabend sah man im Stadion in Mainz in der 39. Spielminute, wo dieser Boost vielleicht, vielleicht herkommen kann.
In dem Angriff waren auf der rechten und auf der linken Seite zwei deutsche Spieler fast zeitgleich in den Strafraum eingedrungen. Auf der rechten Seite war es der 18-jährige Außenstürmer Lennart Karl. Auf der linken Seite der 22-jährige Außenverteidiger Nathaniel Brown. Und als Karl den Ball in die Mitte passte und Brown den Ball schoss, fand der seinen Weg zwar nicht ins Tor. Doch man konnte sich in diesem Moment vorstellen, dass der Bundestrainer auf dem Weg zur Weltmeisterschaft etwas gefunden hat, das seine Mannschaft auch in einem K.o.-Spiel gegen, sagen wir, Frankreich, die schnellste Fußballmannschaft der Welt, beschleunigen könnte.
Undav trifft doppelt und muss ausgewechselt werden
Lennart Karl, Nathaniel Brown und die anderen Spieler der deutschen Nationalmannschaft waren im Stadion in Mainz noch nicht zu sehen, als die erste wegweisende Frage dieses Abends schon beantwortet war: Wer spielt? Um 19.44 Uhr schickte der Deutsche Fußball-Bund eine E-Mail mit der Aufstellung des Bundestrainers für das Testspiel gegen Finnland. Warum diese Frage wegweisend war? Weil es wahrscheinlich ist, dass viele von den elf Spielern, die in Mainz auf dem Feld standen, auch am 14. Juni in Houston auf dem Feld stehen werden, wenn für die Deutschen das erste Spiel der Weltmeisterschaft ansteht. Und als diese elf Spieler dann um 20.44 Uhr in den türkisen Trikots auf dem Feld standen und darauf warteten, dass der Schiedsrichter das Spiel anpfiff, konnte man sich auf die zweite wegweisende Frage konzentrieren: Wie spielen sie?
Am Sonntagabend hat der WM-Teilnehmer Deutschland 4:0 gegen den WM-Zuschauer Finnland gewonnen. Im Mittelpunkt stand dabei dann weder Karl noch Brown, sondern Deniz Undav, der Stürmer des VfB Stuttgart, weil er das 1:0 (34. Minute) geköpft, das 3:0 (57.) geschossen und das 2:0 (48.) von Florian Wirtz vorbereitet hat. Und weil er sich nach seinem zweiten Tor an den hinteren Oberschenkel gefasst hat und dann auch ausgewechselt werden musste. Die Undav-losen Deutschen legten dann noch durch Jamal Musiala nach (63.). Das alles sah schon ganz gut aus, aber eben auch gegen einen Gegner, der nicht ganz so gut war.
Doch ehe es gleich um die zweite Frage geht, zurück zur ersten. Man kann sie nämlich auch so stellen: Wer von denen, die in Mainz von Anfang an spielen durften, wird das in Houston nicht dürfen? Mit großer Wahrscheinlichkeit: Der Torhüter Oliver Baumann, der durch Manuel Neuer ersetzt werden wird, wenn dessen Wade es erlaubt. Mit großer Wahrscheinlichkeit: Der Stürmer Deniz Undav, trotz der Tore und der Torvorlage. Das liegt daran, dass an diesem Wochenende auch Kai Havertz ein Tor geschossen hat, und zwar nicht in Mainz gegen Finnland, sondern in Budapest gegen Paris Saint-Germain, im Finale der Champions League. Solange der Undav-Oberschenkel nicht zur Neuer-Wade wird, könnte die Lösung auch lauten: Havertz und Undav.
Karls Leichtigkeit
Sieben Spieler dürfen sich dagegen etwas bis sehr sicher sein, dass sie in der Startelf stehen werden. Die Innenverteidiger Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck (sehr sicher). Der Außenverteidiger Joshua Kimmich (sehr sicher), der im Spielaufbau mehr als ein Außenverteidiger sein soll. Die defensiven Mittelfeldspieler Aleksandar Pavlović (sehr sicher) und Felix Nmecha (etwas sicher). Die offensiven Mittelfeldspieler Jamal Musiala und Florian Wirtz (sehr sicher). Und dann waren da noch Lennart Karl und Nathaniel Brown.
In seinem dritten Länderspiel stand Karl, der Außenstürmer des FC Bayern, das erste Mal in der Startelf. In der zweiten Minute spielte er im Strafraum einen Doppelpass mit Wirtz, der mit einem technischen Fehler endete: nicht von Karl, von Wirtz. Auf der Tribüne konnte man immer wieder hören, dass der „Lenny“, wie ihn die Fans auch in Mainz anfeuerten, etwas auslöst. Vielleicht auch deswegen, weil er mit einer Leichtigkeit spielt, die Jamal Musiala, dem Meister der Lässigkeit, auch viele Monate nach seinem Wadenbeinbruch samt Sprunggelenksluxation immer noch fehlt. Doch in der elften Minute spielte Karl auch einen Fehlpass, den man sich so gegen Finnland und Curaçao leisten kann, aber schon gegen die weiteren WM-Gruppengegner Elfenbeinküste und Ecuador eher nicht mehr. Immerhin: Er stoppte den Konter der Finnen, der durch seinen Fehlpass entstanden war, mit einer Grätsche.
In der ersten Halbzeit sah man aber, warum sich die Deutschen für das vorletzte Testspiel die Finnen ausgesucht hatten. Deren Spieler zogen sich so weit in die eigene Spielfeldhälfte zurück, wie man das auch von Curaçao erwarten darf. Und damit zur zweiten Frage.
Auch Musiala trifft
In der ersten Halbzeit schafften es die Deutschen zu selten, dass Karl auf der rechten oder Wirtz auf der linken Seite in Eins-gegen-Eins-Situationen kamen. So passte es ins Bild, dass es für das 1:0 einen Eckstoß brauchte. Karl passte den Ball kurz zu Kimmich, der ihn in die Mitte flankte, wo Undav ihn ins Tor köpfte. Da musste man sofort an das Wort „Quote“ denken, das Bundestrainer Julian Nagelsmann immer wieder gesagt hat, wenn er in den vergangenen Wochen über Undav gesprochen hat. Er meint damit seine Torquote, die so gut ist, in der Bundesliga, aber auch in der Nationalmannschaft. Wobei seine Quote an diesem Abend noch besser hätte sein können. In der achten und der siebenundzwanzigsten Minute hat Undav sehr gute Chancen vergeben. Oder wie der Bundestrainer hinterher sagte: „Hundertprozentige“.
Wenn die Deutschen schneller spielten – egal, ob durch die Mitte oder über die Außenseite –, schafften sie es in den Strafraum. Das klappte meistens dann, wenn Wirtz seine Füße im Spiel hatte. Und nicht selten passte er in diesen Momenten auf Brown, der ihn, wie Fußballer das sagen, hinterlaufen hatte. Die Geschwindigkeit von Brown ist der Grund, warum David Raum, der als Linksverteidiger gesetzt scheint, sich nicht zu sicher sein darf, dass er im Verlauf der WM gesetzt bleiben wird.
Es war nach dem Seitenwechsel dann ein Fehler der Finnen, der das zweite Tor der Deutschen ermöglichte. Der Verteidiger Adam Marhiev spielte im Strafraum einen Rückpass, doch der Ball rollte nicht, sondern kullerte, sodass Undav ihn mit einer Grätsche erwischte und in die Mitte spitzelte, wo Wirtz ihn nur noch ins Tor schießen musste. Das war’s dann mit dem Widerstand der Finnen. Auf das 3:0 von Undav (Vorlage von Karl) folgte das 4:0 von Musiala. Und wie er dieses Tor erzielte, passte nicht nur zu seiner Situation, sondern auch zu diesem Spiel: mit einem festen Schuss, also nicht mit größter Leichtigkeit, aber dafür mit umso mehr Entschlossenheit.
