Ein Fußballtrainer muss seinen Spielern kein Freund, aber ein Helfer sein. Er hilft ihnen, indem er vor dem Spiel mit ihnen spricht, indem er sie auf verschiedene Spielsituationen vorbereitet, indem er ihnen für ein Problem neben dem ersten noch einen zweiten und dritten Lösungsweg aufzeigt. Doch wenn er mit seiner Mannschaft große Aufmerksamkeit auf sich zieht, wenn er Bayern- oder sogar Bundestrainer ist, muss er seinen Spielern vor einem Spiel gerade dann helfen, wenn er statt mit ihnen zu sprechen über sie spricht. Und dann nicht nur ihr Helfer, sondern ihr Anwalt ist.
Am Samstagnachmittag in Herzogenaurach hat der Fußballtrainer Jürgen Klopp in der Pressekonferenz vor seinem zweiten Spiel mit der deutschen Nationalmannschaft gegen Griechenland (Sonntag, 20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Nations League und in der ARD) in gleich drei Fällen gezeigt, wie gut er das kann.
Fall eins: Marc-André ter Stegen. Als die Fragerunde am Samstag noch nicht eröffnet war, sagte die Sprecherin der Nationalmannschaft, die neben Klopp saß, dass dieser nur eines zur Aufstellung mitteilen werde. Daraufhin sagte der Bundestrainer, dass am Sonntag gegen Griechenland nicht wie am Donnerstag gegen die Niederlande Marc-André ter Stegen, sondern Alexander Nübel im Tor stehen werde. Doch das war’s noch nicht.
„Ich“, sagte Klopp, „habe gehört, es hat mich ehrlich gesagt ein bisschen überrascht, dass Marc kritisch gesehen wurde. Das ist sehr außergewöhnlich in einem Spiel, in dem der gegnerische Trainer sagt, dass der Torwart uns […] den Arsch gerettet hat.“ Nur hat Klopp nicht gesagt, wer der gegnerische Trainer war: Xavi, der in Barcelona lange mit ter Stegen in einer Mannschaft gespielt hat und diesen vor seinem Lob als seinen Freund bezeichnet hat. Dieser Xavi hat deswegen auch nicht erwähnt, dass ter Stegen neben den sehr guten auch sehr fehlerhafte Aktionen gehabt hat.
„Auf welchen Fehlschuss“ von Adeyemi, fragt Klopp und lacht
So parteiisch konnte selbst Klopp nicht sein, weswegen er sagte: „Und ja, er hat zweimal in eigenem Ballbesitz nicht den Ball gespielt, den er spielen wollte und sollte, aber das kommt vor.“ Er habe seine Nummer eins „null-komma-null kritisch“ gesehen, sei „sehr happy“ und formulierte dann hinsichtlich des Torhüter-Tausches folgendes Fazit: „Dementsprechend darf Alex trotzdem ran, nicht deswegen.“
Fall zwei: Karim Adeyemi. Der Stürmer hat, als die Deutschen am Donnerstag 1:0 führten, einen Ball über das (leere) Tor geschossen, den ein Nationalspieler ins Tor schießen sollte. Am Samstag wurde Klopp auf seine, wie der Reporter sagte, „sehr lustige Reaktion“ auf den Fehlschuss Adeyemis angesprochen. Da sagte Klopp: „Ich wollte gerade fragen: Auf welchen Fehlschuss?“ Und lachte.

„Ein wundervoller Kerl“, sei dieser Karim Adeyemi, sagte Klopp, als er dann ernst wurde, einer, der in Barcelona, wo er seit dieser Saison spielt, bisher „einen überragenden Eindruck“ gemacht habe. Der Fehlschuss? „Der Umgang damit – das ist die große Herausforderung im Fußballerleben“, sagte Klopp. Er wollte mit Adeyemi „daran arbeiten, dass er im Spiel bleibt“, weil Klopp glaubte, dass er danach noch davon beeinflusst gewesen sei, wohl auch deswegen, weil ihm die Nationalmannschaft wichtig sei und weil er bei der Weltmeisterschaft nicht dabei gewesen war.
Wirtz hat noch nicht eingelöst, was sich andere versprochen haben
Mit Blick auf das, was kommt, sagte Klopp: „Karim bietet ganz, ganz viel an, dass ich super gerne einbauen würde.“ Er sagte nicht, dass es Gründe gibt, warum schon mehrere Trainer daran gescheitert sind, die große Geschwindigkeit, die Adeyemi hat, in das Spiel einzubauen. Er sagte nur: „Kann er besser spielen? Na klar, aber er hätte auch viel schlechter spielen können. Also dementsprechend: für ein erstes Spiel unter mir, komplett fine, weiter geht’s.“
Fall drei, der mit Abstand schwierigste: Florian Wirtz. Der Spielmacher des FC Liverpool hat seit seinem Wechsel im Sommer 2025 noch nicht eingelöst, was sich viele auch wegen der Ablösesumme (mindestens 125 Millionen Euro) versprochen haben. Und nun, da Wirtz wegen der Verletzung von Jamal Musiala etwas früher geplant zur Nationalmannschaft gekommen ist, sollte der Bundestrainer Klopp, der lange der Liverpool-Trainer Klopp war, sagen, wie er dessen Situation sehe. Doch Klopp sagte: „Das macht jetzt gar keinen Sinn.“
Er erklärte, wieso es aus seiner Sicht keinen Sinn mache: „Das würde viel zu weit führen, kreiert Schlagzeilen, die wir jetzt nicht kreieren wollen. Egal, was ich sage, positiv oder negativ, wird ein Riesenbrett in dem Fall in England und Flo wird ja nach England zurückkehren.“ Doch Klopp wollte auch nicht nichts sagen. Und machte mit einem Trick weiter.
Ein Trick, der die ehemaligen Spieler und heutigen Experten trifft
„Wenn man den Gesamtkontext sehen möchte – und dazu kann man sicher was sagen, weil es nichts mit der direkten Situation zu tun hat – ist Flo im ungünstigen aller Momente nach Liverpool gekommen.“ Das war der Trick: Indem er sagte, etwas zur Gesamtsituation zu sagen, sagte Klopp, dass er zur direkten Situation nichts sage.
Warum war es im Gesamtkontext der ungünstigste aller Momente? Weil kurz davor Diogo Jota bei einem Autounfall gestorben war. Nun sei die Mannschaft nach dem nächsten Trainerwechsel „erneut dabei“, sich zu finden, aber ein Offensivspieler brauche „immer eine funktionierende Mannschaft“. So ging es noch ein bisschen weiter, bis Klopp sagte: „Grundsätzlich – ich habe jetzt schon viel zu viel darüber gesagt, aber hoffentlich bin ich allgemein genug geblieben – war es einfach eine sehr ungünstige Konstellation.“ Und auch wenn er gerade selbst gesagt hatte, dass er schon viel zu viel gesagt hat, machte Klopp mit einem letzten Trick weiter.
Am Ende seiner Antwort sagte er über Florian Wirtz: „Alle, die Fußball lieben, sehen nach wie vor, was das für ein außergewöhnlicher Spieler ist.“ Und in einer Pressekonferenz vieler kleiner Tricks war das sein größter: Er warf damit allen, die nicht mehr daran glauben, dass Wirtz beim FC Liverpool der außergewöhnliche Spieler wird, der erwartet worden ist, etwas Schlimmes vor.
Er sagte nämlich nicht, dass sie Fußball nicht verstehen, was angesichts der vielen ehemaligen englischen Nationalspieler, die Wirtz in ihrer Rolle als Meinungsmacher in den Medien kritisieren, nicht glaubwürdig gewesen wäre. Er sagte etwas, dass diese ehemaligen Spieler viel mehr trifft: dass sie Fußball nicht lieben.
