Die alten Volksparteien SPD und CDU verlieren seit Jahren an Zuspruch. Dass die Union bei einer Bundestagswahl mehr als 40 Prozent der Stimmen erhielt, war zuletzt 2013 der Fall. Acht Jahre zuvor lag die SPD das letzte Mal bei mehr als 30 Prozent. Und auch die Mitgliederzahlen sind stark gesunken. Das zeigen Daten, die der Forscher Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin erhoben hat und unter anderem in Arbeitsheften des Otto-Stammer-Zentrums und der „Zeitschrift für Parlamentsfragen“ veröffentlicht hat. Demnach kamen die Unionsparteien CDU und CSU 1990 zusammen auf 976.000 Mitglieder, im vergangenen Jahr waren es noch 482.000. Die SPD zählte 1990 gut 943.000 Mitglieder. 2025 kam sie nur noch auf 348.000 Mitglieder.
Niedermayer spricht von einer „kontinuierlich abnehmenden gesellschaftlichen Verankerung des gesamten Parteiensystems“. In den Achtzigerjahren waren in der alten Bundesrepublik knapp vier Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung Mitglied in einer der fünf Bundestagsparteien. Das ist nun nur noch im Saarland der Fall. In Gesamtdeutschland gehörten Ende 2024 nur noch gut 1,6 Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung einer der acht im Bundestag vertretenen Parteien an.
Für eine Parteiendemokratie können die sinkenden Mitgliederzahlen auf Dauer zum Problem werden. „Dann ist die Verbindung zwischen der gesellschaftlichen Basis und denjenigen, die oben die Regierung bilden, nicht mehr gegeben“, sagt der Parteienforscher Elmar Wiesendahl.
In Ostdeutschland sind noch weniger Menschen Parteimitglied
In den ostdeutschen Bundesländern scheint sich der gesamtdeutsche Trend wie unter einem Brennglas noch mal extremer zu zeigen. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sahen manche Umfragen die SPD in Gefahr, an der Fünfprozenthürde zu scheitern. In Mecklenburg-Vorpommern droht der CDU laut Umfragen zwei Wochen später erstmals ein einstelliges Ergebnis. Zwar gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen Mitgliederzahlen und Wahlergebnissen, doch klar ist, dass es weder CDU noch SPD geschafft haben, die Mitgliederzahlen in den ostdeutschen Bundesländern auf ein ähnliches Niveau wie in den westdeutschen zu bringen.
Auch die Grünen und die FDP tun sich schwer. Im Osten waren 2025 nur 0,9 Prozent derjenigen, die beitrittsberechtigt gewesen wären, in einer Partei, nur etwa halb so viele wie im Westen. Lediglich AfD und Die Linke hatten in den vergangenen Jahren im Osten relativ zur beitrittsberechtigten Bevölkerung deutlich mehr Mitglieder als im Westen.
Ob die etablierten Parteien nach der Wende etwas verpasst haben oder ob sich in Ostdeutschland ein allgemeiner Trend von Altparteiverdrossenheit einfach stärker zeigt, ist unklar. Vermutlich ist aber an beidem etwas dran. Wiesendahl betont, dass es vor der Wende durchaus viele Partei- und Gewerkschaftsmitglieder im Osten gegeben habe.
„Die Ostparteien sind bis auf die PDS von den Westparteien geschluckt worden“, sagt Wiesendahl. Dabei bezieht er sich auf die sogenannten Blockparteien. Das waren in der DDR die Christlich-Demokratische Union (CDU), die Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD), die National-Demokratische Partei Deutschlands (NDPD) und die Demokratische Bauernpartei Deutschlands (DBD). Spöttisch wurden sie auch „Blockflöten“ genannt, da sie in der DDR im Gegensatz zur SED keine politische Macht hatten. Nach der Wende wurden sie teils von CDU, SPD und FDP übernommen. Die Grünen schlossen sich mit der Bürgerbewegung Bündnis 90 zusammen.

Wenig Erfahrung mit Parteienwettbewerb, das westdeutsche Vereinigungsmodell, Zeitdruck und geringere (finanzielle) Ressourcen erschwerten den erfolgreichen Aufbau eigener Parteien im Osten. Viele Bürger hätten sich deshalb in den folgenden Jahren zurückgezogen, so Wiesendahl. Aus der SED wurde die zunächst vor allem in den neuen Bundesländern relevante Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Deren Mitgliederzahl halbierte sich Anfang der Neunzigerjahre innerhalb von drei Jahren. Sie sank danach kontinuierlich weiter, bis sich PDS und die kurz zuvor gegründete Partei Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative (WASG) 2007 zur Partei Die Linke zusammenschlossen. Durch die Vereinigung stieg die Mitgliederzahl für kurze Zeit.
Heute mobilisieren nur noch die Ränder
Nach dem Bruch der Ampelkoalition 2024 setzte sich der Trend bei den Mitgliederzahlen der Parteien überraschenderweise nicht fort. Grüne, Linke und AfD erlebten flächendeckend einen erheblichen Zuwachs.
Besonders die Mitgliederzahl der Linkspartei stieg 2025 stark: um 111,1 Prozent von knapp 59.000 auf knapp 124.000 Mitglieder. Auch die AfD (plus 42,7 Prozent auf 73.000 Mitglieder) und die Grünen (plus 18,3 Prozent auf 184.000 Mitglieder) konnten ihre Mitgliederzahl 2025 noch mal deutlich steigern. Ein Grund für den Mitgliederzuwachs der AfD seien laut Wiesendahl die Wahlerfolge in den vergangenen Jahren. Ein Fall der Brandmauer könnte den Mitgliederzulauf der AfD nochmals steigern. „Beim Eintrittssog in die Linke spielen die Attraktivität der neuen Partei- und Fraktionsspitze, speziell Heidi Reichinnek, und die Antifaschismus-Kampagne gegen rechts eine wesentliche Rolle“, sagt Wiesendahl. Auch der Aufstieg der AfD mobilisiere für die Linken und die Grünen.
Ob das ein kurzfristiger Mobilisierungseffekt ist oder ein Trend, der sich in den nächsten Jahren fortsetzen wird, wird sich zeigen. Von den Mitgliedszahlen der sogenannten Volksparteien CDU und SPD vor der Wende sind alle Parteien weit entfernt – und werden es laut Wiesendahl trotz der partikularen Zuwächse aktuell auch bleiben.
