
Auch in der Schweiz war am Donnerstag ein landesweiter Feiertag. Die Geschäfte hatten größtenteils zu, was vor allem für die Eishockeyfans ärgerlich war, die sich vor der Weltmeisterschaft mit Fanartikeln eindecken wollten. Die gibt es auch bei einer großen Supermarktkette, wo sogar auf Chipstüten mit Bildern der Nationalspieler geworben wird, Geschmacksrichtung: Puck-Paprika. Die Schweiz ist halt im Eishockeyfieber, nach mehreren Finalniederlagen soll bei der Heim-WM endlich der erste Titel her. Wie realistisch das ist, könnte gleich der Auftakt diesen Freitag in Zürich zeigen, um 20.20 Uhr geht es gegen die Amerikaner.
Die deutsche Mannschaft wird ihr erstes Spiel dann bereits hinter sich haben. Und auch das hat es in sich: Ab 16.20 Uhr (Pro Sieben und Magenta Sport) wartet Finnland, da sind die Deutschen nur Außenseiter. Aber egal, welches Ergebnis am Ende auf dem Videowürfel der schicken Arena in Zürich stehen wird, es geht dabei um mehr. Nämlich um die Frage, wie das Team von Bundestrainer Harold Kreis taktisch und kämpferisch auftreten wird.
Abschied von den Idealen
Zuletzt konnte man den Eindruck bekommen, Deutschlands Eishockeymannschaft hielte sich nun für etwas Besseres. Die Silbermedaillen bei Olympia 2018 und der WM 2023 sowie die nie gekannte Fülle an Hochbegabten von Leon Draisaitl über Tim Stützle und J. J. Peterka bis Moritz Seider schienen dafür gesorgt zu haben, dass sich das Team von seinen Idealen verabschiedet hatte.
Weniger Kampf, mehr Finesse. Nach dem enttäuschenden Aus im Olympia-Viertelfinale war das das große Thema. Sie seien von ihrer Identität abgekommen, war immer wieder zu hören. Bundestrainer Kreis, der nun ein Jahr vor der Heim-WM auch persönlich unter Druck steht, bestätigte das dieser Tage: „Unsere Tugenden sind Leidenschaft, Kampfgeist, Zusammenhalt – die sind ja nicht verloren gegangen, sie waren vielleicht ein bisschen eingestaubt, weil man sie nicht immer wieder in Erinnerung gerufen hat.“
Hier die Stars, da der Rest
Stürmer Dominik Kahun sieht das ähnlich: „Das Kompakte, das uns sonst ausmacht, war nicht so da.“ Überhaupt seien „die Leistungen runtergegangen“. Denn schon die WM 2025 war ja enttäuschend gelaufen, in Dänemark war nach der Vorrunde Schluss. Zwar ging es bei Olympia wieder ins Viertelfinale, aber glücklich war danach niemand – weil keine Einheit zu erkennen war.
Auch Kapitän Moritz Müller, der in Zürich nicht mitspielt, sondern für Magenta Sport als TV-Experte dabei ist, erinnerte nun noch mal daran. Die einen hätten auf „bestimmte Jungs“ geschaut, die wiederum hätten „das Gefühl gehabt, es alleine richten zu müssen“. Was der Bundestrainer gefördert hatte, weil er seine Topspieler fast bei jedem zweiten Wechsel aufs Eis schickte, das Personal aus der heimischen Liga schien nur dafür da zu sein, den großen Namen kurze Pausen zu ermöglichen. Als gäbe es zwei deutsche Mannschaften: hier die Stars, da der Rest.
Draisaitl, Stützle und Peterka haben für die WM abgesagt
Nun scheint die Gefahr nicht zu bestehen. Gerade mal 14 Spieler aus dem Olympiakader sind mit nach Zürich gekommen. Draisaitl, Stützle und Peterka haben für die WM abgesagt. Einerseits ein herber Verlust, andererseits sollte nun niemand in Verlegenheit kommen, es allein spielerisch lösen zu wollen. Dafür fehlt selbst bei einem Turnier, bei dem bis auf die Schweiz jede Nation Absagen von Topspielern zu verkraften hat, die Qualität im deutschen Kader.
Kreis hat dennoch das Viertelfinale als Ziel ausgegeben, also mindestens Platz vier in der Achtergruppe. Umso wichtiger, dass NHL-Stürmer Lukas Reichel nun doch noch nachreist und Abwehrchef Moritz Seider sich bereits vorher schon fitgemeldet hatte. So hat das deutsche Team zumindest einen Weltklassemann dabei. Und der ist optimistisch: „Wenn wir unser Spiel spielen, die Scheiben rausbekommen und in den Forecheck gehen, sind wir eine sehr unangenehme Mannschaft.“
Das wünscht sich auch Kapitän Müller, der das Rad aber nicht komplett zurückdrehen will. Nicht in die düsteren Zeiten, als es rein über Kampf ging und sich die Deutschen gegen große Nationen hinten reinstellten. „Ich habe die Sorge, dass man den Schritt zu stark zurückgeht und man dem Gegner das Spiel mit der Scheibe überlässt“, sagte Müller. „Die Deutschen sind besser, als sie denken. Sie glauben nur selbst nicht immer daran.“ Diesmal sollen sie wieder glauben. Und die richtige Mischung aus Kampf und Finesse finden. In einem Wort: ihre Identität.
