
Der Stichtag ist der 30. November 2026. Ab dann soll das Radioprogramm des öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunks ein anderes sein als das, was seine treuen Hörer bislang kannten. Zwei Jahre lang – unter der Einbindung von etwa 200 Mitarbeitern – wurde an einer umfassenden Reform gearbeitet, deren Ergebnis auf einer Pressekonferenz am Donnerstagvormittag en détail vorgestellt wurde: „Wir wollen den Qualitätsjournalismus für die Zukunft sicher machen.“ So begründete die Programmdirektorin Jona Teichmann den Reformprozess. Es gehe dem Sender nicht darum, ein Sparprogramm auf den Weg zu bringen. Weder würden Redaktionen geschlossen noch Programmmittel gekürzt. Was sich allerdings ändern soll: Eine bessere Verzahnung des linearen und digitalen Programms und ein Umgang mit der Tatsache, dass ein Drittel der Hörer 70 Jahre oder älter sei.
Im November 2025 hatte der DLF eine eigens in Auftrag gegebene qualitative Studie ausgewertet, um die Nutzungsmotive von Stamm- und Gelegenheitshörern des Deutschlandfunks zu ergründen: Diese habe unter anderem ergeben, dass die überwiegende Mehrzahl den Deutschlandfunk dann einschalteten, wenn sie Zeit zum Radiohören hätten – und nicht gezielt zu bestimmten Uhrzeiten. Auf der Grundlage dieser Studie und anderer Medienanalysen habe der Programmumbau stattgefunden. „Was den Grundsatz angeht – die Dramaturgie und die Gestaltung des Programmschemas –, ändert sich im Vergleich zum Bisherigen nichts“, bekräftigt Matthias Gierth, Hauptabteilungsleiter Kultur beim Deutschlandfunk.
Die Hörerinnen und Hörer stehen später auf als früher
Was ändert sich dann? Der Sender streicht (man spricht etwa von einer Veränderung des Namens und der Herangehensweise) die meisten seiner täglichen Fachmagazine, darunter fallen etwa „Tag für Tag – aus Religion und Gesellschaft“, „Wirtschaft am Mittag“, der „Büchermarkt“, das Bildungsmagazin „Campus und Karriere“, „Forschung aktuell“ und die Sendung „Deutschland heute“. Stattdessen erhalten die Fachredaktionen künftig in den täglichen Informationsstrecken und längeren Magazinsendungen eigene Sendeplätze, auf denen sie ihre Expertise „einem möglichst breiten Publikum“ zur Verfügung stellen können, sagt Gierth.
Das eigentliche „Flaggschiff“ der Fachredaktionen solle jedoch die Sendung „Hintergrund“ sein, die dreimal täglich um 13.30 Uhr, 16.30 Uhr und 18.30 Uhr zu einem jeweils vertiefenden Thema ausgestrahlt werde. Ein Grund für die monothematischen Recherchesendungen sei, dass sie auch im digitalen Bereich gut verbreitet werden könnten. „Denn Menschen suchen im Digitalen nicht verschiedene kleine Beiträge, wie in Magazinsendungen, sondern sie suchen nach Themen“, erläutert Gierth.
Außerdem sollen „Die Informationen am Morgen“ eine Stunde später beginnen. Die Hörerinnen und Hörer stünden später auf als früher, das hätten die Untersuchungen ebenfalls ergeben, begründete Gierth. Eine weitere Neuerung: Ab 17 Uhr, in der sogenannten „Drive Time“, sollen die Informationsbedürfnisse von Pendlern abgedeckt werden. Neu ist auch das werktägliche Sendeformat „Im Dialog“, es läuft am Vormittag ab 10 Uhr. Hier solle mit der Expertise der Fachredaktionen im unmittelbaren Kontakt mit dem Publikum ein Thema erörtert werden.
Die Nachricht, dass der DLF sein Programm stark reformieren will, hatte zuvor für Irritationen gesorgt: Der Sender gilt trotz oder gerade wegen seiner sehr spezialisierten Fachmagazine im Programm als erfolgreich: Die Einschaltquoten stiegen zuletzt kontinuierlich. In den vergangenen zehn Jahren hat der Deutschlandfunk etwa eine Million Hörer hinzugewonnen. Man kann hier getrost von Traumquoten eines linearen Programms sprechen. Unter der Woche hören nach Angaben des Senders täglich mehr als 2,52 Millionen Menschen den Deutschlandfunk. Er gehört damit zu den bundesweit zehn reichweitenstärksten Radioprogrammen.
Wie die F.A.Z. und andere Medien zuvor berichtet hatten, stießen die Pläne der Programmdirektion intern und extern auf Widerstände: Manche fürchteten eine Verflachung des Programms, einen regelrechten Identitätsverlust des Senders, da die Expertise aus den spezifischen Fachmagazinen verloren gehen könnte. Von einer risikoreichen Zukunftswette war die Rede.
Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue erwiderte dazu: „Wir können uns in der eigenen Bedeutung sonnen und glücklich sein, dass wir so erfolgreich sind. Aber der Frust kommt dann in fünf bis zehn Jahren, wenn uns ganze Generationen nicht mehr folgen.“
