Vor mehr als 7000 Jahren kamen die Bewohner des Voralpensees Lago di Varese auf die Idee, ihre Häuser auf Pfählen zu bauen. Noch heute zeugen gut erhaltene archäologische Funde von den prähistorischen Stelzenbauten, die nicht nur Schutz vor Raubtieren, sondern auch vor Hochwasser bieten sollten. Eine Sorge, die bei einem Blick auf das aktuelle Wetter in der Lombardei als geradezu surreal anmutet.
Denn die anhaltende Dürre und extreme Hitze haben die norditalienische Region in eine Wasserkrise gestürzt. Der Pegelstand des Lago di Varese liegt aktuell rund 30 Zentimeter unterhalb des historisch festgelegten Pegelnullpunkts. Eine baldige Besserung ist nicht in Sicht. Auch am Wochenende werden fast 40 Grad Celsius in der Region erwartet.
Dessen ungeachtet soll genau hier ab diesem Freitag die Europameisterschaft im Rudern stattfinden. Nicht nur für die deutsche Auswahl könnte ein solches Extrem bald zu einer bedrückenden Norm werden.
Eisbeutel und spezielle Kühlwesten
„Varese ist natürlich bekannt für seine Hitze, also es kann da schon ordentlich warm werden, das haben wir in den letzten Jahren gemerkt, das wird auch diesmal sehr fordernd“, sagt Olaf Roggensack vom Deutschlandachter. Für den Olympia-Silbermedaillengewinner von Tokio sind hitzige Situationen nicht neu, bereits im vergangenen Jahr hat er sich mit der restlichen Besatzung des Deutschlandachters für die hohen Temperaturen bei der WM in Shanghai in einem Hitzezelt auf die Wettkämpfe vorbereitet. Auch für Varese sei man gerüstet, sagt Roggensack.
„Wir haben jetzt einiges an Erfahrung gesammelt“, sagt er. Auch, weil es hierzulande zuletzt schon sehr warm gewesen sei, so auch bei den Finals in Hannover am vergangenen Wochenende. „Im Rennen selbst ist das dann kein Thema, es geht eher um die Zeit vor dem Rennen, dass man sich möglichst kühl hält.“ Dazu sollen Eisbeutel und spezielle Kühlwesten die Athleten bei praller Sonne, vor allem während der Aufwärmphase, vor Überhitzung bewahren.
Extreme Hitze wird zum Problem
„Natürlich müssen wir uns in Zukunft damit auseinandersetzen, dass die steigenden Temperaturen den Rudersport vor Probleme stellen werden“, sagt Bundestrainerin Sabine Tschäge. „Man muss sich überlegen, ob man Wettkämpfe deutlich früher ansetzt oder auf den Abend verlegt. Auch bei den sinkenden Pegelständen wird man irgendwann sehen müssen, welche Regattastrecken überhaupt noch Wettkämpfe stemmen können.“
Von den Folgen des Klimawandels betroffen sind dabei nicht nur die Wettkämpfe, sondern auch die Vorbereitungsphase. Auch da muss sich der Deutschlandachter auf Veränderungen einstellen: „Wenn wir, wie in den vergangenen Wochen, merken, dass es über den Tag sehr warm wird, schauen wir, dass die Trainingseinheiten weniger intensiv, dafür aber deutlich länger sind“, sagt Roggensack. „Da ist uns ganz schnell aufgefallen, dass wir da natürlich auch einen deutlich höheren Verbrauch und Bedarf an Energie haben. Die Energie braucht der Körper auch, um sich besser erholen zu können. Wir haben dann angefangen, Gels und Gummibärchen mit ins Boot zu nehmen.“
Auch wenn mit England und den Niederlanden zwei Topteams auf die EM-Teilnahme verzichten, um sich besser auf die Weltmeisterschaften im August vorbereiten zu können, sind sich Roggensack und Tschäge einig: Die Wettkämpfe in Italien werden nicht nur aufgrund der hohen Temperaturen eine schweißtreibende Angelegenheit.
Verkleinertes Feld, großer Druck
„Auch wenn das für uns an sich eine Zwischenstation für die WM ist, sind wir natürlich vor Ort, um unsere beste Leistung abzurufen“, sagt Tschäge. „Wir werden auch beispielsweise mit den starken Rumänen alle Hände voll zu tun haben.“ Auch Roggensack nimmt das „verkleinerte Spielfeld“ nicht auf die leichte Schulter. Die Zeichen für ein starkes Ergebnis stehen dabei nicht schlecht. Immerhin belegte der Deutschlandachter im vergangenen Jahr beim Weltcup auf dem Lago di Varese den zweiten Platz und musste sich nur Großbritannien geschlagen geben.
Den Druck, der auf dem Paradeboot des deutschen Ruderverbands lastet, wird das aber nur ein wenig mindern, denn der letzte größere Erfolg mit dem Sieg bei der Regatta in Luzern liegt mittlerweile auch mehr als ein Jahr zurück. Bei der vergangenen EM in Bulgarien verpasste der Deutschlandachter sogar das Podest – wenn auch knapp. Daher werden die Rennen am Wochenende für Roggensack und seine Crew nicht nur ein Kampf gegen die brütende Hitze sein, sondern auch gegen das Ende einer ganz persönlichen Dürreperiode.
