So heftig wird hierzulande auf dem bemitleidenswerten Leroy Sané herumgehackt, dass man fast schon von einer Obsession sprechen muss. Sollte diese unschöne und unfaire Sündenbock-Suche irgendetwas Gutes haben, so dachte man sich, könnte es darin liegen, dass die Angriffe von außen die Truppe zusammenschweißen und auf diese Weise stärken würden.
Nach der Niederlage gegen Ecuador ist diese ohnehin etwas konstruiert wirkende Hoffnung ziemlich dahingeschmolzen. Schlimmer noch: Das Spiel hat etwas offenkundig werden lassen, das über das Sané-Bashing in den Hintergrund getreten war: Bei seinen Offensiv-Kumpanen Florian Wirtz und Jamal Musiala geht ebenfalls wenig bis gar nichts.
Es ist kein Trend zur Besserung zu erkennen. Die beiden, die doch nach eigenen Angaben so gern miteinander auf dem Rasen „zocken“, haben sich auch in der dritten Partie der WM nicht freigespielt, weder für sich allein noch in Kombination. Eher ist es umgekehrt, ihre Auftritte werden immer verkrampfter. Musiala kommt, seit ihn Gianluigi Donnarumma im vorigen Sommer während der Klub-WM zusammengetreten hat, nicht wieder in seinen berühmten Slalom-Modus. Und Wirtz scheint seit seinem Wechsel für eine Premier-League-Rekordsumme nach Liverpool der Kreativitätsstecker gezogen zu sein.
Becker und Nowitzki ohne Nachfolger
Dabei verband sich mit den beiden vor Kurzem noch die Hoffnung der Deutschen, in absehbarer Zeit wieder einmal einen Weltfußballer stellen zu können (der bisher einzige war Lothar Matthäus im Jahr 1991). Bei manchen ihrer Aktionen wollte man sich die Zeitlupen mehrfach anschauen, um zu begreifen, was genau sie mit dem Ball angestellt hatten. Ohne deshalb zu verstehen, wie das möglich gewesen war. Sie nährten die Hoffnung, dass es endlich einmal wieder einen Auserwählten, ein Genie am Ball mit deutschem Pass geben könnte.
Noch ist es zu früh, die beiden für solche Weihen ganz abzuschreiben, aber ihre Chancen sinken. Dieser Mangel an Extraklasse gilt im Übrigen nicht nur für den Fußball. Deutschland hat in den vergangenen Jahren in keiner Sportart von globaler Bedeutung einen Akteur hervorgebracht, der das gewisse Etwas hat, das ihm zum Idol von Jugendlichen auf der ganzen Welt macht und sie dazu bringt, den jeweiligen Sport selbst ausüben zu wollen.

Andere Länder werden da reicher beschenkt, in Einzel- wie in Mannschaftssportarten: Italien kann sich über Yannik Sinner und neuerdings über den Formel-1-Shooting-Star Kimi Antonelli freuen, Frankreich über Victor Wembanyama und Kylian Mbappé (und Michael Olise), Spanien über Lamine Yamal und Carlos Alcaraz, Serbien über Nikola Jokić, Japan über Shohei Ohtani. Das kleine Slowenien gleich über ein Trio: Tadej Pogačar, Luka Dončić und Domen Prevc.
In Deutschland fehlen dagegen Nachfolger von Boris Becker, Michael Schumacher, Dirk Nowitzki, Sven Hannawald, Jan Ullrich und Michael Groß. Stellt sich die Frage, warum das so ist. Wohlgemerkt, es geht nicht um jene wenigen Außerirdischen, die in ihrer Sportart eine ganz eigene Klasse definieren, weil sie bei den Zuschauern geradezu für ekstatische Erfahrungen sorgen, und zwar über viele Jahre hinweg mit atemberaubender Regelmäßigkeit: Maradona und Messi im Fußball, Roger Federer im Tennis, Michael Jordan im Basketball und Wayne Gretzky im Eishockey.
Solche Jahrhundertsportler muss man als Geschenk des Himmels betrachten. Zwar lassen sich die Voraussetzungen und Bedingungen analysieren, unter denen sich ihre Begabung entwickeln konnte, aber es bleibt doch der Eindruck, dass der unerklärliche Rest sehr groß ist, gleichsam das Magische ihres Könnens, dessen Entfaltung etwas gottgewollt Unvermeidliches anhaftet.
Eine Ebene darunter, selbst schon unter den Cristiano Ronaldos und Novak Djokovics der Sportwelt, spielen außer Talent auch Willen, Arbeitsethos, Nervenstärke, Konzentrationsfähigkeit, Lebenswandel und Disziplin, aber auch Phantasie, Freiheitswille und Verspieltheit eine entscheidende Rolle, also Dinge, die sich zumindest in Teilen erwerben beziehungsweise trainieren lassen.
Es wird sich nur schwer nachweisen lassen, inwieweit das gesellschaftliche Klima in Deutschland dazu beiträgt, dass solche Fähigkeiten und Tugenden gedeihen oder eben nicht. Aber der Verdacht bleibt, dass es einen inneren Zusammenhang gibt zwischen der verzagten Saturiertheit des Landes und der Kreativitätsblockade auf den Sportplätzen. Und die Hoffnung, dass diese Diagnose wohlfeil ist. Vielleicht wird uns ja schon bald der derzeit verletzte Lennart Karl eines Besseren belehren.
In der WM-Kolumne „Freistoß“ beleuchten wir die Welt des Fußballs aus feuilletonistischer Sicht.
