Diese WM hat gezeigt: Der Fußball wird mehr denn je von Europa bestimmt, nur dort entsteht Exzellenz. Im Augenblick orientiert sich nahezu die gesamte internationale Spitze bei den Verbänden an Spanien und Frankreich und bei den Vereinen an Paris Saint-Germain und Arsenal. Nahezu jeder Trainer folgt diesem Leitbild, passt es an die jeweiligen finanziellen und kulturellen Möglichkeiten sowie das verfügbare Talent an.
Alle Spitzenmannschaften ähneln sich in ihrer Grundlogik. Jeder ihrer Trainer entwickelt seine Mannschaft über das Betriebssystem, die Formation, die Position, über Wiederholung und Selektion. Das Betriebssystem ist das ballorientierte Verteidigen. Darauf setzt eine feste Formation auf, mit klar definierten Positionen auf dem Feld. Im Training und Wettbewerb entstehen Wiederholungseffekte. Und wenn gewechselt wird, vor dem Spiel oder währenddessen, dann eins zu eins gemäß den Positionen.
De la Fuente repräsentiert seine Nation
Die Qualität der Trainer bestimmt die Qualität des Sports, das ist eine weitere Erkenntnis dieser WM, die einen alten Grundsatz bestätigt. Im Finale steht Luis de la Fuente. Er hat Jahrzehnte im spanischen Jugendfußball gearbeitet, im Verband hat er seit mehr als einem Jahrzehnt Nachwuchsmannschaften begleitet und die wichtigsten Spieler kennengelernt. Er repräsentiert seine Nation.
Und Lionel Scaloni ist ein Prototyp des argentinischen Trainers. Außer Europa hat nämlich nur noch Argentinien eine Leitbildfunktion über seine Landesgrenzen hinaus: defensiv, zweikampforientiert, auf Sicherheit bedacht – Fußball als Existenzkampf, kulturell verankert. Fünf von sechs südamerikanischen Nationen dieser WM wurden von argentinischen Trainern betreut. Nebenbei: Scaloni wurde in Spanien ausgebildet.

Auch in kleineren Verbänden stellt sich Erfolg ein, wenn über das Leitbild hinaus überragende individuelle Qualität vorhanden ist – etwa in Norwegen mit Haaland und Ødegaard. Falls sie weniger vorhanden ist, sind die Mannschaften, die die Prinzipien des Leitbilds beherzigen, immerhin konkurrenzfähig. Kanada (Marsch), USA (Pochettino), Ghana (Queiroz) leisten sich Trainer, die in Europa tätig waren und das Leitbild umsetzen können. Inzwischen auch Brasilien (Ancelotti), wo das einzigartige Talent von früher nicht mehr vorhanden ist. All diese Trainer stehen für europäischen Spitzenfußball.
Zu viele Experimente – das war immer meine Kritik an Nagelsmann
Marokko profitiert davon, dass ein großer Teil des Kaders in europäischen Nachwuchszentren ausgebildet wurde oder auf höchstem europäischem Niveau spielt. In ihren taktischen Prinzipien unterscheidet sich die Mannschaft nicht von europäischen Topteams. Viele afrikanische Mannschaften verteidigen heute kompakt, agieren strukturiert gegen den Ball und sind schwer zu schlagen. Weil sich Spieler und Trainer aus aller Welt am europäischen Leitbild orientieren.
Deutschland geht einen anderen Weg als der Rest der Welt und passt sich nicht daran an. In vielen deutschen Mannschaften wird mit unterschiedlichen Formationen und ohne konsistentes Betriebssystem gearbeitet. Spieler werden häufig auf den unterschiedlichsten (falschen) Positionen eingesetzt, das System wird oft geändert. Es fehlen Vorgehensweise und Kontinuität.
Noch dazu verkomplizieren wir die Dinge durch zu viele Experimente, das war immer meine Kritik an Julian Nagelsmann. Für mich zählen Klarheit und Ordnung. Ein gutes Beispiel sind Arsenal oder Atlético Madrid: Mannschaften, die nicht immer das große Spektakel liefern, dafür aber sehr schwer zu besiegen sind. Genau diese Struktur würde ich mir auch von einer deutschen Vereinsmannschaft wünschen.
Spanische Sieger: 24, deutsche Sieger: 4
Was mich schon lange irritiert: Die deutschen Vereine verpflichten leider in erheblichem Umfang solide, aber nicht herausragende ausländische Spieler. Dieses Vorgehen ist ein einfacher Weg, das Niveau abzusichern. Aber es verhindert die Entwicklung, weil eigene Nachwuchsspieler keinen Platz finden. Talent muss integriert und gefördert werden, und man muss ihm Verantwortung geben – konkret über relevante Spielzeit. Mit dieser Spielzeit übernehmen die jungen Spieler Verantwortung, die sie auch tragen und an der sie sich messen lassen müssen.
Die Folgen zeigen sich in einer Statistik: Spanische Vereine gewannen in diesem Jahrhundert in den drei europäischen Wettbewerben insgesamt 24 Titel. Dahinter folgen England mit 14, dann Italien mit fünf. Deutschland hat nur vier: Einmal gewann Eintracht Frankfurt die Europa League im Elfmeterschießen, dreimal gewann der FC Bayern die Champions League. Und das, obwohl wir die zweitgrößten finanziellen Mittel haben. Von einer dauerhaft starken Liga kann also keine Rede sein.

Noch mal zurück zur Kernaussage: Die Qualität der Trainer bestimmt die Qualität des Sports. Was in Deutschland in den letzten Jahren bei den Trainerbesetzungen verloren gegangen ist: fußballerische Qualität, eigene Erfahrungen auf höchstem Level. Was fehlt, sind ehemalige Profispieler, die sich methodisch weiterbilden. Die sich Zeit nehmen, den Beruf von der Pike auf zu lernen, um über die Jahre Exzellenz zu erlangen. Didier Deschamps, Carlo Ancelotti, Mikel Arteta, Pep Guardiola, Xabi Alonso.
Wir gehen Sonderwege, zuletzt mit dem Comeback der Manndeckung
Hier müsste der Deutsche Fußball-Bund (DFB) ansetzen. Damit das Leitbild aufgegriffen wird. Eine Identität in der Ausbildung wäre genau das, was ein Spitzenverband braucht. Der DFB nennt seine Akademie einen Ort des Austauschs und der Diskussion und begreift sich nicht als Instanz, die eine Richtung vorgibt.
Und die öffentliche Diskussion in Deutschland behandelt leider oft Symptome, nicht die Ursachen von Misserfolg. Jetzt soll der Frauenbesuch im Hotel schuld gewesen sein. Mir ist das zu irrational, wir müssen vielmehr über die wahren Ursachen reden. Wir laufen seit zehn Jahren hinterher, weil wir uns nicht an die aktuellen Entwicklungen anpassen, stattdessen Sonderwege gehen, zuletzt mit dem Comeback der Manndeckung in der Bundesliga. Wenn wir das weiter tun, werden wir weiter scheitern.
Jetzt muss man ran an die Ursachen. Der deutsche Fußball hat schon mal eine große Leistung vollbracht, um eine Krise zu überwinden. Das war ein entscheidender Schritt in die Zukunft. In den Neunzigerjahren hat der DFB beschlossen, dass jeder Profiverein ein Nachwuchszentrum mit lizenzierten Anforderungen, definierten Budgets und hauptamtlichen Trainern zu unterhalten hat. Ich selbst habe in München davon profitiert. Das intensivere Training dieser Generation brachte eine Reihe konkurrenzfähiger Spieler hervor und trug maßgeblich zu späteren Erfolgen bei.
Infrastrukturell werden wir aber kaum noch drauflegen können, da sind wir nach wie vor top. Nun gilt es, inhaltlich nachzulegen. Es muss das universelle Erfolgsmodell umgesetzt werden.
