Was hätte die Jury denn machen sollen? Um Spannung konnte es ja nicht gehen bei diesem Deutschen Buchpreis, denn mit Shida Bazyars Roman „Die Lücken“ war ein zu perfektes Buch im Rennen, als dass die anderen fünf zuletzt verbliebenen Kandidaten eine reelle Chance hatten. Oder die anderen vierzehn von der Longlist. Oder die weiteren 160, die aus diesem Bücherjahrgang eingereicht worden waren. Wer heute in den Frankfurter Kaisersaal zur Preisverleihung kam, der wusste, mit welcher Preisträgerin es wieder herausgehen würde.
Maha El Hissy, die in den im Kaisersaal gezeigten Vorstellungsfilmchen der sechs Finalisten das resümierende Urteil der Jury für „Die Lücken“ übernommen hatte, nannte Bazyars Werk „ein Buch, das den Heimatroman neu definiert“. Sie hätte das gleiche auch auf den Zeitgeschichtsroman, den Einwandererroman, den Politroman oder gar den Schauerroman münzen können, es wäre jeweils richtig gewesen, was auch einiges über die Qualitäten des Siegertitels aussagt. Dass El Hissy ausgerechnet den Heimatroman als Kategorie wählte, bekam durch die spätere Danksagung von Shida Bazyar allerdings einen seltsamen Beigeschmack.
Ob El Hissy deshalb fürs Lob auf „Die Lücken“ ausgesucht worden war, weil ihr im Vorfeld der Preisverleihung Antisemitismus vorgeworfen worden war? Man mochte das als strategischen Kniff der Jury werten, denn wenn es ein Buch gibt, das in der deutschen Gegenwartsliteratur dem Antisemitismus die Stirn bietet, dann „Die Lücken“. Bazyar, in Hermeskeil geborene Tochter einer iranischen Einwandererfamilie, erinnerte denn auch in ihrem Dank für den Preis daran, dass die Zahl der antisemitischen Straftaten in Deutschland auf einem Höhepunkt stehe, „und die der rassistischen auch“. Auf dem Römerberg fand pünktlich zur Preisverleihung mit Blickrichtung auf den Kaisersaal eine Veranstaltung proisraelischer Demonstranten statt, die man aber nicht auf El Hissys Mitgliedschaft in der Jury beziehen musste. Es sprach für die Demonstranten, dass sie sich an Zahlen hielten, statt persönlich zu werden. Die Zahlen sind schlimm genug. Die Zeiten auch.

Im Kaisersaal indes versicherte sich eine Branche wieder einmal ihrer Einigkeit und Überzeugungen. Vor allem natürlich im Hinblick auf das „gute Buch“. Der deutsche Buchpreis sucht ja sogar das beste eines Jahres, und gerade weil die Spannung diesmal so gering war, konnten die Redner mit Verweis auf die sechs Finalisten gar nicht oft genug betonen, was für eine gelungene Auswahl die Jury getroffen habe. Dass alle dafür genannten Kriterien dann nur wieder dazu beitrugen, das Ergebnis absehbar zu machen, hätte man sich freilich auch überlegen können. Im Grunde war jedes Statement auf der Bühne ein weiteres Plädoyer für „Die Lücken“, ob von der Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig, dem Börsenvereins-Vorsteher Sebastian Guggolz oder der Juryvorsitzenden Cornelia Geißler.
Entsprechend klang der immense Jubel nach Bekanntgabe der Entscheidung weniger befreit als bestätigt. In Sachen Applaus konnte an diesem Abend tatsächlich jemand Shida Bazyar fast das Wasser reichen: der scheidende Buchmesse-Chef Juergen Boos. Der Saal feierte ihn für 21 Jahre Amtszeit, die so unerfreuliche Aspekte umfassten wie den Gastlandauftritt Chinas, die Corona-Pandemie oder die seit Jahren sinkenden Ausstellerzahlen. Trotzdem dürften in diese 21 Jahre auch die goldenen Zeiten der Messe gefallen sein, und Boos hat seinen Anteil daran gehabt. Eine Akklamation wie die für ihn hat es lange nicht mehr gegeben im Kaisersaal.
Shida Bazyar erinnerte an Heinz Kahn
Und trotzdem währte der Applaus nach Bekanntgabe des Siegerbuchs doch noch etwas länger, weitaus länger sogar, als die Siegerin brauchte, um auf die protzig golden dekorierte Bühne zu kommen und dort eine ganz und gar nicht protzige Dankesrede zu halten, die dann doch noch die Überraschung bereithielt, die der Wettbewerb selbst nicht geboten hatte. Für sie, so Bazyar nämlich, eigne sich der Moment nicht dafür, so richtig Freude zu empfinden, weil sie über Menschen geschrieben habe, die terrorisiert und ermordet wurden. Und Shida Bazyar erinnerte an Heinz Kahn, einen 1922 geborenen jüdischen Hermeskeiler, dessen Biographie in ihren Roman eingearbeitet ist, der im zu „Heimesbach“ fiktionalisierten Hermeskeil spielt. Kahn habe, als ihm im rheinland-pfälzischen Polch, wo er nach dem Überleben der Schoa seinen Wohnsitz genommen hatte, die Ehrenbürgerschaft verliehen wurde, gesagt: „Das bedeutet mir gar nichts. Mein Vater hat im Ersten Weltkrieg eine Menge Orden verliehen bekommen und wurde doch später umgebracht.“ Und Bazyar leitete über zu einer Bemerkung von Hannah Arendt über ihre Erfahrungen als Jüdin in Deutschland: „Das Problem war nicht, was unsere Feinde gemacht haben. Sondern was unsere Freunde gemacht haben.“
Shida Bazyar hat am Beispiel des ihr tiefvertrauten Herkunftsorts Hermeskeil jene Erfahrung nachvollziehen können, die viele andere Deutsche machen, wenn sie erfahren, dass ihre Vorfahren mit dabei waren im „Dritten Reich“. Der Begriff „Heimat“, so sagte sie, ergebe für sie deshalb nur noch Sinn in der Weise, wie ihn ihr Verlag, Kiepenheuer & Witsch, gebraucht habe, als man ihr vor zwölf Jahren, als sie dorthin kam, sagte: „Wir möchten Ihnen eine literarische Heimat bieten.“ Die hat sie gefunden, und seit heute genießt sie dauerhaften Heimvorteil. Aber nicht dank eines Heimatromans, wie vielfach behauptet, sondern dank eines unheimlichen Romans. Unheimlich verstörend, aber auch unheimlich gut.
