Im Jahr 2012 war ich auf der Frankfurter Buchmesse. Sie begann mit der Verleihung des Deutschen Buchpreises. Da mein Roman „Indigo“ in die Endauswahl gekommen war, fühlte ich mich außerordentlich wichtig und sprach mit allen Leuten, als gäbe ich eine Art unendliches Interview. Es muss sehr witzig ausgesehen haben.

Vor der Preisverleihung wurden wir zu einem Fototermin gebeten. Wenn ich mich recht erinnere, fehlten zwei der nominierten Autoren, Wolfgang Herrndorf und Ernst Augustin. Wir wurden gebeten, uns so hinzustellen und dann so, am Ende sagte man Danke, und wir durften wieder normal im Raum stehen. Kurz bevor wir in den Saal des Frankfurter Römers gelassen wurden, muss der Mann mich angesprochen haben. Mein Gedächtnis macht aus ihm einen der Fotografen, aber es kann gut sein, dass das ein nachträglicher Überblendungseffekt meiner Erinnerung ist. Jedenfalls war er klein, irgendwie massiv, mit Mütze auf dem Kopf. Er stand plötzlich neben mir, und Stephan Thome, einer der anderen nominierten Autoren, war eben in eine andere Richtung gegangen, und da sagte der Mann zu mir, er habe schon ein bisschen was gehört, von wegen Preisträger und so weiter. Sehe ganz gut aus. Ich verstand zuerst nicht, aber dann bestätigte er: Aus allem, was er so gehört habe, sei mein Roman das Gewinnerbuch. „Gratuliere.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Da ich, wie schon gesagt, an diesem Nachmittag – und, mein Gott, auch allgemein in diesen Jahren meines Lebens – hartnäckig von meiner eigenen Wichtigkeit überzeugt war, riss ich die Vorhersage des Fremden natürlich sofort innerlich an mich, hielt sie hoch, spulte sie immer wieder ab, berauschte mich an ihr, glaubte ihr und freute mich.
Dann kam die Preisverleihung, und Ursula Krechel gewann. Sie hielt eine sehr taktvolle, zurückhaltende Dankesrede. So etwas wäre mir nicht möglich gewesen, ich hätte zweifellos losgedröhnt, dass mein Roman diese und jene ungeheure Bedeutung besäße und ich diesen und jenen Menschen damit endlich eine Stimme verliehen hätte, die ihnen sonst fehlte, und so weiter.
„Na, was hab ich gesagt?“
Beim Essen hinterher sah ich dann den Mann wieder. Ja, da war er. Vielleicht suchte ich seinen Blick, vielleicht kam er auch von selbst nach einer Weile näher. Irgendwann stand er neben mir und rief, indem er mir einen fröhlichen Klaps auf den Arm gab: „Na, was hab ich gesagt?“
Einige Menschen würden seinen Satz vielleicht als paradox bezeichnen, als Prank, als Irrtum. „Aber er hatte es ja falsch vorhergesagt!“ Nein, nein. Das ist Unsinn. Er hatte genau das Richtige gesagt. Er war der gute Geist der Preisverleihung. Wie dem alten Ebenezer Scrooge wurde mir erst durch die Begegnung mit ihm klar, dass es in mir nicht so weitergehen sollte wie bisher. Mit der Klarheit eines Zen-Koans hatte mir sein widersprüchlicher Satz die absolute Wahrheit mitgeteilt: Du bist ein als Autor verkleidetes Eselchen. Verlass den Weg des Wichtigseins. Er führt zu keinen menschlichen Siedlungen.
Clemens J. Setz, in Graz geboren, studierte Mathematik und Germanistik und lebt heute mit seiner Frau und seiner Tochter als Übersetzer und freier Schriftsteller in Wien. Zuletzt wurde er mit dem Österreichischen Staatspreis 2026 ausgezeichnet. Im November erscheinen seine Essays „Die Fortführung der Poesie mit anderen Mitteln“ bei Suhrkamp.
