Bild- und Textchiffren über die erfolgreiche Handhabung von Waffen spielen seit alters her eine gewichtige Rolle in der politischen Kommunikation. Stets sollen Symbole gerinnen, Implikate der Beherrschung von wundersamen Raketen oder bemannter Raumfahrt zum Mond und Mars. Vor nicht allzu langer Zeit galt das Kalaschnikow-Gewehr in der emporgereckten Rechten als eindeutiges kommunistisches Siegessignet. Heute sind es Videos von IT-Profis, die Drohnen steuern. Jahrtausende zuvor diente die erfolgreich absolvierte Bespannung eines durchschlagskräftigen, aus Horn und Holz bestehenden Kompositbogens als überzeugendes Motiv.
Odysseus ist wieder daheim auf Ithaka. Die Magd Eurykleia erkannte ihn bei der Fußwaschung. Dann kommt es zum Showdown mit den Freiern um die Gemahlin Penelope, der Schlüsselszene des gesamten Epos. Im Palast als Zentrum der Macht findet der Bogenwettstreit am Tage des Apollonfests statt. Wer kennt nicht die Szene aus dem 21. Gesang des homerischen Epos? Der Clou der Auseinandersetzung blieb indes meist unbeleuchtet. Denn Literaturwissenschaftler übersahen oft, worum es erzählerisch geht: Nicht der Zielschuss durch die Ösen der zwölf Äxte steht im Zentrum – wenngleich Walter Burkert zu Recht darauf hingewiesen hat, dass hier eine seit der 18. Dynastie existierende ägyptisch-orientalische Bild- und Erzähltradition des pharaonischen Herrschaftsschusses durch metallene Platten Pate stand („Von Amenophis II. zur Bogenprobe des Odysseus“, Grazer Beiträge 1, 1973). Selbst der bedeutende Gräzist Uvo Hölscher erfasste in seinem viel beachteten Buch über die Odyssee (München 1984) in dem brillant überschriebenen Kapitel „Der Bogner“ den Kern der Sache nicht: „Niemand als Odysseus vermag den großen Bogen zu spannen“, schreibt er. Es geht aber weder um den Zielschuss noch die bloße Spannung des Bogens – beides ist falsch.
Das Einhängen der Sehne im Sitzen
Der epische Bericht liefert präzise die in der Sache prioritäre Handlung: Erst versucht sich Telemachos, der Sohn des Odysseus, an der Waffe (21,125 bis 129), dann folgen der Opferpriester Leiodes (21,150), schließlich der Reihe nach die Freier Antinoos (21,174), Eurymachos und weitere ungenannte aus der Horde (21,186 ff.). Und stets ist dabei von der Be-Spannung des Bogens die Rede, vom Einhängen der Sehne (entanúein) – schon bei der vorbereitenden Handlung sind alle gescheitert. Nur Odysseus nicht, denn er besaß Kraft und Kenntnis, wie der schwierige Vorgang zu bewältigen ist. Später, beim Besuch im Hades (Nekyia) kommt der ungleiche Agon in der Rückschau der Freier-Seelen noch einmal kurz zur Sprache (24,169 f.). In Wolfgang Schadewaldts Übersetzung: „Und keiner von uns vermochte die Sehne des mächtigen Bogens einzuhängen.“ Es liegt der Vorteil des Siegers im Agon tatsächlich im Wissen um die Technik des Bespannens.

Noch in aktuellen Handbüchern zum Bogensport werden die Techniken der Bespannung so skizziert: Dabei entspricht die „Druck-und-Zug-Methode“ dem Stemmen des Bogens gegen den Erdboden, die „Durchschritt-Methode“, welche die „die beste Hebelkraft bietet“, der Beugung der Waffe zwischen den Beinen und über die Schenkel. Odysseus wählte die dritte Variante, das Einhängen der Sehne im Sitzen (21,420).
Früheste Belege aus mittelägyptischen Felsengräbern
Der Logos des Bogenbespanners als Herrschaftsparameter wird, ist man einmal darauf aufmerksam geworden, durch textliche Tradition gestützt. In einer panegyrischen Roman-Poesie am Pharaonenhof des Sesostris I. in der frühen 12. Dynastie (1971 bis 1926 vor Christus) heißt es vom Lebensweg und den Leistungen des Helden Sinuhe: „Nachts bespannte ich meinen Bogen, ordnete meine Pfeile, schärfte meinen Dolch und brachte meine (übrigen) Waffen in Ordnung“ (übersetzt von Erik Hornung). Spuren des Motivs gibt es auch im Alten Testament.

Angesichts der prägenden Bildhaftigkeit überrascht es kaum, dass zudem eine ikonographische Überlieferung existiert, die freilich noch nicht systematisch aufgearbeitet ist. Erste Belege stammen aus den mittelägyptischen Felsengräbern von Beni Hasan (frühes zweites Jahrtausend vor Christus), alle Varianten der Bespannung kommen auf den Malereien dort vor, sogar ein „Sehnenprüfer“, meist ausgeführt von dunkelhäutigen Nubiern. Ein neuassyrisches Relief aus dem nördlichen Königspalast des Ashurbanipal, der von 668 bis 631 in Ninive regierte, zeigt ebenfalls die Bogenbespannung, im lokalen Hotspot der Macht.
In der griechischen Kunst klassischer Zeit wird die Fertigkeit im Bild oft Amazonen und Orientalen bescheinigt, gern im Tondo-Innenbild von Trinkschalen. Selbstredend muss auch der nationale Heros Herakles damit ausgestattet sein, so etwa auf einer schönen Silbermünze von Theben. Ein qualitätvoller Elektron-Goldbecher aus einem graeco-skythischen Kurgan nahe Kertsch auf der Krim-Halbinsel zeigt erneut das Motiv – wobei das mit den anderen Szenen des Bechers mit guten Gründen auf die von Herodot referierte Gründungslegende der Skythen bezogen wird. Der vorläufige Endpunkt ist vermutlich die Bronzestatue des Berliner Bildhauers Nikolaus Friedrich, die 1904 vor der Nationalgalerie aufgestellt wurde.
Die Analyse des Motivs lehrt: Es handelt sich um eine Ethnien und Kulturen übergreifende orientalisch-antike Erzähltradition in Text und Bild über Jahrtausende, die bis in die Neuzeit reicht. Übrigens: In Christopher Nolans Film ist die Bogenbespannung korrekt in Szene gesetzt (es gab wohl professionelle Berater). Leider sind die entscheidenden Bildsequenzen so angeschnitten, dass man dies nur mit Mühe erkennen kann, wenn man nicht schon die Pointe kennt.
