
Er hätte sinken können, die Wassersäule hinab, bis zum Grund der Nordsee. Für die Bewohner dieser Tiefen wäre er so auf Jahre zur Nahrungsquelle geworden, und für so manchen Bewohner des nahe gelegenen Deutschlands zum Beweis: dass man der miesepetrigen Wissenschaft nicht glauben sollte, sondern lieber von Fachkenntnis unbefleckten Menschen, die einem gestrandeten Wal die Hand auflegen und erklären, seinen Lebenswillen zu spüren. Das Meer hätte das große Tier einfach geschluckt und nichts die Menschen da oben daran gehindert, an der Geschichte von der wunderbaren Walrettung festzuhalten.
Doch die See hat einen Kadaver freigegeben, hat ihn, bevor die Auftrieb gebenden Gase aus dem aufgeblähten Körper wichen, in das flache Gewässer vor einer dänischen Insel gespült, wo sich alle Blicke auf ihn richten konnten. Diejenigen, die jede Regung des noch lebenden Buckelwals passend zu ihrer Erzählung deuteten, an die sie so dringend glauben wollten – Er spürt die Hilfe! Er macht mit! Er winkt mit der Fluke! –, könnten sich jetzt folgender Botschaft des Meeres zuwenden: Ihr Menschen habt euch die Natur mal wieder passend gemacht, zum Gefäß eurer süßlichen Träume. Verständlich, so müsst ihr euch nicht mit dem beschäftigen, was ihr tatsächlich in den Meeren anrichtet, nicht mit den Schleppnetzen, in denen Wale zu Tausenden sterben, von denen keiner „Timmy“ getauft wurde.
Ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz
Dass der so bezeichnete Wal wohl gleich ertrank, nachdem er unter ungeklärten Umständen aus dem Schwimmcontainer befördert wurde, in dem er in die Nordsee geschleppt worden war und den er wohl aus Schwäche stundenlang nicht verließ, mag einen gnädigeren Tod bedeutet haben als das langsame Sterben auf einer Sandbank. Das ist das einzig Gute, das sich über die Rettungsaktion sagen lässt, die keine war, sondern eine Vergrößerung des Leidens durch Lärm und Stress. Sie verstieß darum gegen das Tierschutzgesetz, das verbietet, einem Tier ohne vernünftigen Grund ebensolches Leid zuzufügen.
Die Sehnsucht nach einem Happy End nach Menschenart ist kein vernünftiger Grund, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass es eintrifft, gegen null geht. Wahrscheinlich ist jedoch, dass trotz des Körpers, der nun in dänischen Gewässern dümpelt und an dem sich sogar ablesen lässt, dass der Tod schon vor Tagen eintrat – also vermutlich, sobald der Buckelwal die Kraft hätte aufbringen müssen, zum Atmen an die Wasseroberfläche zu schwimmen –, die Walrettungsträumer an ihrer Geschichte festhalten. Der Wal habe seine Chance nicht nutzen können, sagte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Backhaus.
Er konnte sie nicht nutzen, weil er nie eine hatte, was Walexperten, als ihre Stimme noch etwas galt, in Gutachten und Mitteilungen begründeten: Das wiederholte Stranden, der Druck des Leibs auf die Organe, die angegriffene Haut, das Stellnetzseil im Maul, all das summiere sich zu gravierenden und, wie nun bewiesen ist, in der Tat irreversiblen Gesundheitsproblemen.
Umweltminister Backhaus ließ es geschehen
Der Wunsch nach einem guten Ausgang ist vor allem dann kein vernünftiger Grund für Tierleid, wenn es durch Unkenntnis und Unprofessionalität erzeugt wird. Der Hoffnungsfunke, gegen den sich kaum wehren konnte, wer das Wal-Drama verfolgte, überstrahlte den eigentlichen Skandal: dass die sich plötzlich ins Bild schiebenden millionenschweren Geldgeber für einen Wal-Transport nicht in der Lage waren, eine zumindest im Ansatz seriöse Umsetzung ihres Projekts zu gewährleisten. Ahnungsloser Aktivismus mit wahlweise wissenschaftsfeindlicher, esoterischer und rechtsradikaler Schlagseite stürzte die Aktion ins Chaos – und Umweltminister Backhaus ließ es geschehen.
Es ist aufschlussreich, dass sich in diesen Tagen ein Film umgehend an die Spitze der deutschen Netflix-Charts setzte, dessen Erzähler ein Oktopus ist. Empathisch und mit der liebenswerten Herablassung eines sich zu Recht für sehr intelligent haltenden Wesens kommentiert er die Menschenwelt, die vor seinem Aquarium auftaucht. Dieser Marcellus hat, bis auf seine CGI-erzeugte wirklichkeitsnahe Erscheinung, mit einer echten Krake so viel zu tun wie die walrettende Kleintierärztin aus Hattersheim zuvor mit Buckelwalen. Doch „Das Glück hat acht Arme“ bringt Natur so in die Wohnzimmer, wie wir sie am liebsten mögen: als Phantasie.
