Eine Katastrophenmeldung zu Sudan jagt die nächste. Dort herrsche die „größte Vertreibungskrise weltweit“, mahnte eine Hilfsorganisation vor wenigen Tagen mit Blick auf etwa zwölf Millionen Flüchtlinge im In- und Ausland. Von der „größten Hungerkrise weltweit“ spricht das Welternährungsprogramm. Knapp 20 Millionen Menschen in Sudan litten unter „akuter Ernährungsunsicherheit“. Das sind fast 40 Prozent der Bevölkerung. Für manche Gebiete wurde eine Hungersnot erklärt.
An der Situation ändern die Warnrufe nichts. Seit drei Jahren wütet ein erbarmungslos ausgetragener Konflikt in dem ostafrikanischen Flächenstaat, und ein Ende ist nicht absehbar. Mitte April, als der Kriegsausbruch sich jährte, stand Sudan wieder für einige Tage im Licht der weltweiten Aufmerksamkeit. In Berlin fand eine Konferenz statt. Sie endete mit Hilfszusagen von eineinhalb Milliarden Euro. Aber einen Weg aus dem Konflikt konnte das Treffen nicht aufzeigen. Zumal keine der beiden Kriegsparteien eingeladen worden war, weder die sudanesische Armee (SAF) noch die „Schnellen Unterstützungskräfte“ (RSF).
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Im Gazakrieg, wo es ebenfalls Hungersnot-Berichte und Völkermord-Vorwürfe gab, wurde durch starken internationalen Druck nach zwei Jahren eine Waffenruhe erreicht. Auch wenn sie immer wieder verletzt wird, hat zumindest das massenhafte Sterben vorerst geendet. Mehr als 72.000 Palästinenser sollen im Kriegsverlauf getötet worden sein. Zu Sudan existiert keine belastbare Zahl, aber Schätzungen gehen von deutlich mehr als 150.000 Toten aus. Es gibt Berichte über Massaker und die systematische Anwendung von Folter und sexueller Gewalt.
Sudan liegt anders als der Nahe Osten aber nicht im Brennpunkt der globalen Aufmerksamkeit. Viele Schauplätze des dortigen Krieges sind zudem derart abgelegen und abgeschnitten, dass man manchmal erst Tage oder Wochen später von Gräueltaten erfährt – wenn überhaupt. Hinzu kommt, dass der Konflikt in Sudan die Menschen im Westen weniger direkt betrifft. Die immensen Flüchtlingsströme erreichen – und überfordern – bislang vor allem die Nachbarländer.
Der wichtigste Grund dafür, dass der Krieg kein Ende findet, ist aber nicht mangelnde Empathie oder fehlendes Eigeninteresse des Westens. Das liegt an zwei anderen, miteinander verbundenen Faktoren.
Zum einen verfügen traditionelle Führungsnationen wie die Vereinigten Staaten offenbar nicht mehr über genügend Durchsetzungsfähigkeit. Die Regierung des amerikanischen Präsidenten Donald Trump versucht zwar, eine Deeskalation zu erreichen. Aber sein Berater Massad Boulos rennt immer wieder gegen Mauern. Zum anderen hat der Krieg sich von einem Machtkampf zweier Fraktionen des Militärs zu einem regionalen Konflikt ausgeweitet. Zahlreiche Länder Nordostafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens sind inzwischen in ihn verstrickt – und halten ihn am Leben.
Immer wieder wird auf die Emirate gezeigt
„Der Krieg in Sudan ist ein Beispiel dafür, wie autokratische Mittelmächte agieren, wenn sie meinen, sich nicht mehr um internationale Regeln kümmern zu müssen“, sagt Theodore Murphy, ein amerikanisch-kanadischer Sudan-Fachmann. Diese Mittelmächte versuchten, in einer Zeit des globalen Umbruchs ihre eigenen Einflussmöglichkeiten und Einflussräume auszudehnen. „Es gibt keinen Weltpolizisten, der sie dafür zur Rechenschaft ziehen würde.“

Vor allem ein Land wird immer wieder genannt, wenn es um die Einmischung äußerer Mächte in den Sudankrieg geht: die Vereinigten Arabischen Emirate. Der Golfstaat gilt als der wichtigste Unterstützer der RSF-Miliz, auch wenn er selbst das bestreitet. Nach Einschätzung von Fachleuten unterstützt die Regierung in Abu Dhabi die parlamentarische Truppe militärisch und logistisch, wenn teils auch indirekt.
Die Emirate sind aber nur der prominenteste einer Reihe von Akteuren, die den Krieg befeuern. Sie teilen sich in zwei Blöcke auf.
Zu den Unterstützern der RSF gehört neben den Emiraten etwa Äthiopien. Im Westen des Landes, in einem abgelegenen Gebiet nahe dem Dreiländereck mit Sudan und Südsudan, ist Medienberichten zufolge im Laufe des vergangenen Jahres ein geheimes Militärlager errichtet worden. Dort sollen Tausende RSF-Kämpfer ausgebildet worden sein. Finanziert wurde dies den Berichten zufolge wiederum von den Emiraten, die eng mit Äthiopien verbündet sind. Auch aus Libyen, Tschad und Kenia erhalten die RSF auf die eine oder andere Weise Unterstützung. Sogar kolumbianische Söldner sollen für die Miliz kämpfen.
Auch Iran steht im Verdacht, der SAF zu helfen
Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die der sudanesischen Armee und der von ihr kontrollierten Regierung in Port Sudan Unterstützung gewähren. Zu ihnen zählen Ägypten, Saudi-Arabien, die Türkei und Eritrea. Auch Iran steht im Verdacht, der SAF Militärhilfe geleistet zu haben.

Die ausländischen Förderer halten den Krieg am Leben – sei es durch Waffenlieferungen, sei es, indem sie Nachschubwege eröffnen und damit das 2004 verhängte Waffenembargo des UN-Sicherheitsrats unterlaufen, sei es durch politische Rückendeckung. Entscheidend ist dabei weniger, wie viele Länder hinter dieser oder jener Kriegspartei stehen. Wichtiger ist, welche militärischen Fähigkeiten sie zur Verfügung stellen können.
Dabei spielen unbemannte Luftfahrzeuge eine immer wichtigere Rolle. Aufseiten der RSF-Miliz sollen moderne chinesische Drohnen im Einsatz sein, aufseiten der sudanesischen Armee türkische und iranische. Die Beteiligung der Nachbarländer zeigt sich hierbei besonders deutlich – und auch, dass diese immer direkter in den Krieg eingreifen.
So legen Luftaufnahmen nahe, dass einige Dutzend Kilometer südlich der Militärbasis im Westen Äthiopiens, auf einem kleinen Flughafen, eine Drohnenbasis errichtet wurde. Auch andere äthiopische Flughäfen dienen angeblich als Basen für Drohnenangriffe in Sudan. Die SAF beschuldigten Äthiopien und die Emirate kürzlich, sie stünden hinter einem Angriff auf den Flughafen von Khartum Anfang Mai – nur wenige Tage nach dessen Wiedereröffnung für den internationalen Luftverkehr. Äthiopien und die Vereinigten Arabischen Emirate wiesen die Vorwürfe zurück.
Satellitenbilder zeigen türkische Kampfdrohnen in der Sahara
Umgekehrt zeigen Satellitenbilder laut Einschätzung von Fachleuten, dass seit einigen Monaten türkische Kampfdrohnen auf einem Flughafen in der Sahara im Südwesten Ägyptens stationiert sind. Er liegt wenige Hundert Kilometer von Sudan entfernt – genauer gesagt, von dem Gebiet, über das die RSF mutmaßlich Nachschub aus dem Südosten Libyens erhalten.

Die beteiligten Länder dementieren in der Regel, dass sie auf diese Art immer stärker in den Krieg in Sudan eingreifen. Festhalten lässt sich, dass die Angriffe mit Drohnen in den vergangenen Monaten stark zugenommen haben – und dass sie nicht nur militärische Ziele treffen. Ein Sprecher von Volker Türk, dem UN-Hochkommissar für Menschenrechte, teilte Mitte Mai mit, dass zwischen Januar und April mindestens 880 Zivilisten durch Drohnenangriffe getötet worden seien. „Bewaffnete Drohnen sind mittlerweile mit Abstand die häufigste Ursache für zivile Todesopfer“, sagte er. Sie hätten mehr als 80 Prozent aller dokumentierten zivilen Todesfälle verursacht. Die amerikanische Datenanalyse-Organisation „Armed Conflict Location & Event Data“ hat errechnet, dass schon im Jahr 2025 die Zahl der Drohnenopfer um 600 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugenommen habe.
Im laufenden Jahr wurden die meisten Drohnenopfer in der südlichen Großregion Kordofan verzeichnet. Dort konzentrieren sich zurzeit die Kämpfe zwischen den Kriegsparteien. Während der Osten Sudans von den SAF kontrolliert wird, sind die RSF vor allem im Westen dominant. Der Süden ist umkämpft. Jüngst eroberten die SAF dort eine Reihe von Gebieten zurück, die zuvor von der RSF-Miliz eingenommen worden waren. Insgesamt hat die militärische Balance sich zuletzt aber nicht maßgeblich verändert. Die äußere Unterstützung beider Kriegsparteien hat anscheinend vorerst zu einem Patt geführt – allerdings einem äußerst blutigen.
Eine wichtige militärische Entwicklung hatte es Ende vergangenen Jahres gegeben, als die RSF die westliche Region Darfur vollständig unter ihre Kontrolle brachten. Die letzte Hochburg der sudanesischen Armee dort, die Stadt Al-Faschir, fiel Ende Oktober nach einer mehr als 500 Tage langen Belagerung. Die Einnahme der Stadt, in der sich Hunderttausende Menschen aufhielten, ging mit systematischen Massakern einher. Eine von den Vereinten Nationen eingesetzte Untersuchungsmission sprach im Februar von „Anzeichen eines Völkermords“.
Macht die internationale Gemeinschaft sich moralisch mitschuldig?
Die Einnahme von Al-Faschir habe deutlich gemacht, in welchem Ausmaß die Emirate über Nachbarländer die RSF-Miliz unterstützten, sagt Ilham Ahmed, die sudanesische Botschafterin in Deutschland. Die RSF hätten moderne Störsysteme, strategische Drohnen und schwere Artillerie eingesetzt – Material, über das sie nicht selbst verfügt hätten. Erst die Unterstützung durch die Emirate habe die Miliz in eine „schwer bewaffnete Kriegsmaschine verwandelt“, sagt die Botschafterin. Sie fordert von Deutschland und anderen Ländern „entschlossene Maßnahmen“, um Gräueltaten zu beenden und die Unterstützung von außen zu unterbinden. Solange das nicht geschehe, „läuft die internationale Gemeinschaft Gefahr, sich moralisch mitschuldig am anhaltenden Leid der sudanesischen Bevölkerung zu machen“.

Offiziell dementieren die Emirate ihre Unterstützung für die RSF weiter. Hinter verschlossenen Türen verweisen Vertreter Abu Dhabis dagegen vor allem darauf, dass die Gegenseite doch ebenso aus dem Ausland Hilfe erhalte.
Die beträchtliche Unterstützung, welche die Kriegsparteien erhalten, hat dazu geführt, dass ihre Bereitschaft gesunken ist, einen Ausgleich zu finden. Die SAF beziehungsweise die sudanesische Regierung fordert einen Rückzug der RSF aus allen Gebieten, die diese im Kriegsverlauf erobert haben, und ein Ende der emiratischen Einmischung. Die RSF wiederum erheben inzwischen selbst den Anspruch, das Land zu regieren, und haben eine Gegenregierung eingesetzt.
Der mangelnde Wille, Kompromisse einzugehen, spiegelt sich auf der Ebene der Förderer der Kriegsparteien. Dass Saudi-Arabien sich in letzter Zeit verstärkt in den Krieg einmischt, hat diese Situation sogar noch verstärkt. Denn das Königreich und die Emirate stehen zunehmend in Konkurrenz miteinander. Diese Rivalität wird an mehreren Schauplätzen ausgetragen – inzwischen auch in Sudan. So wird das dortige Kriegsgeschehen immer stärker durch Interessen angetrieben, die im Grunde nicht viel mit den Verhältnissen vor Ort zu tun haben. Der Krieg in Sudan habe sich „in gewisser Weise verselbständigt“, wie der Sudan-Analyst Murphy sagt.
Solche regionalen Rivalitäten erschweren auch die Arbeit von internationalen Vermittlern. Die versuchen ohnehin seit geraumer Zeit nur noch, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu erreichen, eine humanitäre Waffenruhe. Um eine politische Vision für den „Tag danach“ geht es nicht einmal. Solange sich das nicht ändert, wird Sudan ein Spielball zahlreicher Interessen bleiben.
