
Jahrhundertelang gab es in Deutschland eine fest verankerte Pflicht: Ein Verstorbener muss auf einem Friedhof beigesetzt werden. Da waren die deutschen Bestattungsgesetze nahezu einheitlich, egal ob jemand klassisch in einem Sarg erdbestattet oder später auch in einer Feuerbestattung eingeäschert wurde.
Da jedes Bundesland seine eigenen Gesetze hat, gab es allerdings schon einige Ausnahmen von der Pflicht, was auch einer sich ändernden Bestattungskultur geschuldet war. Im November 2001 öffnete bei Kassel etwa der Friedwald Reinhardswald als erster Bestattungswald Deutschlands, es war ein Pilotprojekt für Naturbestattungen.
Inzwischen lassen sich immer weniger Menschen noch klassisch kirchlich in einem Sarg auf einem Friedhof bestatten. 2022 fiel der Anteil erstmals unter die 50-Prozent-Marke. Jeder Zweite in Deutschland kann sich schon eine Baumbestattung vorstellen, mehr als 100 Bestattungswälder gibt es mittlerweile, sehr zum Verdruss der Kirchen, die es beklagen, dass Trauer zunehmend privatisiert werde und die Toten und ihre herkömmlichen Bestattungsorte zunehmend nicht mehr sichtbar seien.
Die Urne wird zum Designobjekt
Im Herbst ging Rheinland-Pfalz noch einen drastischen Schritt weiter: Ein neues Bestattungsgesetz ermöglicht nun den Hinterbliebenen, die Asche des Toten im eigenen Garten zu verstreuen, aus ihr einen synthetischen Diamanten anzufertigen oder sich die Asche in einer Urne zu Hause ins Regal zu stellen.
Der Sarg (in Rheinland-Pfalz reicht für die Bestattung auch nur ein Tuch) hat ausgedient. Das letzte Gefäß, das für einen Menschen Bedeutung hat, ist nun unbestreitbar die Urne. Und da sie nicht mehr nur in der Erde oder im Meer versenkt wird, rückt sie zunehmend ins Blickfeld von Künstlern und Designern.
Holz, Stein, Metall sind die Materialien der ersten Wahl, wenn es um etwas Bleibendes geht, in dem die Überreste eines geliebten Menschen im trauten Umfeld überdauern sollen. Donata Oppermann hingegen bleibt ihrem angestammten Werkstoff treu: dem Papier. Aus ihm formt die Künstlerin aus der Oberpfalz schon seit vielen Jahren dreidimensionale Objekte und Rauminstallationen. Dafür spinnt sie zunächst mit einer Handspindel Zeitungspapier zu langen Schnüren und näht sie dann mit der Maschine zusammen – neuerdings auch zu Urnen, die als Gefäß aus einem bedruckten Stoff eine Verbindung herstellen zu der geschehenen, der gelebten Zeit des Verstorbenen, niedergeschrieben auf Zeitungsseiten, die Oppermann, Jahrgang 1967, verwendet.
„Der Gedanke, dass gelebte, auf Papier geschriebene Zeitgeschichte in einem anderen Zusammenhang weiterlebt, hat mich besonders eingenommen und zu diesem Projekt inspiriert“, sagt die Künstlerin über ihre Urnen, die kaum 200 Gramm wiegen. Dass sie nicht unbedingt nur für den Kaminsims gemacht sind, zeigt schon das Ablassband. Ihr Werk ist dazu da, in der Erde versenkt zu werden. Der Vorteil von Papier: Es ist biologisch abbaubar. Damit entspricht es den strengen Regeln in einem Friedwald, wo die Grabruhe überwiegend durch die Natur geregelt wird.
