
Als schwach leuchtender Stern in einem „Sternbild“, einer intellektuellen Konstellation, gleichwohl als deren geheimes Zentrum, so wurde der Philosoph Jean Hyppolite einmal gewürdigt, als „intellectuel-constellation“, auf Deutsch vielleicht: Konstellationsintellektueller. Die stärker leuchtenden Sterne waren Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Maurice Merleau-Ponty und dann unter seinen Schülern Michel Foucault, Gilles Deleuze, Louis Althusser und Jacques Derrida. Allerdings ist das Sprachbild auch so zu verstehen: nicht allein in der Konstellation sichtbar, sondern vor allem darin wirksam und sein Werk bildend.
Hyppolite war eine Vermittlerfigur im französischen Geistesleben nach 1945, Freund Merleau-Pontys, Kollege Georges Canguilhems, Direktor der École Normale Supérieure, an der neu entstehenden Kybernetik, an Linguistik und Strukturalismus interessiert, an der Vermittlung der Philosophie im neuen Massenmedium Fernsehen aktiv beteiligt, begnadeter Philosophielehrer von Deleuze und Foucault neben anderen und zuletzt bis zu seinem plötzlichen Tod 1968 Inhaber eines philosophischen Lehrstuhls am Collège de France, den dann Foucault übernehmen sollte.
Ausgewählte Aufsätze bei Meiner
Es hieß, er habe kein eigenes philosophisches Werk hinterlassen, sondern sei in seiner Rolle als Anreger, Lehrer, Vorläufer, Fürsprecher, Vermittler, als Übersetzer und Interpret Hegels aufgegangen. Dessen „Phänomenologie des Geistes“ übersetzte er ins Französische. Nur zwei Hauptwerke schrieb er: seinen Kommentar zu dieser mit dem Titel „Genèse et structure de la Phénoménologie de l’Esprit de Hegel“ (1946) sowie „Logique et existence. Essai sur la logique de Hegel“ (1953); dazu eine Vielzahl von Aufsätzen, die 1971 postum unter dem Titel „Figures de la pensée philosophique“ in zwei Bänden veröffentlicht wurden. Eine Auswahl von frühen Texten („Études sur Marx et Hegel“, 1955) ist gerade ins Deutsche übersetzt worden („Studien zu Marx und Hegel“, Meiner Verlag).
Hyppolite weigerte sich, Hegels Philosophie strikt anthropozentrisch zu interpretieren und das Absolute im Subjekt, im Menschen aufgehen zu lassen. Die gleiche Distanz wie zu den marxologischen Interpretationen Hegels hielt er auch zu den christologischen. Er bot eine eigene „nüchterne“, wie Canguilhem formulierte, Hegelinterpretation zwischen diesen beiden Strömungen, die in den Fünfzigerjahren in Frankreich die Diskussion bestimmten. Unter den an Marx orientierten Deutungen ist vor allem die von Alexandre Kojève berühmt geworden.
Diesen marxistischen Interpretationen kam Hyppolite sehr weit entgegen, war aber dagegen, das Bewusstsein vom ökonomisch verstandenen Sein herzuleiten entsprechend dem Satz, das Sein bestimme das Bewusstsein. Er sah das „Bewusstwerden“ nicht als „passive Reflexion eines Zustandes“, sondern als „das einzige Mittel, das Vorhandensein eines dialektischen Widerspruchs festzustellen und seine Auflösung zu verlangen“.
Das Abenteuer des Menschen
Man kann zwar an die Stelle des Selbstbewusstseins bei Hegel den Menschen setzen und die „Phänomenologie des Geistes“ als Menschwerdung des Menschen als eines gesellschaftlichen und Gattungswesens lesen, wie Marx es tat. Für Hyppolite gehen dabei jedoch die Negativität des Subjekts, erst recht die doppelte Negativität (Aufhebung der Negation durch Negation) und der Sinn verloren. „Denn das Abenteuer des Menschen ist auch ein Abenteuer des Seins, ein spekulatives Abenteuer durch den Menschen und sein Selbstbewusstsein hindurch, ein Abenteuer des Seins als Sinn des Seins.“ Die Negativität lässt sich nicht endgültig oder restlos überwinden, im Gegenteil, selbst der „Sinn des Sinns“, das Absolute, kommt nicht ohne Negativität aus, da es nicht als in sich ruhend, sondern in Bewegung zu denken ist.
Ein Band zu Hyppolites Ehren war betitelt: „Zwischen Struktur und Existenz“. Das bezeichnet ziemlich genau die Mitte und Mittlerposition, die er historisch einnahm. Existenz, denn es waren die beginnenden Fünfzigerjahre, die Zeit des Existenzialismus, als Merleau-Ponty seinen Text über den Existenzialismus Hegels schrieb und Hyppolite selbst den Existenzbegriff zu Hilfe nahm, um Hegel zu verstehen. Aber es sind auch die Jahre, in denen der Strukturgedanke aufkam und die auf den Strukturalismus vorweisen: Merleau-Ponty hatte schon 1945 „La structure du comportement“ geschrieben; Claude Lévi-Strauss begann in seinen ethnologischen Arbeiten mit dem Strukturbegriff zu arbeiten und Hyppolite selbst untersuchte die „Struktur“ von Hegels Phänomenologie.
Eine (von Alain Badiou überlieferte) Legende lief um, wonach Hyppolite nachts nie länger als drei Stunden schlief. „Er las pausenlos, er dachte nach, machte Notizen […]. Viele seiner Vorträge begann er mit der Bemerkung, dass er die ganze Nacht darüber nachgedacht habe. Er holte einen Stapel Notizen heraus, die auf einen Vortrag von mehreren Stunden hindeuteten, und rührte sie dann nicht mehr an, er machte etwas anderes.“
Er liebte den Vers Paul Valérys: „Mais rendre la lumière suppose d’ombre une morne moitié“, von Rilke übersetzt mit: „Doch wer schenkte Helle, der sie als Hälfte nicht vom Schatten trennt!“
