Kurz nach acht Uhr morgens am Gleis 18 des Frankfurter Hauptbahnhofs. Verstrickt in Gespräche wartet eine Reisegruppe darauf, in den ICE nach Berlin zu steigen. Ein Mann mit Rucksack und Rollkoffer bleibt stehen, mustert die Wartenden. „Auch ein Smart Rebel oder ein Normalreisender“, fragt eine Frau, bevor der Mann der Verwirrung in seinem Gesicht Ausdruck verleihen kann. „Normalreisender“, entgegnet er irritiert. Was es mit diesen Smart Rebels auf sich habe, will er dennoch erfahren.
Die „Smart Rebels“ sind eine Gruppe, die für sich selbst in Anspruch nimmt, „Dialogräume zu schaffen, die es so noch nie gegeben hat“. Das Ziel: Menschen, die selten miteinander sprechen, an einen Tisch bringen, um daraus Ideen zu entwickeln. Unter dem wenig bescheidenen Titel „Der Zug der Demokratie fährt ins Epizentrum der Macht“ sollen an Bord des ICE an diesem Tag junge Menschen auf 20 sogenannte Entscheider treffen, um Fragen zu stellen, die sie wirklich bewegen. Schirmherr der Aktion ist Ministerpräsident Boris Rhein (CDU). Für sie wurde ein kompletter Wagen der ersten Klasse reserviert und zum rollenden Club umfunktioniert. Denn zum Konzept gehört eine Mischung aus Paneldiskussionen und Entertainment. Kann das funktionieren?

Um 8.36 Uhr verlässt der Zug den Frankfurter Hauptbahnhof. Im Wagen der ersten Klasse ist Musik zu hören, auf einem Tisch eines Viererabteils ist ein DJ-Set aufgebaut. Zuvor mussten die Veranstalter „Normalreisende“ bitten, den Wagen zu verlassen. Da wegen einer Fahrplanänderung ein anderer Zug eingesetzt wurde, sitzen zunächst noch normale Fahrgäste auf den reservierten Plätzen. Sie haben offenbar nicht bemerkt, dass der Wagen für eine Reisegruppe gebucht ist, die auf den ersten Blick nicht zueinander passen mag. Die einen sehen aus, als könnten sie auf dem Weg zu einem Geschäftstermin sein, die anderen, als warte in Berlin ein Nachtclub auf sie. Einige haben schon viel Lebenserfahrung im Gepäck, anderen stehen noch am Beginn ihres Berufslebens.
Dass diese Fahrt alles, nur keine Ruhe verspricht, ist schnell klar. Eine Frau verlässt das Abteil, bevor sie angesprochen wird: „Dafür zahle ich doch nicht erste Klasse, um mit Musik beschallt zu werden.“ Die Laune der Gruppe bleibt trotz des holprigen Starts gut. Noch vor dem ersten Kaffee wird zwischen den Sitzreihen zu Strandbar-Musik getanzt, Discolichter flackern an der Zugdecke, Selfies werden geschossen.
Linkedin-Profile werden ausgetauscht, es wird sich geduzt
Um 8.44 Uhr zücken viele der Reisenden, die hier nur „Rebels“ genannt werden, aber gar nicht so rebellisch aussehen, ihre Handys. Den Mann, den sie filmen, ist der, der für die Fahrt heute verantwortlich ist: Unternehmer Bernd Breiter. Er spricht von „positiven Irritationen“, mit denen es gelingen soll, Denkmuster aufzubrechen. Die Gesellschaft habe „kein Wissensproblem, sondern ein Narrativproblem“, sagt er. Dabei könnten Ideen, „die vielleicht crazy wirken, das sein, was die Gesellschaft braucht“.
Breiter nutzt viele Anglizismen, spricht von der „young and old generation“, „experiences“ und immer wieder von den „unglaublichen Persönlichkeiten“, die in diesem Zug zusammengekommen seien. Jeder, der hier Platz genommen habe, solle auf der kurzen Fahrt nach Berlin „keine deutsche Handtuchkultur“ einnehmen, sondern mit Fremden ins Gespräch kommen und dadurch den Horizont erweitern. Er legt das Mikrofon zur Seite, die Musik läuft weiter.

Moderatorin Anastasia Barner unterbricht die gute Stimmung. „Schließlich geht es nicht nur darum, Party zu machen, sondern auch darum, etwas zu lernen.“ Das erste Panel steht an. Mehrere der sogenannten Entscheider, darunter Hirnforscher Wolf Singer, widmen sich der Frage „Wem gehört die Demokratie“. Während die Moderatorin Singer noch vorstellt, machen Teilnehmer unbeirrt Gruppenselfies. Schließlich hat ein Event nur stattgefunden, wenn es auch mit dem Smartphone festgehalten wird. „Genug Selfies, jetzt ist Zeit für Politik und Wirtschaft“, ermahnt Barner die Gruppe. Alle müssen sich hinsetzen. Eine Situation, die an die Schule erinnert. Während das Panel spricht, hören einige zu, andere schauen gedankenversunken auf ihre Handys, bearbeiten die Videos, die sie gerade eben erst aufgenommen haben. Die ersten Mitschnitte des DJ-Auftritts landen schon in den Instagram-Storys.
Während der Zug Richtung Berlin fährt, finden immer wieder neue Gesprächspaare zusammen. Linkedin-Profile werden ausgetauscht, alle sprechen sich mit Vornamen an. Zwei der Mitreisenden, Anna Ritter und Tim Lunau, sind angetan. „Solche Formate fehlen sonst“, sagt Ritter, die als selbständige Social Media Managerin arbeitet. Veranstaltung wie diese können auch Lunaus Worten zufolge helfen, dass andere Meinungen als die eigene gehört und diskutiert werden. Der Student ist auch bei einer Meeresstiftung aktiv. Während er als Panelteilnehmer eingeladen wurde, ist Ritter über die sozialen Medien auf die Zugfahrt aufmerksam geworden.
„Es braucht immer einen, der vorangeht“
Genauso ist es auch Julian Martin ergangen. Martin arbeitet für ein Pharmaunternehmen und sitzt für die FDP im Ortsausschuss. Natürlich sei die Zugfahrt eher als Event zu sehen, aber vielleicht könne sie ein „Startschuss sein, junge Menschen zu mobilisieren“, sagt der 25 Jahre alte Dreieichenhainer. Über ein Formular hat er Name, Alter und Beruf angegeben. Die Zusage für die Fahrt hat er, wie die meisten Mitreisenden, erst kurzfristig wenige Tage vor der Abfahrt erhalten.
Einer der „Entscheiderinnen“ ist Ann Kathrin Linsenhoff (CDU). Die Olympiasiegerin und Sportbeauftragte des Landes Hessen ist begeistert von der Aktion, tanzt vor dem DJ-Pult und diskutiert bei den Panels mit. „Es braucht immer einen, der vorangeht“, sagt sie über Breiter.

Vorangehen, das kann Breiter. Einst war er Musikproduzent, gründete das elektronische Musikfestival World Club Dome, das jährlich das Waldstadion füllt. Nun setzt er als Gründer von den „Smart Rebels“ seine Mittel für politische und gesellschaftliche Themen ein. „Wer für Wissenschaft oder Politik werben will, darf nicht die Bedeutung erklären, sondern muss die Aufmerksamkeit dafür gewinnen“, sagt er. Dafür setzt Breiter immer wieder auf DJ-Auftritte – oft auch an ungewöhnlichen Orten. Um Menschen neugierig zu machen und zusammenzubringen, hat er sogar schonmal einen Club in einen Jet gebaut oder auf der Raumstation ISS eine Clubparty feiern lassen. Breiter ist der Überzeugung: „Musik und Unterhaltung sind kein Gegensatz zu ernsten Themen, sondern ein Zugang.“ Es gehe ihm darum „Bubbles zu breaken“. Sehr frei übersetzt bedeutet das so viel wie: Nur, wer sich aus seinem Umfeld herausbewegt und offen für neue Menschen und ihre Ansichten ist, kann den eigenen Horizont erweitern. Für Teilnehmer Tim Lunau ist klar: „Es muss schon ein Funke da sein, um hier mitmachen zu wollen.“
Die Gäste an Bord des Zuges kommen aus verschiedenen Bereichen, viele sind schon in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft oder den sozialen Netzwerken aktiv. Auf die Frage, wie die Teilnehmer ausgewählt wurden, antwortet Breiter knapp: „Wir haben nicht nach Titeln oder Lebensläufen ausgewählt, sondern auf die Mischung geachtet.“ Rund 200 Bewerbungen seien eingegangen, von den als „Entscheider“ eingeladenen Gästen sind viele nicht gekommen. Für die Zugfahrt brauchen sie alle nichts zu zahlen, für den Rückweg gibt es einen Reisegutschein. Nur um eine Unterkunft müssten sich die Teilnehmer selbst kümmern. Finanziert wird die Aktion von Lotto Hessen, zudem investiert Breiter eigenes Geld.
Schon die Zugfahrt ist ein Erfolg für Breiter
Auch Alex fährt nach Berlin mit. Er war schon mal bei einer „Smart Rebel“-Veranstaltung dabei. Was damals das Thema war? Das weiß er nicht mehr, aber „das Essen und die Musik waren gut“.
Auch einige Influencer sind der Einladung gefolgt, darunter ehemalige Reality-TV-Teilnehmer oder Lifestyle-Influencer. Ihre Reichweite will sich Breiter zunutze machen. Mit ihren Handys sollen sie nicht nur die Stimmung festhalten, sondern dazu beitragen, dass durch die geteilten Fotos und Videos in den sozialen Medien Menschen erreicht werden, die mit klassischen Politikdiskussionen wenig anfangen können.

Mittlerweile ist mehr als die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Die Landschaft fliegt am Fenster vorbei und auch im Zug haben die Diskussionen an Fahrt aufgenommen. Die Menschen haben sich etwas zu sagen.
Der nächste Programmpunkt wirkt auf die einen daher eher wie eine lästige Unterbrechung, für andere ist es eine willkommene Abwechslung. Es geht um das Thema „Zugang zur Zukunft“. Beate Heraeus, die ehemalige Präsidentin der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung und Stadtverordnete, lobt die Grundidee der gemeinsamen Fahrt. Dennoch hoffe sie, dass bei der nächsten Aktion auch Reisende eingeladen werden, die an diesem Tag nicht mit an Bord seien. „Wir sind hier Teil einer privilegierten Gruppe, die wir für das nächste Mal weiten sollten“, regt Heraeus an. Organisator Breiter, der eigentlich nicht Teil des Panels ist, antwortet direkt. Über viele Kanäle habe man geworben, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen. Aber jeder lebe in seiner eigenen Bubble und durch Aktionen wie diese könne man in die nächste vorstoßen.
Eine Mitarbeiterin aus dem Team Breiter hört bei vielen der spontan entstandenen Gespräche zu und versucht Fragen an die Politik abzuleiten, die die junge Generation besonders beschäftigen. Diese sollen abends in der Hessischen Landesvertretung dem Staatssekretär Benedikt Kuhn übergeben werden. Was die Teilnehmer beschäftigt, soll so von der gemeinsamen Reise als Stimmungsbild einer jungen Generation nach Berlin getragen werden.
Ob darauf Antworten folgen, bleibt erstmal offen. Für Breiter ist das zweitrangig: Schon die gemeinsame Fahrt mit dem ICE, der Besuch in der Landesvertretung und die damit verbundene Sichtbarkeit wertet er als Erfolg. „Dass wir in ein System hineingelassen werden, in das man normalerweise nicht hineinkommt, ist nicht selbstverständlich und sorgt für Aufmerksamkeit.“ Er sagt: „Das war nicht der letzte Zug dieser Art.“
