Italiens Sommer brummt. Das ist seit Jahren so. Und seit Jahren wird davor gewarnt, das werde bald nicht mehr so sein. Wegen des Klimawandels würde es in den Ländern am Mittelmeer schon bald zu heiß und zu trocken für einen schönen Sommerurlaub. Skandinavien sei das Mittelmeer der nahen Zukunft, heißt es.
Auch dieses Jahr ist der Sommer in Italien heiß und trocken. Hier und da gibt es Waldbrände, von Brandstiftern willentlich oder von Dummköpfen fahrlässig entfacht. Und in Venedig und Florenz, in Rom und Neapel, auf Capri und an der Costa Smeralda stehen sich die Leute auf den Füßen.
Jedenfalls hat die Saison einen flotten Start hingelegt. Wetterberichte und Nachrichten, hohe Spritpreise und teure Flugtickets scheinen kaum jemanden abzuschrecken. Die Belegungsquoten der Unterkünfte sind von Südtirol über Sardinien bis Sizilien so hoch wie in keinem anderen europäischen Reiseland. Im Juni und Juli wurde bei den Übernachtungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Zuwachs von rund zwölf Prozent registriert. Tourismusminister Gianmarco Mazzi jubelt, das Land habe sich ungeachtet der globalen Herausforderungen als beliebtes Reiseziel behauptet und befinde sich „weiterhin auf Rekordkurs“.
In Apulien ist Streit ausgebrochen
Was Zahlen und Politiker sagen, bestätigt die Alltagserfahrung. Die Stabilimenti, die von Pächtern bewirtschafteten Strandbäder entlang der Küste, sind landauf, landab gut besucht. Auch an den Seen, in den Bergen und in den Kunststädten klagen Beherbergungs- und Gastronomiebetriebe über Personal- statt über Gästemangel. Und dabei hat der „heilige“ Ferienmonat, mit dem absoluten Höhepunkt zu Ferragosto am 15. August, noch gar nicht begonnen. Die Klage über die hohen Leihgebühren für Liegen und Sonnenschirme, über die gesalzenen Preise für Speisen und Getränke in den Stabilimenti gehört zum Sommerritual wie die tägliche Inanspruchnahme dieser Dienstleistungen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
In Apulien ist nun ein Streit ausgebrochen zwischen Strandbadbetreibern und der Regierung der Region am Stiefelabsatz. Einige Pächter haben es ihren Kunden untersagt, in ihren Einrichtungen mitgebrachte Speisen und Getränke zu verzehren. Es drohe nicht nur ein wirtschaftlicher Schaden, sondern auch ein „Imageverlust“, wenn Besucher Picknickgelage zwischen Liegen und Sonnenschirmen abhielten, statt ordnungsgemäß das angeschlossene Restaurant zu besuchen.
Regionalpräsident Antonio Decaro kritisiert die Pächter scharf. Schon die Kosten für Sonnenschirme und Liegestühle seien exorbitant. „Können wir wirklich von den Besuchern eines Strandbads verlangen, dass sie ausschließlich im dortigen Restaurant essen?“, fragt der Regionalpräsident. Er wirft den Strandbadbetreibern vor, ihre Kunden vor die Wahl zu stellen: „Esst bei uns oder gar nicht.“ Aber: „Das Meer ist ein Allgemeingut und darf nicht zum Luxus werden“, schreibt Decaro.
In fünf Monaten erwirtschaften die Pächter rund 15 Milliarden Euro
Doch der Widerspruch zwischen kostenlosem Allgemeingut und unerschwinglichem Luxus ist keiner. Denn das Meer und der Strand sind in Italien seit je beides. Grundsätzlich gehört die Küste „dem Volk“. Die Strandabschnitte der privat bewirtschafteten Lidos bleiben Eigentum der Gemeinde, die sie für unterschiedliche Dauer verpachten.
Es gibt rund 30.000 Pächter von Strandbädern. 98 Prozent sind Familienbetriebe, viele seit Generationen. In der Badesaison von Anfang Mai bis Ende September beschäftigen sie bis zu 300.000 Personen. In diesen fünf Monaten erwirtschaften sie rund 15 Milliarden Euro. Das im Sommer verdiente Geld muss die Familie das ganze Jahr über ernähren. Und es muss für die Instandhaltung des Strandbads reichen.
Man schätzt, dass die italienischen Kommunen rund 100 Millionen Euro pro Jahr an Pachtgebühren für Strandbäder einnehmen. Ist das viel oder wenig Geld für einen Wirtschaftszweig mit einem Jahresumsatz von 15 Milliarden Euro? Das ist angemessen, sagt der Verband der Strandbadbetreiber, man pflege den Strand und schaffe Jobs.

Das ist zu wenig, sagen Verbraucherschützer, weil es immer mehr bewirtschaftete Strandbäder und immer weniger freie Strandabschnitte gibt, wo jeder sein Handtuch ausbreiten und seinen Sonnenschirm aufstellen kann. Da von den Rathäusern viele Lizenzen für lange Zeiträume zu niedrigen Pachtzinsen vergeben werden, drängt sich der Verdacht von Nepotismus oder Korruption auf.
Hinzu kommt, dass Brüssel schon seit 2006 von Rom eine Art Revolution des Strandbetriebs fordert. Vor zwanzig Jahren verabschiedete die EU-Kommission die nach dem niederländischen Binnenmarktkommissar Frits Bolkestein benannte Richtlinie für Dienstleistungen. Danach müssen Konzessionen für Badeanlagen in einem transparenten Ausschreibungsprozess in der gesamten EU vergeben werden. Italiens Lidobetreiber warnen, bei Ausschreibungen nach EU-Vorgaben könnten sie mit ausländischen Tourismuskonzernen und internationalen Investmentfonds nicht mithalten und würden schon bald ihre Existenzgrundlage verlieren.
Die Strandbadbetreiber und die Parteien
Verschiedene Regierungen in Rom haben die Bolkestein-Norm allenfalls halbherzig durchgesetzt oder gleich ganz ignoriert. Denn der Fall ist politisch. Die Strandbadbetreiber unterstützen traditionell rechte und wirtschaftsfreundliche Parteien. Die versuchen ihrerseits, sich mit der Badeanstaltenlobby gut zu stellen. Es geht um Wählerstimmen.
Die seit Oktober 2022 amtierende Mitte-rechts-Koalition von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni versucht mit einer kreativen Lösung, den Graben zwischen den Forderungen der EU und den Erwartungen der Lidobetreiber zu überwinden. Dazu hat sie die Küste des Landes neu vermessen lassen. Die ist nach Angaben der staatlichen Umweltschutzbehörde Ispra rund 8300 Kilometer lang. Nach der neuen Vermessung kamen weitere rund 3000 Kilometer hinzu, wobei auch Fels- und Steilküsten, Industrie- und Hafengebiete dazugerechnet wurden.
In einem Schreiben an Brüssel legte Rom dar, dass Italiens Strand gar kein knappes Gut sei und mithin nicht unter die Bolkestein-Richtlinie falle. Verpachtete Badeanstalten besetzten gerade einmal gut 2100 Küstenkilometer, also weniger als ein Fünftel der gesamten Küstenlänge.
Nicht die Fehler der Toskana wiederholen
Mit der Argumentation kam die Regierung aber nicht durch. Die italienischen Küstengemeinden müssen spätestens nach der Badesaison 2027 mit der EU-konformen Neuausschreibung der Lizenzen für die Strandbäder beginnen. Schon sind verschiedene Regionen auf der Suche nach Ausnahme- und Übergangsregelungen zum Schutz der einheimischen Lidobetreiber.
Es ist kein Zufall, dass die Debatte über das Allgemein- oder Luxusgut Meer und über das Recht aufs Lunchpaket im Strandbad von Apulien aus über Italien schwappt. Die Region schickt sich an, zur Toskana des Mezzogiorno zu werden, ohne die Fehler zu wiederholen, die zum Übertourismus geführt haben: Qualitäts- statt Massentourismus lautet die Marschorder.
Als Italien im Juni 2024 das Gipfeltreffen der Gruppe der sieben führenden westlichen Industriestaaten auszurichten hatte, lud Meloni die Staats- und Regierungschefs in das Luxusresort Borgo Egnatia ein, auf halber Strecke zwischen Bari und Brindisi im Hinterland an der Adria gelegen. Die Welt sollte eine aufstrebende Region und Destination sehen, nicht überlaufen, aber reich an Schönheiten der Natur, Kultur und Architektur – vom barocken Schmuckstück Lecce über die weiße Stadt Ostuni bis zu den berühmten Trulli von Alberobello.

Unweit von Borgo Egnatia, wo internationale Stars und italienische Sternchen absteigen, soll an der Costa Merlata ein weiteres Luxusresort entstehen. Die Hotelkette Four Seasons will auf einem neun Hektar großen Gelände direkt an der Küste ein Fünfsterneresort mit 150 Apartments und 29 Villen betreiben. Die weitläufige Anlage werde „in eine ländliche und idyllische Landschaft eingebettet“ und ihren Gästen „Komfort, Privatsphäre und die authentische Tradition der Region garantieren“, heißt es in der Unternehmensprosa. Geplant sind zahlreiche Außen- und Innenpools, ein Spa und ein Fitnesscenter, Räumlichkeiten für Veranstaltungen und Hochzeiten, ein Gourmetrestaurant und ein exklusiver Beach Club. Das Investitionsvolumen wird auf 100 Millionen Euro geschätzt.
Von Übertourismus und gleichförmigen Strandbädern ist an dem betreffenden Küstenabschnitt an der Adria nichts zu sehen, im Gegenteil. Auf den abgeernteten Feldern liegen Strohballen. In den überschaubaren Wohnanlagen ringsum, mit einstöckigen Ferienhäusern, kleinen Pensionen und Fischrestaurants, blühen Bougainvillea und Oleander um die Wette. Ein Schotterweg für Fahrräder führt an der felsigen Küste entlang, vorbei an kleinen Sandbuchten und an windgebeugter Pinienmacchia. Auf den Parkplätzen steht eine Handvoll Autos und Camper, überwiegend mit italienischen Kennzeichen. Es ist ein stiller Landstrich, eigentlich wie geschaffen für ein Resort im Hochpreissegment, das sich den Prinzipien der Nachhaltigkeit beim Umgang mit natürlichen Ressourcen und der Landschaft Apuliens verpflichtet hat.

Doch gegen das seit 2021 geplante und inzwischen als „Bill-Gates-Resort“ gebrandmarkte Projekt regt sich nun Widerstand. Denn der Microsoft-Gründer, der 71,5 Prozent der Anteile an der Four-Seasons-Kette hält, ist vom Liebling der umweltbewegten Globalisierungselite, vom Helden im Kampf gegen Malaria und Corona zum düsteren Gefährten des seriellen Missbrauchstäters Jeffrey Epstein abgestürzt.
Zudem nehmen Naturschützer und linke Politiker daran Anstoß, dass das Projekt vom staatlichen Förderungsprogramm für den wirtschaftlich abgehängten Süden des Landes profitiert und deshalb weniger strenge Umweltauflagen befolgen muss.
Anfang Juli haben Aktivisten der Umweltschutzorganisation Legambiente auf dem Gelände einen Protestspaziergang unternommen und ein Transparent mit der Aufschrift „Hände weg von der Küste“ entrollt. Der Ko-Vorsitzende des Bündnisses von Linken und Grünen, Angelo Bonelli, kündigte eine Initiative seiner Partei im Parlament in Rom an, um die Aufhebung der vorläufigen Genehmigung für das Projekt zu erreichen. „Es ist inakzeptabel, dass ein multinationaler Konzern in dieses Land kommt, einfach macht, was er will, und unsere Natur zerstört“, schimpft Bonelli.
Aus der Regionalhauptstadt Bari, wo die Sozialdemokraten den Regionalpräsidenten stellen und das Parlament dominieren, heißt es, die Umweltverträglichkeitsprüfung für das Projekt sei noch nicht abgeschlossen.
Für das von der Mitte-rechts-Koalition in Rom unterstützte Vorhaben könnte es in der seit gut zwei Jahrzehnten von der Linken regierten Region Apulien eng werden. Denn der Sommer und die Frage, wie die Sommerfrischler ihre Ferien verbringen sollen, sind in Italien immer politisch.
