
Die letzten Tage des libanesischen Sommers sind angebrochen. An manchen Orten scheint es wie immer zu sein, der bewaffnete Konflikt im Süden Libanons in weiter Ferne zu liegen. In beliebten Ausflugslokalen eilen die Ober von vollem Tisch zu vollem Tisch. In den Nachtklubs drängen sich die Leute, während sich die Autos stauen auf der Schnellstraße in die Badeorte im Norden. Die Libanesen, die es sich noch leisten können, tun, was sie immer tun, Krieg hin oder her: Sie konsumieren. Doch am Horizont ziehen dunkle Wolken auf. Die einfachen Leute fürchten die Tage, an denen die Geschäfte wieder schlechter laufen, weil die Ferien enden und nicht mehr Heerscharen von Auslandslibanesen zu Besuch sind, die die Wirtschaft beleben.
So geht es jahrein, jahraus. Aber vor allem in diesem Sommer ist die Stimmung gedrückt. In vielen Lokalen war das Personal gelangweilt. Die sonst rappelvollen Hotelanlagen waren laut Tourismussyndikat unter der Woche nur zu 40 Prozent ausgebucht. Insgesamt ging der Tourismus im Vergleich zum Vorjahr um 35 Prozent zurück. Der Krieg zwischen Iran und den Vereinigten Staaten hat jene beunruhigt, die ihr Geld am Golf verdienen. Mancher blieb aus Furcht vor einer neuen Eskalation kürzer als üblich, um nicht in der Heimat festzuhängen, sollten Teherans Raketen die Flughäfen dazu zwingen, den Betrieb auszusetzen.
Flüge von und nach Beirut sind dieser Tage wegen der andauernden bewaffneten Konfrontation zwischen Israel und der vom Regime in Teheran gelenkten Hizbullah überfüllt und enorm teuer. Nur wenige Fluggesellschaften wagen, die libanesische Hauptstadt überhaupt anzufliegen. Außerdem setzt die Krise in der Heimat auch die im Ausland lebenden Libanesen unter finanziellen Stress, weil viele von ihnen ihre Familien unterstützen, die angesichts des Libanonkrieges in zunehmender Geldnot stecken.
Die Inflationsrate im Land ist stark gestiegen. Beirut sei inzwischen teurer als Paris, lautete eine wiederkehrende und verblüffende Klage dieses Sommers. Laut einem Bericht der Weltbank verursacht der im März begonnene neue Libanonkrieg dem Land einen Einkommensverlust von 3,571 Milliarden Dollar. Der Wirtschaft wird ein Rückgang von 6,4 Prozent prognostiziert. Die Voraussagen libanesischer Ökonomen sind noch pessimistischer. Ein Taxifahrer, der an leeren Bars einer beliebten Ausgehstraße vorbeirollt, fasst es in die Formel: „Dieses Land stirbt einen langsamen Tod.“
Israel erhöht den militärischen Druck
Erleichterung ist nicht in Sicht – im Gegenteil. Gerade sieht es so aus, als würde die Konfrontation im Süden wieder eskalieren. Israel erhöht den militärischen Druck. Die Streitkräfte verstärken die Luftangriffe. Laut Berichten in der israelischen Presse hat sich die Armeeführung auf eine härtere Gangart verlegt. Am Freitag wurde dabei der Tod einer libanesischen Zivilistin im Distrikt Nabatieh gemeldet. Die Frau sei gerade einmal 48 Stunden verheiratet gewesen, berichtete die staatliche libanesische Nachrichtenagentur NNA.
Im Zentrum der Kampfhandlungen steht eine Anhöhe, über die in Libanon dieser Tage alle sprechen: Ali Taher. Der etwa 600 Meter hohe Kamm ist strategisch wichtig. Er liegt nahe der Stadt und Hizbullah-Hochburg Nabatieh. Wer die Anhöhe kontrolliert, kann Versorgungswege unter Druck setzen. Mit der Eroberung des Kamms könnte Israel den Nachschub der Hizbullah massiv stören, heißt es aus libanesischen Regierungskreisen. Von dort hätte das israelische Militär gute Sicht auf Südlibanon und den „Finger von Galiläa“, eine Landzunge im Norden Israels. Außerdem könnte die Armee von dort auch die elektronische Überwachung verstärken.
Israels Streitkräfte beschreiben den Ali-Taher-Kamm außerdem als eine „Schlüsselbastion“ der Hizbullah. Militärfachleute in Libanon vermuten dort Tunnel- und Bunkeranlagen der Schiitenmiliz. Es gibt ferner unbestätigte Medienberichte, laut denen auf der Anhöhe Elitekräfte der Hizbullah präsent sein sollen. Ein Teil der Infrastruktur sei mit iranischer Unterstützung errichtet worden, heißt es. Leute aus der Gegend berichten, es gebe viel Gerede über eine Hizbullah-Bastion auf der Anhöhe. Es habe aber nie jemand etwas gesehen. Die Miliz agiere im Verborgenen.
„Jeden Tag hören wir den Krieg“
Zu den Leuten aus der Gegend gehört der Besitzer eines Sanitärwarengeschäfts, der sich Abu Ali nennt. Sein Heimatdorf Kfar Sir liegt westlich des Ali-Taher-Kamms. Derzeit ist es von israelischen Angriffen verschont. Aber Gefechtslärm ist ein ständiger Begleiter. Die Einwohner leben in Angst. „Jeden Tag hören wir den Krieg. Es sind laute Einschläge und Explosionen“, berichtet Abu Ali am Telefon. „Alle leben aus dem Koffer. Er steht immer griffbereit, damit wir schnell fliehen können. Die Kämpfe klingen auch immer intensiver, und die Angriffe kommen immer häufiger.“
In den umliegenden Dörfern, deren Ortsbild seit Längerem von den Trümmern des Krieges geprägt ist, lebe derzeit niemand, sagt Abu Ali. Er überlegt wieder, sich nach Norden in Sicherheit zu bringen. Einmal schon habe er sein zerstörtes Geschäft wiederaufbauen müssen, das während des Israel-Hizbullah-Krieges von 2024 zerstört wurde. „Ich habe 250.000 Dollar verloren“, sagt er. „Und was ich jetzt verdiene, reicht bei Weitem nicht, um mir eine neue Existenz aufzubauen.“
Abu Ali hat wenig Hoffnung, dass sich an der Lage in seinem Land bald etwas ändert. Er ist Schiit, aber kein Anhänger der Hizbullah, wie auch vertrauenswürdige Gewährsleute bestätigen. Auch sein Whatsapp-Profilbild zeigt keinen Anführer der Miliz, sondern den kubanischen Revolutionär Che Guevara. Abu Ali ist skeptisch, was die direkten Verhandlungen zwischen der libanesischen und der israelischen Regierung betrifft, die der bewaffneten Konfrontation ein Ende bereiten sollen. „Wir als Libanesen sind in einer zu schwachen Position. Wenn man erfolgreich verhandeln will, muss man Stärke zeigen.“ Einen Ausweg, der nicht einer Kapitulation gleichkomme, gebe es nur, wenn „der Widerstand“ Bedingungen stellen könne.
Die Hizbullah will nicht nachgeben
Damit ist die Hizbullah gemeint, die mit dieser Vokabel den Kampf gegen Israel verbrämt. Die Miliz will das Land erklärtermaßen vernichten und ist nicht Teil der Gespräche. Sie verurteilt die direkten Kontakte der Regierung in Beirut zum südlichen Nachbarland als Verrat. Die Miliz will ihr Waffenarsenal nicht aufgeben, was ein zentrales Hindernis für eine Einigung ist. Ihr Anführer Naim Qassem hat das in seiner jüngsten Ansprache zum Geburtstag des islamischen Propheten Mohammed noch einmal bekräftigt. Die Hizbullah werde sich nicht „ergeben“, sagte er. Das schon geschlossene Rahmenabkommen, das eine Art Fahrplan für eine friedliche Lösung des Libanonkonfliktes festlegt, bezeichnete er als „illegitim“. Qassem beschwor stattdessen Durchhaltewillen. Auch der Prophet habe sich stetig gegen Feinde und Widerstände zur Wehr setzen müssen.
Israel verlangt eine Entwaffnung der Hizbullah als Bedingung für einen Abzug aus libanesischem Territorium und ein Ende der Operationen in Libanon. Trotz eines nominellen Waffenstillstands gibt es täglich israelische Angriffe und Beschuss. Das israelische Militär hält einen Grenzstreifen als „Sicherheitszone“ besetzt und macht dort systematisch Dörfer dem Erdboden gleich.
Die Verhandlungen, die unter amerikanischer Regie geführt werden, sind festgefahren. Sie sollen Anfang September fortgesetzt werden, aber ein konkretes Datum gibt es noch nicht. Beirut will zwar auch, dass der Staat „das Monopol auf Waffen“ erringt, dringt aber auf einen israelischen Abzug ohne Vorbedingungen. Die libanesische Armeeführung schreckt vor einem energischen Durchgreifen zurück, weil sie eine Konfrontation im Inneren fürchtet und eine Spaltung der Streitkräfte, in denen auch viele Schiiten dienen und die von der Hizbullah unterwandert sind.
Die Regierung von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat indes mehrmals deutlich gemacht, die Militärpräsenz in Libanon auf unbestimmte Zeit fortsetzen zu wollen. Zuletzt wurde an die israelische Presse durchgestochen, Israel sei unzufrieden über den Fortschritt in den vereinbarten „Pilotzonen“. Aus denen sind die israelischen Truppen abgezogen, um die Kontrolle an die libanesischen Streitkräfte zu übergeben, die dort die Entwaffnung der Hizbullah und die Beseitigung militärischer Infrastruktur der Miliz voranbringen sollen. Libanesische Kommentatoren fürchten, dass jetzt die Eskalation am Boden den Ton setzt. Und dass mit einem militärischen, von Washington akzeptierten „Fait accompli“ auf dem Ali-Taher-Kamm neue Realitäten geschaffen werden.
„Tyrannei des Terrains“ in Südlibanon
Militärisch dürfte das nach Einschätzung von Sicherheitsfachleuten in Beirut allerdings keine Wende bringen. Sie sprechen von der „Tyrannei des Terrains“ in Südlibanon. Hinter Anhöhen wie der von Ali Taher liege schließlich meistens eine weitere, die unter Kontrolle der Hizbullah sei. Die Miliz hat mit Kamikaze-Drohnen, die über haardünne Glasfaserkabel gelenkt werden, zuletzt eine tödliche Waffe gegen das israelische Militär entdeckt. Und von Quellen mit Verbindungen in die Schiitenorganisation heißt es, die Hizbullah rekrutiere aktuell junge Männer, um diese zu steuern. Neben dem Nachschub an Personal ist auch der an Waffen offenbar nicht versiegt. Es gibt sogar Berichte von Hizbullah-Kommandeuren, nach denen es Schmugglern gelingt, Waffen über Syrien nach Libanon zu bringen, obwohl dort seit dem Sturz des Assad-Regimes Feinde der Schiitenmiliz herrschen.
Unter libanesischen Politikern aus dem Lager der Hizbullah-Gegner herrscht angesichts der Lage die Sorge, dass der ruinöse Konflikt auch im Winter andauert. Und im nächsten Sommer. Schon jetzt steht unter den Gegnern der Schiitenmiliz dringlicher denn je die Frage im Raum, was für das Land schädlicher wäre: ein Ende mit Schrecken, wenn die Armee einen offenen Konflikt mit der Hizbullah riskiert – oder ein Schrecken ohne Ende.
