Vollständig, aber nicht ganz. Zwei Dutzend erfahrene Parlamentarier durften unter der Prämisse bleiben, dass sie ihren Status ändern, also nach dem Verlust ihres Erbanspruchs als neu ernannte Lords auf Lebenszeit wiederkehren, so wie die bürgerlichen Mitglieder auch. Sie werden gemeinhin auf Vorschlag des jeweiligen Premierministers vom König zum Baron erhoben und dürfen sich dann einen Herkunftszusatz zu ihrem Titel aussuchen.
So nennt sich Shaun Bailey, ein früherer Sozialarbeiter und Londoner Kommunalpolitiker der konservativen Partei, gemäß seinem Wohnort seit drei Jahren Lord Bailey of Paddington. Arlene Isobel Foster, die einst die Regionalregierung in Belfast führte, heißt nach ihrem nordirischen Jugendwohnort Baroness Foster of Aghadrumsee.
Zum Gespräch bittet der Herzog in den Bankettsaal
Nach diesem Muster firmiert der neunte Nachfahr des ersten Herzogs nun offiziell nicht mehr als „Duke of Wellington“, sondern neuestens als „Baron Wellington of Stratfield Saye“ in der zweiten Parlamentskammer. Sein neuer Namenszusatz weist auf den Landsitz der Wellingtons hin, ein Herrenhaus westlich von London, über das Königin Victoria einst urteilte, es sei ein ziemlich niedriges und nicht sehr großes Schloss, aber „anheimelnd und komfortabel“.
Wellington erzählt die Geschichte von seinem neuen Adel und setzt gleich hinzu, „aber niemand nennt mich jetzt so“. Im „House“, also im Oberhaus, verwende jeder weiterhin in Anreden den älteren Titel. Zum Gespräch bittet der Herzog in den Bankettsaal von Apsley House, dem Londoner Stammsitz der Familie.
Das Palais ist längst als Museum öffentlich zugänglich, der Hausherr hält weiter ein privates Apartment in einem Seitentrakt. Der große Saal beherbergt die Gemäldegalerie. Es ist zugleich der Ort, an dem der Sieger von Waterloo einst jedes Jahr die Teilnehmer der Schlacht zu einer Tafelrunde versammelte. Der gegenwärtige Herzog hat den Raum vor einem Jahrzehnt aufwendig denkmalgerecht restaurieren lassen – und zum Abschluss Nachfahren der alten Helden zu einem Gedenkdinner dorthin eingeladen. Es sei auch ein Blücher dabei gewesen, erinnert er sich.
Ein Geschenk aus Preußen
Die Wellingtons sind bei Weitem nicht das älteste englische Adelsgeschlecht, womöglich aber das berühmteste. Und in Apsley House ist eine Schatzkammer, die Devotionalien dankbarer Königshäuser aus ganz Europa versammelt.
Mehr als die Hälfte der Gemälde hat der erste Wellington selbst zusammengetragen, die meisten anderen stammen aus spanischem Besitz. Der Feldherr hatte sie zunächst Napoleon abgejagt, der spanische König hatte sie ihm später geschenkt. Auch die Armleuchter im großen Saal sind Geschenke aus Spanien. Das Tafelporzellan, das im Erdgeschoss verwahrt wird, zählt zum Aufwendigsten, was die Berliner Porzellanmanufaktur je erzeugte; das schickte der preußische König nach London.
Eigenhändig rollt der schmale, gepflegte Herr die bodentiefen Spiegel vor den Fenstern des großen Saales beiseite, um Licht hereinzulassen. Er stützt das Gerüst einer Nation, die in den letzten Jahrzehnten viel Stabilität verloren hat, teils durch äußere politische Stürme, teils durch zerstörerischen Streit und Ignoranz zu Hause; der Brexit steht für beides.

Den Brexit hält er für einen Fehler
Der neunte Herzog von Wellington, der, um die Sache noch komplizierter zu machen, wie alle seine Vorfahren den Familiennamen Wellesley trägt, hatte in der Krönungsfeier von König Charles III. eine zeremonielle Rolle. Er präsentierte in der Einzugsprozession die Krone, mit der die Gemahlin des Königs, Camilla, zur Königin gekrönt wurde.
Das politische Arbeitsfeld des neunten Herzogs ist derweil, wie es anders kaum sein könnte, die Europapolitik. Und während sein Vorfahre das Schicksal Großbritanniens – und Europas – auf dem Schlachtfeld bestimmte, sucht der Nachkomme auf dem Feld der Gesetzgebung Korrekturen und Verbesserungen anzubringen, die gleichfalls beiden Seiten zugutekommen können.
Den Austritt des Vereinigten Königreiches aus der Europäischen Union hielt Wellington für einen gravierenden Fehler, „extrem enttäuschend“, seither arbeitet er nach eigenem Bekunden „ein bisschen daran, dass der Schaden so gering wie möglich bleibt“.
Momentan beugt sich der Ausschuss für Europäische Angelegenheiten des Oberhauses, dem der Herzog angehört, über das geplante Abkommen zwischen Brüssel und London zum Handel mit tierischen und pflanzlichen Produkten, das bald wieder den Im- und Export von Lebensmitteln entscheidend vereinfachen soll. Der Herzog referiert kundig über die Hürden, die da noch zu überwinden sind, weil es einer Ausnahmeregel für die in Großbritannien zulässige Genom-Editierung bedürfe; er erwähnt beiläufig, dass es „am anderen Ort“, also im Unterhaus, seit dem Vollzug des EU-Austritts gar keinen Ausschuss für Europafragen mehr gebe.
Die Theorie des „guten Kerls“
Der Herzog verkörpert selbst in seiner Person europäische Geschichte. Er trägt die ererbten Titel eines belgischen und niederländischen Prinzen von Waterloo, eines portugiesischen Herzogs von Vittoria und eines spanischen Herzogs von Ciudad Rodrigo (sämtliche Ortsnamen erinnern an siegreiche Schlachten gegen Napoleon). Zudem verwaltet er auch Besitztümer in jenen Ländern, die seinem Urahn einst aus Dankbarkeit vermacht wurden, und ist seit fast fünfzig Jahren mit einer preußischen Prinzessin, Urenkelin des letzten deutschen Kaisers, verheiratet.
Aber der neunte Träger der Wellington’schen Herzogwürde versinnbildlicht außerdem eine Haltung in seinem politischen Engagement, die mittlerweile als Ausnahme ins Auge fällt. Es ist der Typus des „guten Kerls“, des „good chap“ – eines politischen Charakters, der von dem Zeithistoriker Peter Hennessy vor einigen Jahren umrissen und mit Augenzwinkern ins Zentrum einer politischen Theorie gestellt wurde. Danach hängt die Stabilität eines freien demokratischen Gemeinwesens – und besonders der britischen Demokratie mit ihrem nicht schriftlich fixierten Verfassungsgefüge – wesentlich von der Selbstbeschränkung ihrer Akteure ab.

Es ist einleuchtend, dass Hennessy, der als Lord Hennessy of Nympsfield zu Wellingtons Kollegen im Oberhaus gehört, seine Typologie des ethischen politischen Akteurs in jenem Moment entwickelte, in dem Donald Trump in Washington und Boris Johnson in Westminster jene unsichtbaren Grenzen unbekümmert zu überschreiten begannen.
Wellington verließ die Fraktion der Konservativen
Johnsons Agieren als Premierminister lieferte den Grund dafür, dass der Herzog von Wellington bald nach dem Beginn von Johnsons Amtszeit mit einer jahrhundertealten politischen Tradition seiner Familie brach. In seiner Jugend hatte Arthur Wellesley, lange bevor er den Herzogstitel von seinem Vater erbte, mit einer Laufbahn in der Politik geliebäugelt.
Er kandidierte vergeblich als Kandidat der Konservativen für ein Unterhausmandat in London, zog aber 1979 für seine Partei ins Europaparlament ein und blieb für zwei Wahlperioden dort, bevor er eine Karriere als Geschäftsmann verfolgte. Die Konservativen waren seit jeher die politische Heimat der Familie; schon der Erste Herzog gehörte den Tories an und repräsentierte sie als Premierminister.
Doch 2019 verließ Wellington die Fraktion der Konservativen im Oberhaus und nahm stattdessen in den Reihen der „Querbänkler“ Platz, wie sich deren englische Bezeichnung „Crossbencher“ wörtlich übersetzen ließe. Den Grund seines Austritts aus der Tory-Fraktion lieferte Boris Johnsons Versuch, nach der Sommerpause des Jahres 2019 das Parlament nicht wieder einzuberufen. Er bewegte Königin Elisabeth II. dazu, die Parlamentsferien entgegen aller ungeschriebenen Konventionen bis in den Oktober hinein zu verlängern; erst ein Urteil des Obersten Gerichtshofes beendete diesen Ermächtigungsversuch.
Heimat bei den Querbänklern
Wellington sagt, nach seinem Urteil sei Johnsons Aktion „völlig unkorrekt gewesen“, er habe die Überzeugung gehabt, „kein konservativer Premierminister sollte sich je so aufführen“. Also sei er 2019 bei den Konservativen ausgetreten und habe es „nie bereut“. Der Kreis der unabhängigen Crossbencher sei so viel bunter und anregender, schwärmt der Herzog. Da gebe es Schullehrer und Nuklearphysiker und ehemalige Geheimdienstchefs. Viele Spitzenbeamte und Militärs, die auf herausgehobenen Positionen im britischen Staatsapparat dienten, werden nach ihrer Pensionierung zu Lords auf Lebenszeit geadelt und nehmen dann fast immer auf den Querbänken im Oberhaus Platz.
Die seien schon deswegen der interessantere Ort, weil anders als auf den Bänken von Labour oder den Konservativen jeder Fraktionszwang fehlt. „Jetzt muss ich immer selbst überlegen, wie ich mich in Abstimmungen entscheiden soll“, sagt Wellington, also sei er gezwungen, „sich viel stärker zu engagieren“.
Eine unvollendete Reform
In den Debatten, die der Absetzung der Erbadeligen vorausgingen, hat Wellington das Wort ergriffen – nicht, um sich gegen die Vertreibung von seinesgleichen von den rotledernen Sitzbänken zu wehren, sondern um daran zu erinnern, dass weitere Schritte sinnvoll seien, wenn denn schon eine Reform des Oberhauses unternommen werde.
Er begann mit dem Eingeständnis, es sei „kein bequemes Gefühl“, quasi in eigener Sache sprechen zu müssen, und hielt dann fest, die gegenwärtige Labour-Regierung habe „jedes Recht“ zu ihrem Schritt, denn er sei im Wahlprogramm und im Regierungsprogramm (der vom Monarchen verlesenen Thronrede) ausdrücklich angekündigt worden.
Allerdings habe es die Regierung versäumt, weitere Elemente hinzuzufügen, die sie gleichfalls in ihrem Wahlprogramm aufführte, etwa die Einführung einer Ruhestandsgrenze. Wellington hielte 80 Jahre für angemessen, auch wenn er dann selbst seinen Abschied nehmen müsste. Oder die verbindliche Einführung eines Sanktionskatalogs bei Verstößen gegen den Ehrenkodex, wie es ihn im Unterhaus gibt. Die Lords des Oberhauses kommen bislang milde davon, wenn sich etwa herausstellt, dass sie gegen Bezahlung bestimmte Fragen an die Regierung stellen oder gar gegen Geld Zugänge zu Ministern oder Staatssekretären öffnen.
Gummistiefel und ein Rinderfilet
Dass der Erbadel nun von den roten Bänken verschwunden ist, bedauert Wellington, obwohl er sich nicht dagegen gewandt hat. „Sie waren ein Element der Vielfalt.“ Viele Adelsträger, die sich in der Gesetzgebung engagierten, wären ja nie bereit gewesen, sich parteipolitisch zu binden und für ein Mandat zu kandidieren, hätten auf diese Weise aber doch ihre Stimme und ihre Erfahrung hörbar machen können.
Auch der erste Herzog von Wellington, der in das politische Amt des Premierministers vor zweihundert Jahren berufen wurde – und der seiner Nation auch eine Bezeichnung für Gummistiefel (Wellington Boots) und Filet im Teigmantel (Beef Wellington) hinterließ –, habe seine wichtigsten Reden nicht in dieser Funktion, sondern später im Oberhaus gehalten. Dort beeinflusste er die großen Debatten über die politische Emanzipation von den Katholiken im Königreich und über die Abschaffung der Getreidezölle.
Und er habe damals schon hellsichtig festgestellt, dass ein Gesetz, das in der Thronrede angekündigt und vom Unterhaus mit Mehrheit beschlossen worden sei, vom Oberhaus nicht unendlich lang blockiert oder gar verhindert werden dürfe. Sein Nachfahre mutmaßt, „aber dass ich den Konservativen die Gefolgschaft gekündigt habe, darüber wäre er bestimmt entsetzt gewesen“.
